Bora Chung – Dein Utopia (Erzählungen)

Wie stellen wir uns die Zukunft vor? Tendentiell wohl eher mit einer Prise Pessimismus, oder? Das ist sicher einer der Gründe dafür, warum uns Dystopien grundsätzlich als sehr realistische Zukunftsvisionen erscheinen. Der CulturBooks Verlag hat unter dem Titel „Dein Utopia“ einen Band mit futuristischen Erzählungen der Südkoreanerin Bora Chung veröffentlicht. Nach „Der Fluch des Hasen“ ist es die zweite Veröffentlichung der preisgekrönten Autorin in diesem Verlag.

In acht Erzählungen nimmt uns Chung mit in eine Zukunft, die uns beim Lesen teilweise kaum fremd erscheint, da sie die Gegenwart, wie wir sie kennen, noch gar nicht lange verlassen hat. Und genau aus diesem Spannungsfeld heraus, zwischen Aktualität und Projektion, schöpft Chung ihre Ideen.

Technik und Einsamkeit sind dabei so etwas wie Grundkonstanten. Es ist entlarvend, wie Chung den Menschen als Verlierer des Fortschritts darstellt. Technische Weiterentwicklungen mögen den Alltag auf den ersten Blick erleichtern, aber zugleich fördern sie die Vereinsamung. Das soziale Gefüge bleibt auf der Strecke.

Den Auftakt der Geschichtensammlung bildet „Das Institut zur Erforschung der Unsterblichkeit“, eine fast kafkaeske Satire auf Bürokratismus und Zukunftsgläubigkeit. Den Plot empfand ich als etwas hyperkomplex. Trotzdem vermittelt Chung hier das Zerrbild einer von absurden Vorstellungen beherrschten Gesellschaft ebenso glaubhaft wie humorvoll.

Nicht nur in eine ferne Zukunft, auch in eine ferne Welt führt uns Chung mit „Das Ende der Reise“.  Eine tödliche Seuche weckt kannibalistische Instinkte in jedem, der infiziert wird. Eine aussichtlose Überlebensmission wird gestartet. Die Autorin versucht gar nicht erst Hoffnung aufkommen zu lassen. Die Welt, die sie mit drastischen Bildern inszeniert, ist längst verloren. Der Mensch wird hier sinnbildlich zum Träger des Untergangs. Die Erzählung beginnt mit den Worten:

Ich habe meinen Kameraden verloren.
Ich befinde mich in den Trümmern einer zerstörten Welt und blicke mich um. Das
einzig Wärmende hier ist das Sonnenlicht.

Seite 39

Wie sich Fortschritt auf die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft zum Nachteil individueller Freiheit auswirken kann, zeigt Chung in „Eine ganz gewöhnliche Ehe“. Das dystopische Grauen verbirgt sich in einer Alltagserzählung. Angst wird zum subtilen Instrument der Unterdrückung.

In der titelgebenden Erzählung „Deine Utopie“ trennt sich die Autorin schließlich ganz vom Menschen. Der Ich-Erzähler ist hier eine Maschine, ein Fahrzeug mit eigener KI und eigenem Bewußtsein. Den Gedanken, dass den Maschinen die Zukunft gehört, nimmt Chung auch in „One more kiss, dear“ auf. Die Reminiszenz an „Blade Runner“, den Science-Fiction-Kultfilm des Regisseurs Ridley Scott, ist durch diese Liedzeile deutlich markiert. Erneut wählt Chung die Ich-Perspektive und wieder schenkt sie sie einer künstlichen Instelligenz. Die Erzählung wird zum anrührenden Protokoll einer erwachenden Zuneigung. Ein Fahrstuhl empfindet plötzlich Sorge um einen regelmäßigen Fahrgast, eine alte Dame.

Die Zukunftsvision einer mit der Natur in Einklang lebenden Gesellschaft entwirft Chung in „Samen“. Es überrascht nicht, dass diese neue Lebensform ebenfalls keine menschliche ist. Andere Lebensformen haben den Menschen längst in seiner Menschlichkeit überholt. Chung entblößt den selbstzerstörerischen Egoismus und den Mangel an Empathie, die den Verlust der eigenen Welt in Kauf nehmen.

Im Anhang hat der Verlag einige Anmerkungen veröffentlicht, in denen die Autorin zu einzelnen Erzählungen Stellung nimmt. Dies öffnet den Leser:innen einen interessanten Einblick in die Vielseitigkeit der Autorin und legt Bezüge frei zu konkreten, aktuellen politischen Ereignissen.

Die Erzählungen Chungs zeigen: Die Zukunft ist schon da. Die Überlegenheit des Menschen ist überhebliche Selbstüberschätzung. Empathie und Fürsorge könnten uns retten.

Große Empfehlung!

  • Autorin: Bora Chung
  • Titel: Dein Utopia
  • Originaltitel: 너의 유토피아
  • Übersetzerin: Ki-Hyang Lee
  • Verlag: CulturBooks Verlag
  • Erschienen: September 2025
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 264 Seiten
  • ISBN: 978-3959882484

Wertung: 13/15 dpt

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