Oliver Plaschka – Das Licht hinter den Wolken (Buch)

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Oliver Plaschka - Das Licht hinter den Wolken (Buch)La Fantasy pour la Fantasy

Das Bücherregal fängt an zu leuchten. Lichtrisse erscheinen zwischen den Bücherrücken, breiten sich aus, laufen über die Regalbretter. Sie können nicht genau sagen, ob Ihre Augen den Fokus verweigern oder sich der Raum aufbläht. Ein stummer Bassschlag und die Szene stülpt sich um. Sie stehen an dem überbelichteten Ort, wo sich Geschichten wie Puzzleteile (oder Kristallsplitter) zu anderen Formen und Vielfalten anordnen lassen. Dabei kann dieser Ort selbst Teil der neuen Konstruktion sein, und für die Architektur gilt vorerst ‚anything goes‘.

In diesem Raum ist Oliver Plaschkas neuer Fantasy-Roman „Das Licht hinter den Wolken“ entstanden, von dem der Autor sagt, dass er Machwerk jahrelanger Rollenspiel-Erfahrung sei. In den 686 Seiten stecken viele Ideen und Elemente, die dem Genre-Fan aber auch dem normalen Popkultur-Konsumenten bekannt vorkommen. Gleichzeitig zieht sich das Thema der eigenen (Lebens-)Geschichte, der Erzähltheit von Welt, Biographie und Macht, von Mythos, Legende und narrativer Kosmologie durch das gesamte Buch.

Weit davon entfernt, ein lebloses und liebloses Mashup zu sein, wird der Roman dennoch eine gespaltene Leserschaft hinterlassen, weil dem Autor der Plot manchmal viel zu einfach von der Hand geht, die Erzählung stellenweise viel zu sprunghaft verläuft, nur um der formvollendeten Architektur gerecht zu werden, und weil Plaschka es wie wenige versteht, mit kleinen Vergleichen eine große Lebendigkeit in die Lebenswelt der Figuren zu bringen, mit minimalen Beschreibungen komplexe Weltgefüge zu evozieren, mit einem Hauch Introspektive charaktergerechte Stimmungen zu erzeugen und überhaupt mit dem passgenauen Einsatz poetischer Nebensätze den Leser dorthin zu bringen, wo er sein soll. Trotz der durchgängigen Thematisierung von Geschichtlichkeit bleibt der Roman bei sich, in sich und seinem Genre verwurzelt.

Das Licht hinter den Wolken

Das jedoch wird nicht im Schonwaschgang präsentiert. Während man sich in der ersten Szene mit dem kleinen Mädchen April und dem Zauberer Sarik noch fragt, welchen Härtegrad die kommenden Seiten bereithalten, bietet allein die weitere Geschichte Aprils schon ordentlich tragische Schlagkraft. Ihr Abenteuer beginnt in einem Bauerndorf mittelalterlichen Anstrichs. Vor Missbrauchsversuchen und häuslicher Gewalt flüchtet April in ein western-esken Roadtrip, mit Schwertern statt Pistolen und „Bonnie und Clyde“-Anleihen. Doch zuvor eröffnet ihr Sarik den Anfang einer ganz anderen Geschichte, deren Verlauf sie ebenfalls begleiten soll. An Aprils Seite reist und kämpft der Fealv Janner. Er hat sich mit den mafiösen und korrupten Regierungsstrukturen im Kaisserreich überworfen, befindet sich also ebenfalls auf der Flucht und auf der Suche nach seinem Vater, der ein großer Revolutionsanführer sein soll.

Sariks Lebenswelt hingegen besteht aus anderen, aus magischen Konflikten. Wie auch April spürt der Zauberer mit einer tragischen Geschichte die entzauberte Welt, eine Leere hinter den Dingen und Menschen, die daher rührt, dass die Welt kurz vor der Vernichtung durch eine Wesenheit stand. Diese gottähnlichen Wesen waren zuvor in der Lage, an einem mächtigen Ort das Schicksal der Menschen wie auf einem Schachbrett zu beeinflussen. Mit Sariks Geschichte wird dem Leser auch die Geschichte der Welt, ihr Überbau und ihre Kosmologie erzählt. Mythen, Märchen und Legenden fügen sich wie Puzzlestücke ineinander, phantastische Schauplätze werden besucht. Die Zauberer besitzen nur noch über wenig Macht und alle Geschöpfe müssen ihr Schicksal mit eigenen Entscheidungen (er-)füllen.

Cassiopeia Tial ist die letzte Protagonistin und die Tochter eines Senators, der dem machthungrigen Staatsapparat zum Opfer fällt. Das Tial-Anwesen wird angegriffen und Cassiopeia muss als junges Mädchen mit ansehen, wie ihr Vater von einem Eolyn, das sind seltene, große, menschenähnliche Wesen mit kreideweißer Haut, hingerichtet wird. Als Vollwaise ist sie nun auf sich allein gestellt und folgt zunächst als Straßendiebin ihrer Geschichte. Zwar handelt es sich dabei um die Grundzüge einer Rachegeschichte, die aber wird von Plaschka auf clevere und interessante Weise variiert. Auch die anderen Elemente sind gelungen gestaltet und vielleicht die interessantesten der drei Handlungsstränge.

So bedient jeder Protagonist eine eigene Spielart von Fantasy, die sich in und mit dem Roman zu einem selbstkommentierten Ganzen zusammenfügen. Längen und schlechte Plotpunkte sind allesamt dieser Konstruktion geschuldet, werden aber durch Plaschkas wunderbaren Erzählstil wettgemacht. In einem Interview für die Phantastik-Couch, das booknerds.de-Kollegin Eva Bergschneider führte, sagte der Autor, dass es nicht sein Anliegen sei, die Fantasy von ihrem Ruf der seichten Literatur zu befreien. Das erfüllt der aktuelle Roman ziemlich genau zur Hälfte. Denn „Das Licht hinter den Wolken“ offenbart seine ganz eigene Ästhetik im Spiel mit sich selbst und der Genre-Welt, während die schöne und präzise Sprache der Erzählung genau dieses Spiel als Teil einer Geschichte, als ihr Ganzes und als Wiederholung von Geschichten vermitteln kann. Dabei bleibt alles in sich selbst gefangen, keine Tür, kein Weg und kein Konflikt führt das Geschehen nach außerhalb des Buchs.

Cover © Klett-Cotta

 

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Christian Bischopink


Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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