Salih Jamal – Suki (Roman)

Eigentlich passiert gar nicht so viel in Salih Jamals aktuellem Roman „Suki“. Eigentlich. Denn dass die wirklich bedeutsamen Dinge keine laute, besondere Bühne brauchen, dass sich unter einer vermeintlich stillen Oberfläche existentielle Dramen abspielen können, ist bereits Teil der Geschichte.

Der Handlungsrahmen beschränkt sich auf wenige Tage im Dezember, rund um Weihnachten und Silvester. Von wenigen Nebenfiguren abgesehen ist „Suki“ ein klassisches Zwei-Personen-Stück. Die Begegnung der beiden Protagonistinnen steht im Mittelpunkt.

Suki ist sechzehn und das gefühlt einsamste Mädchen der Welt. Nach der Trennung ihrer Eltern lebt sie bei der Oma. Ihre Mutter hat sich für ein Leben an der Seite eines neuen Mannes entschieden, ein Leben, in dem für die Tochter kein Platz mehr ist. Zweimal ist das stille Mädchen bereits sitzen geblieben. Freunde hat sie keine. Langeweile und Perspektivlosigkeit bestimmen ihren Alltag und sie ist auf dem besten Weg durchs sprichwörtliche „Raster“ zu rutschen. Wäre da nicht Anna Fischer, ihre Deutsch- und Mathelehrerin. Auch sie ist einsam, ein persönlicher Verlust und eine Trennung haben sie ins Abseits gedrängt.

… sie sah ihr Gesicht, wie es sich im schwarzen Glas
spiegelte. Manchmal fühlte sie sich wie ein Niemand. Und seltsamerweise war
dieser Gedanke beruhigend. Unsichtbarkeit war ein gutes Versteck.

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Wer die Texte von Salih Jamal kennt, weiß um seinen kraftvollen, expressiven Stil, mit dem er gerne Grenzen sprengt. Umso mehr erfreut, wie behutsam er hier seine poetische Prosa in den Dienst der Erzählung stellt.

Nicht, dass es an Emotionen mangeln würde. Im Gegenteil. Emotionen sind die treibende Kraft des Plots, dessen Handlung eher überschaubar ist. Emotionen gibt es auf den ca. 200 Seiten so zahlreich und so verzweifelt große, dass die Story daran zerbersten könnte, wüsste Jamal nicht genau, was er zu tun hat.

Salih Jamal lässt sich Zeit. Sorgfältig lotet er die komplexe Gefühlslage seiner Figuren aus. Und so, wie wir Lesenden uns mit den Figuren vertraut machen, so lernen sich Suki und Anna Fischer ganz vorsichtig kennen, ihre Verletzlichkeit nur zögernd überwindend. Zwei Menschen, die einander entdecken und Zuneigung, vielleicht sogar Liebe, entwickeln.

Als ein Weihnachtsmärchen, hat der Autor seinen Roman etwas kokettierend in einem Interview bezeichnet. Ein Etikett, das man nicht allzu ernst nehmen sollte, denn man täte dem Roman unrecht, ihn in ein solches kitschiges Verkaufsfenster zu stellen. Zwar ist die Handlung um die Jahreswende angesiedelt, aber dies ist vor allem als Metapher zu verstehen. Denn kalt muss es sein in dieser Geschichte, so eiseskalt wie nur ein Winter im anonymen Großstadtdschungel Berlins es sein kann, um der langsam erwachenden Hoffnung auf Neubeginn und Liebe die bestmögliche Bühne zu bereiten.

Unaufdringlich webt Jamal auch zarte Anspielungen auf aktuelles Zeitgeschehen in seinen Text. So lässt sich die Handlung deutlich nach der Pandemie verorten. Die politischen Zerwürfnisse im demokratischen System zeichnen sich im Hintergrund ab.

Große Freude bereiten auch die Nebenfiguren, Sukis Großmutter und Sukis Schulkameradin MenschMeier, deren ungewöhnlicher Name eine Anspielung auf einen Liedtext der Band Ton Steine Scherben (aus dem Album „Keine Macht für niemand“ von 1972) ist. Überhaupt spielt Jamal mit intertextuellen Bezügen, die zu entdecken viel Vergnügen bereitet.

An einigen Stellen hätte ich mir mehr etwas mehr sprachliche Zurückhaltung gewünscht. Manchmal bricht die Intensität des Gezeigten dann doch sehr heftig zwischen den Zeilen hervor und lässt den Text wie eine Übertreibung wirken. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau, denn insgesamt überzeugt der Plot durch die perfekte Balance aus explosiver Emotionalität und kühler Zurückhaltung. Es ist genau dieses Spannungsfeld, in dem Jamal seine Figuren und uns, die Lesenden, gekonnt festhält. Und es ist genau das Ende, mit dem er diese Spannung zum Schluss auflöst, welches der Geschichte dann vielleicht doch etwas Weihnachtliches verleiht, sofern man bereit ist, Weihnachten als etwas zu denken, das zu jeder Zeit passiert kann.

  • Autor: Salih Jamal
  • Titel: Suki
  • Verlag: edition federleicht
  • Erschienen: 2. Oktober 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3689350246

Wertung: 13/15 dpt

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