Reuel Golden (Hrsg.) – 75 Years Of Capitol Records (Buch)

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75 Years of Capitol Records - Pic © TASCHENMachen wir es kurz: ein ultimativer Fotoprachtband zum Thema Musik. In sagenhafter Papier- und Druckqualität. Hunderte von häufig ganz- oder sogar doppelseitigen Fotos! Unglaublich liebevolle Gestaltung bis hin zum Layout stellt u.a. eine perfekte Balance zwischen der puren Ästhetik der spektakulären Bilder und den informativen Texten sicher. Eine selten erlebte Einheit von Form und Inhalt – so wie Capitol Records sich für sein Hauptquartier, den Capitol Tower in Hollywood, von einem Schallplattenstapel inspirieren ließ, so wird das Buch, das die Geschichte dieses Unternehmens erzählt, von einer Goldenen Schallplatte in Lebensgröße geziert, die dem schweren Schutzumschlag gleichzeitig mit Mittelloch und Nippel als Verschluss dient.

Dieses Einheitsstreben setzt sich in zahlreichen Details fort. So ist der eigentliche Umschlag mit golden glitzerndem Glamour-Stoff bezogen, über dem erhaben und ebenfalls etwa in Originalgröße ein Mikrofon aus den Capitol-Studios prangt. Herausgeber Reuel Golden geht mit Fotos um wie ein gutes Museum mit seinen besten Gemälden: zu jedem Motiv finden sich Legende, Name des Fotografen, Entstehungsjahr und –ort soweit bekannt etc.

75 Years of Capitol Records - Pic © TASCHENA propos Ausstattung – TASCHEN hat ohnehin eine Tradition von ausgezeichneten mehrsprachigen Ausgaben. Für das vorliegende Buch hat man sich – wohl um den Lese- und Betrachtensfluss nicht zu stören, zu einer maximal aufwändigen Lösung entschlossen: Das Hauptwerk ist komplett englisch betextet, ihm beigelegt ist aber ein 46-seitiges Booklet im Format von bedruckten LP-Hüllen, das sämtliche Texte auf Deutsch und Französisch beherbergt. Also hat dieses Magnum Opus nur Vorzüge und es gibt wirklich rein gar nichts zu bemängeln? Dochdoch, durchaus, auf Folgendes sollten Sie vor Erwerb des Buches vielleicht achten:

  • Der Band bringt über sechseinhalb Kilo auf die Waage. Das ist zwar bedeutend weniger als ein Aquarium, aber ganz erheblich mehr, als das Kampfgewicht der meisten Bücher einschließlich Atlanten. Die Statik von Coffetable, Bücherregal (falls es überhaupt groß genug ist) und Wohnzimmerfußboden sollte vorab also einer Prüfung unterzogen werden.
  • Auch frei umherlaufende Kleintiere leben gefährlich in einer Welt, in der Bücher wie dieses plötzlich zugeklappt werden oder gar vom Tisch fallen.
  • Tatsächlich könnte es ratsam sein, einen Arzt zu befragen, bevor ein Lesen auf den Oberschenkeln probiert wird, um Ermüdungsbrüche auszuschließen.

Wem das alles zu heikel ist, der bleibt halt bei seinen Pixi-Büchern oder besser noch bei seinem federleichten eBook-Reader. Dieses Monument von einer Fotochronik will solche Leser überhaupt nicht. Sondern idealerweise solche, die Dinge noch anfassen, fühlen und ihr Gewicht spüren wollen (selbst wenn es bei Umzügen immer zum Ausdünnen des Freundeskreises führt, wenn die Schallplattensammlung bewegt werden soll). Zurück zum Buch – und seinem Thema, einem der weltweit wichtigsten Schallplatten-Label.

75 Years of Capitol Records - Pic © TASCHENDas von einem angenehm persönlichen Vorwort von Beck eingeleitete Werk ist, wie es sich gehört, in Tracks – also Musiktitel – unterteilt. Der erste heißt „1942-1960“ und beschreibt natürlich die Gründung durch den Songwriter Johnny Mercer, die sich alsbald einstellenden ersten Hits, den ersten Superstar (Nat King Cole). Ende der Vierziger ist Capitol bereits das viertgrößte US-Label nach Columbia, Decca und RCA Victor. Es war das erste Label an der Westküste und das erste, das alle drei Plattenspezifikationen produzierte und vertrieb: 78, 45 und 33 1/3 rpm. Wir erleben Les Paul und Mary Ford u.a. als Pioniere des Multitrack-Aufnahmeverfahrens. Wir sehen, wie der Columbia-Künstler Frank Sinatra zu Capitol wechselt.

Die britische EMI erwirbt nennenswert Anteile (1955) und der Capitol Tower wird errichtet (1956). Mit Duke Ellington und Miles Davis schärft sich das Profil des Labels, das später Blue Note übernehmen wird, mit Jazz-Titanen. Track 2 bringt den Soundtrack und die Geschichten der Jahre „1960-1970“ zum Erklingen. Die Beach Boys lassen uns „Pet Sounds“ hören und schließlich stoßen auch die Beatles (via Parlophone) zur Capitol-Familie. Dass es sich hier um die größten Goldesel der Labelgeschichte handelt, verhinderte nicht, dass Beatles-Alben bis „Revolver“ (1966) für den US-Markt mit nach eigenen Gutdünken mehr oder weniger Stücken erschienen (S. 107). Spätestens das Monterey Pop Festival etabliert Pop und Rock als legitime Kunstformen (S. 109). Jimi Hendrix spielt mit der Band of Gypsys und für Capitol.

Die größte Festivalsensation, Janis Joplin, wird von Columbia weggeschnappt. Doch Quicksilver Messenger Service, Steve Miller und The Band sind mehr als würdiger Ersatz. In nie langweilig werdenden Anekdoten tauchen Linda Ronstadt und Ravi Shankar auf, bevor die Nadel Track 3 erreicht: „1970-1980“. Und damit auch das Prog-Evangelium „The Dark Side Of The Moon“. Der Vertrag für die US-Nutzungsrechte über einen Vorschuss von einer halben Million Dollar und „13 oder 14 Prozent Tantiemen“ wurde buchstäblich auf einer Serviette aufgesetzt – und unterschrieben (S. 232).

75 Years of Capitol Records - Pic © TASCHENDoch auch mit Grand Funk Railroad und Steve Miller machen die Capitolisten richtig Umsatz. Vom Erfolg verwöhnt und mutiger gemacht werden auch die deutschen Kraftwerk unter Vertrag genommen. A propos Millionsellers – die 15 Millionen verkauften Exemplare von Tina Turners „Private Dancer“ gehören schon in Track 4 „1980-2000“. The Tubes und die Foo Fighters machen jeder auf seine Weise Aufruhr. Mit Iron Maiden, W.A.S.P., Billy Squier und Megadeth bahnen sich härtere Klänge die Wege aufs Klang-Kapitol. Rock wird „alternative“, was Formationen wie Radiohead einschließt. Das letzte vor der Auslaufrille ist Track 5 – „2000-Present“, eine Zeit, in der Katy Perry als „the biggest pop star in America“ gelten kann. Anspruchs-Fans trösten sich da beispielsweise mit dem Sub-Label Harvest, der Heimat von „progressive left-field rock acts from Pink Floyd to Wire“ (S. 372). Besagte Auslaufrille besteht dann aus einem lesenswerten Essay von Alan Hess zu „The Architecture of the Capitol Records Tower“, einer besonders atemberaubenden Fotostrecke zu Künstlern und Studioszenen und schließlich einer Zusammenstellung von 75 Original-Album-Covern – sicher die schönste Art, diesen Prachtband zu 75 Jahren Capitol zu beenden.

Cover © Taschen Verlag

Wertung: 14/15 dpt


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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

Wie wurdest du zum booknerd?
Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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