Dieses Jahr erschien „Bury our bones in the midnight soil“ von V. E. Schwab, das mir insgesamt ganz gut gefallen hat. Bei „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ welches 2021 auf deutsch erschien und seitdem immer wieder begeistert besprochen wird, hoffte ich auf ein noch gesteigertes Lesevergnügen.

Die Protagonistin Addie schließt im Jahre 1714 einen Pakt mit einer dunklen Macht. Seitdem ist sie dazu verdammt, durch die Zeiten zu wandeln, aber ohne, dass sich jemals ein Mensch an sie erinnert. Sie arrangiert sich mit diesem Leben, bis sie 2014 Henry trifft, der sie nicht sofort wieder vergisst … (soweit keine Spoiler, das verrät nämlich bereits der Klappentext – meiner Meinung nach viel zu viel).
V. E. Schwabs Schreibstil ist wunderbar metaphorisch, immer ein wenig melancholisch und wunderschön. Einige Zitate habe ich mir auch in diesem Buch wieder herausgeschrieben.
„Wenn sie schon Wurzeln schlagen muss, will sie wild wuchern, statt sich zurechtstutzen zu lassen, will allein stehen und unter freiem Himmel wachsen. Und nicht als Feuerholz enden, gefällt und gehackt.“
Auch die Message, die das Buch auf mehreren Ebenen vermittelt bzw. zur Frage stellt, hat mir gut gefallen, zum Nachdenken angeregt und macht die Geschichte zu einem Buch über die Wichtigkeit menschlicher Verbundenheit; die Relevanz davon, sich gesehen zu fühlen und dass Menschen sich an dich erinnern. Der Wunsch der Protagonistin nach Freiheit, koste es was es wolle, steht für mich sinnbildlich für die moderne Lebenskultur: Ich will alles erleben, ich will frei und ungebunden sein, aber ich will trotzdem wichtig für andere Menschen sein.
„Was sie braucht, sind Geschichten. Geschichten sind eine Form der Selbstbewahrung. Um in Erinnerung zu bleiben. Oder sich selbst zu vergessen.“
Leider waren das aber auch schon alle Aspekte, die mir an diesem Buch gut gefallen haben …
Bereits auf Seite 39 wurden die Parallelen zum später erschienenen „Bury our bones in the midnight soil“ sichtbar und im Verlauf dann immer deutlicher. Genau wie die Protagonistin im Vampir-Roman bereist Addie quer durch die Epochen die Welt, lässt sich mal hier nieder und mal dort. Sie wechselt ihre Identitäten, fühlt sich einsam, erfährt Sex zunächst als etwas Brutales und Missbräuchliches und lernt dann durch eine Zufallsbegegnung den Spaß daran kennen. All das, und zu allem Überfluss auch noch eine wichtige Schlüsselszene in einer Schneiderei, kommen auch in „Bury our bones in the midnight soil“ vor. Ohne zynisch werden zu wollen, aber wenn man beide Bücher nacheinander liest, wirkt es fast, als habe Schwab „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ nochmal neu schreiben wollen – nur in besser und mit Vampiren.
Ansonsten zieht das Buch sich teilweise furchtbar, wiederholt sich immer wieder (ohne dass ich das als stilistisches Mittel erkennen könnte, außer vielleicht, dass Addies Leben ja auch unendlich lang ist) und driftet zum Ende hin in eine kitschige Dreiecksbeziehung inklusive Enemies-to-lovers ab. Die vielen potentiell guten Aspekte (der Fokus auf Kunst, das Miterleben der Epochen) hingegen werden, zu Gunsten der Lovestory, eher stiefmütterlich behandelt und liegen gelassen. Dazu kommt, dass das Buch im Genre „historische Fantasy“ geführt wird. Wer sich dabei viele Fantasy-Aspekte erhofft, wird leider ebenso enttäuscht: Die eingangs erwähnte dunkle Macht, auch Schatten oder Teufel genannt, bleibt das einzige fantastische Element. Naja, und vielleicht, dass Sacre Coeur im Buch schon im Jahre 1724 existiert, obwohl tatsächlich mit dem Bau erst 1875 begonnen wurde …
Möglicherweise ist meine Bewertung auch dadurch gefärbt, dass ich etwas gänzlich anderes erwartet hätte. Für mich ist das Buch jedenfalls kein Fantasy-Roman, sondern ein historischer Liebesroman mit magischem Realismus und Zeitreisesetting. Die Romantik steht in jedem Fall ganz klar und deutlich im Fokus. Wer das mag, wird hier auf jeden Fall gut bedient.

Wertung: 8/15 dpt
- Autor: V. E. Schwab
- Titel: Das unsichtbare Leben der Addie LaRue
- Originaltitel: The invisible Life of Addie LaRue
- Übersetzer: Petra Huber, Sara Riffel
- Verlag: Fischer TOR
- Erschienen: 2021
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 592
- ISBN: 978-3-596-70834-5
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