John Dougherty – Stinker und Matschbacke und die Doofheit der Dachse (Buch, mit Illustrationen von David Tazzyman)

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John Dougherty/David Tazzyman - Stinker und Matschbacke (Cover © Magellan Verlag) Mit „Stinker und Matschbacke und die Doofheit der Dachse“ startet der nordirische Autor John Dougherty eine neue Kinderbuchreihe, die in der Originalsprache Anfang 2014 bereits in die dritte Runde gehen wird. Hierzulande müssen sich die jungen und junggebliebenen Leser vorerst mit dem ersten Abenteuer des ungewöhnlichen Geschwisterpaars begnügen.

Alles beginnt damit, dass Stinker zu Hause feststellt, dass sein Sparschwein geplündert wurde. Er hegt sehr bald einen naheliegenden Verdacht: Dahinter stecken mit ziemlicher Sicherheit, ganz bestimmt und hundertprozentig die diebischen, drecksackhaften, doofen Dachse aus dem benachbarten Zauberwald. Die haben doch ohnehin nur Mist im Kopf und können es kaum abwarten, aufs Neue ebensolchen zu bauen. Denen muss das Handwerk gelegt werden, klare Sache!

Doch während sie unterwegs sind, um diese depperten Dummdödelviecher dingfest zu machen, begegnen sie allerlei sonderbaren Gestalten. Ihr turbulent-gefährliches Abenteuer (eigentlich eher ein zutiefst ulkiges) begegnen ihnen sonderbare Gestalten – darunter König Isabel der Verwirrte, der einen ganz besonderen Butler hat, eine einen sehr unschlüssigen Kater starke Armee (Pflapflingen auf der kleinen Insel Fruksland ist nun mal nicht groß) sowie den Einkaufswagen Eric, den sie erst mal aus einem Bach retten müssen. Die Dachse lassen nicht lang auf sich warten – und dann ist alles doch so ganz anders gekommen, als es Matschbacke und ihr Bruder Stinker erwartet hatten…

Es benötigt nur wenige Seiten Lektüre, um festzustellen, dass „Stinker und Matschbacke und die Doofheit der Dachse“ ein so ganz anderes Kinderbuch (verlagsseitig empfohlen ab 8 Jahren) ist. Dies beginnt schon allein damit, dass man auf Genderklischees (bis auf eine provokant kontrastierende Kleinigkeit zu Beginn) konsequent pfeift. Beide Gewschwister machen sich gleichermaßen schmutzig, beide sind sie chaotisch und mutig. Diese Klischeefreiheit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Geschlechter, sondern ist buchübergreifend präsent.

Faszinierend ist die überbordende Phantasie des Autors – in dieser Geschichte finden sich Gestalten wieder, über die man nur amüsiert den Kopf schütteln kann: Wo gibt es denn schon einen sprechenden Einkaufswagen, der vor dem Ertrinken gerettet werden muss und den kleinen Abenteurern hilft? Wo finden sich schon derart sonderbare „Könige“ und „Armeen“? Und wo geschehen schon derart viele unerwartete Dinge wie hier? In dieser Buchreihe scheint alles erlaubt – der erhobene Zeigefinger und jedweder belehrend-pädagogische Ansatz haben dauerhaftes Hausverbot. Stattdessen herrscht ein gesundes Maß an Anarchie und Spinnerei – ohne aber je negativ oder destruktiv zu werden.

Hinsichtlich Typographie ist der erste Band der „Stinker und Matschbacke“-Serie auf angenehme Weise verspielt. Diverse Wörter werden speziell betont, und so hüpft das Wort „hüpfen“ wirklich – fett gedruckt und einen kleinen Bogen bildend, das Wort „laut“ sticht ebenso hervor, wie das Wort „leise“ sich ganz klein macht… und wenn „gequetscht“ wird, rücken die Buchstaben eben ein wenig zusammen. Dazwischen finden sich dann gerne auch mal handgezeichnete Ausrufe und dergleichen.

In diese spannende, zuweilen abstruse Geschichte sind herrlich krakelige, für David Tazzyman typische Illustrationen eingeflochten und spiegeln durch ihre „Unsauberkeit“ wunderbar das Chaos, den Wahnsinn im positiven Sinn, den Schmuddel und Schmodder wider – bereits das Cover ist ein guter Fingerzeig, was auf den Leser/Vorleser/Mitleser zukommt. Das Text-Bild-Verhältnis wird dabei niemals einseitig.

Doch eines in diesem Buch ist besonders originell: Dem Leser wird ständig bewusst gemacht, dass sich die Figuren in einer Geschichte befinden: »Aber ich bin noch im Morgenrock (…) ich kann doch in einer Geschichte keinen Morgenrock tragen. Wartet mal kurz!« heißt es da gerne einmal. Auch wird innerhalb der Story darauf hingewiesen, dass diese ja gerne auch in Kapitel unterteilt sind, was Kapitel eigentlich sind und welche Eigenschaften sie besitzen können. Die Art und Weise, wie dies spielerisch mit der Buchstruktur verbunden wird, dürfte es im Kinderbuchbereich so wohl kaum bis gar nicht geben.

„Stinker und Matschbacke und die Doofheit der Dachse“ ist durch seinen Freigeist und seine Unbeschwertheit und Leichtigkeit ein mehr als erfrischender Farbtupfer im Kinderbuchgenre und beweist, dass Anderssein nicht plakativ demonstriert werden muss, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Dass unerklärliche oder seltsame Dinge nicht unbedingt einer Erklärung bedürfen, sondern einfach mal so sein dürfen, wie sie sind. Dass Jungs NICHT hellblau/Auto/Rabauken und Mädchen NICHT rosa/Puppen/brav sein müssen. Dass man sich von etwas Draußendreck nicht gleich eine Infektion einfangen muss und die rasante Fahrt im Einkaufswagen auch wunderbar ohne Helm funktioniert. Eine Geschichte gänzlich ohne Gängelband, stilistisch einzigartig umgesetzt.

Cover © Magellan Verlag

  • Autor: John Dougherty
  • Illustrator: David Tazzyman
  • Titel:
    Stinker und Matschbacke
    und die Doofheit der Dachse
  • Teil/Band der Reihe: 1
  • Originaltitel:
    Stinkbomb and Ketchupface
    and the Badness of Badgers
  • Übersetzer: Cornelia Panzacchi
  • Verlag: Magellan Verlag
  • Erschienen: 21.07.2014
  • Einband: Hardcover mit UV-Lack und runden Ecken
  • Seiten: 168
  • ISBN: 978-3-73484-001-2
  • Sonstige Informationen:
    Leseprobe (Erwerbsmöglichkeit
    ebenfalls via Verlag)

Wertung: 15/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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