Leises Kleinod aus Japan

Keiko Furukura ist anders. Für sie ist die Welt unübersichtlich komplex, eine Quelle ständiger Missverständnisse. Die Emotionen ihrer Mitmenschen kann sie nicht lesen. Dabei möchte sie unbedingt ein Teil der Gesellschaft sein und den Ansprüchen der anderen genügen.

Als Aushilfskraft in einem 24-h-Laden, einem sogenannten Konbini, findet die junge Frau schließlich ihren Platz im Leben.

„Vor allem morgens, wenn der Tag beginnt und die Menschen an unserer fleckenlos polierten Scheibe vorbeieilen, genieße ich meine Arbeit in dem hell erleuchteten Glaskasten. Um diese Zeit erwacht die Welt, und ihre Zahnräder setzen sich in Bewegung. Eines dieser Rädchen bin ich, und ich drehe mich immerfort.“Seite 8

Eigentlich könnte die Erzählung damit schon zu Ende sein noch bevor sie überhaupt richtig in Gang kommt. Doch das Konbini ist keine einsame Insel. Die permanenten Anforderungen der Gesellschaft, die Keiko durch Familie und Bekannte vorgetragen werden, fordern die junge Frau immer wieder heraus. Schließlich wirft man ihr sogar vor, mit Ende dreißig noch unverheiratet zu sein, was in ihrem Alter nicht normal sei. Keiko gerät unter Druck. Sie muss handeln, wenn sie ihren Platz in der Welt behaupten will.

„Normalität setzt sich gewaltsam durch, Fremdkörper werden einfach beseitigt. Menschen, die nicht richtig funktionieren, werden entsorgt. Deshalb musste ich mich verbessern. Sollte mir das nicht gelingen, würden die Normalen mich aus dem Weg räumen.“

Sayaka Murata erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive ihrer Protagonistin. Und doch ist ihr kleiner feiner Roman sehr viel mehr als nur die Geschichte einer Außenseiterin. Auf kaum 150 Seiten entlarvt die Autorin in unaufgeregten eleganten Sätzen die völlige Absurdität, die im blinden Befolgen gesellschaftlicher Konventionen liegt. Denn nicht Keikos Handlungen sind absurd, die Ansprüche, die die Gesellschaft an die junge Frau stellt, ohne dabei ihr Wesen zu berücksichtigen, sind es.

In Japan war „Die Ladenhüterin“ ein Bestseller. Man kann das gut verstehen, denn die Kritik Muratas an der japanischen Gesellschaft mit ihrem strengen individualitätsfeindlichen Verhaltenskodex ist offensichtlich. Doch Muratas Apell nach mehr Toleranz dem Einzelnen gegenüber ist universell.

Nicht das schlichte Gemüt der Protagonistin ist das Problem, sondern die fehlende Bereitschaft der anderen, sie einfach so sein zu lassen, wie sie ist. Das Anpassungsdefizit liegt nicht bei Keiko sondern bei ihren Mitmenschen.

Muratas Sprache ist ebenso klar und schnörkellos wie die Psyche ihrer Ich-Erzählerin. Fast erscheinen die kurzen, direkten Sätze teilnahmslos und oberflächig. Doch gerade dieser nüchterne zurückgenommene Stil bildet genau die glatte Oberfläche, auf der sich das Verhalten von Keikos Mitmenschen perfekt spiegelt.

Murata entlarvt den Mythos vom verdienten Glück. Glück ist nichts, was man sich durch ein regelkonformes Verhalten erarbeiten kann. Glück und Zufriedenheit, das zeigt sie anhand ihrer unbeirrbaren Heldin Keiko, liegt immer in einem selbst begründet. Der eigenen Bestimmung zu folgen ist der einzige Weg dahin.

Und so steckt in diesem schmalen Buch neben der harschen Gesellschaftskritik auch noch eine kleine Portion Lebensweisheit, die den Leser*innen völlig kitschfrei auf indirektem Weg serviert wird.  

„Die Ladenhüterin“ ist ein echter Glücksfall: Sprachlich elegant, gesellschaftlich relevant mit einer versöhnlichen Prise Trost.

  • Autor: Sayaka Murata
  • Titel: Die Ladenhüterin
  • Originaltitel: Konbini Ningen 
  • Übersetzer: Ursula Gräfe
  • Verlag: aufbau Verlag
  • Erschienen: JJJJ oder MM/JJJJ
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 145
  • ISBN: 978-3746636061


    Wertung: 14/15 dpt


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