Dr. Christina E. Zech – Weltsalon (Buch)

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Dr. Christina E. Zech - Weltsalon (Cover @ Goldegg)„Vorbehaltlos. Welten verbinden“, so lautet das Motto der „Connect Worlds Association“. Für ihre Gründerin und Präsidentin Dr. Christina E. Zech ist es eine Herzensangelegenheit, zur Verständigung der Kulturen beizutragen und Grenzen anzuerkennen, um über sie hinweg zusammenfinden zu können. Kein neues, aber ein nobles Anliegen im Dunstkreis der Weltbürgerschaft. Dasselbe gilt für den Weltsalon, den Zech zu einem potenziell spannenden Vehikel für den gesellschaftlichen Wandel weiterentwickelt hat. Leider aber erfahren die Lesenden durch die Lektüre des dazugehörigen Buches nur wenig über den Weltsalon und die daraus entstandenen „zukunftsweisenden Konzepte für eine friedliche und ökologisch intakte Welt“. Vielmehr verrät Zech ungewollt, dass ihre Vorgehensweise nicht wirklich vorbehaltslos ist.

Es ist das erste Buch von Dr. Christina E. Zech, einer studierten Musikwissenschaftlerin, Germanistin und Politologin. Die praktizierende Marketing- und Verlagsexpertin engagierte sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit gesellschaftlichen Themen und hat dazu die Salonidee aus der Geschichtskiste gekramt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen im Frankreich der Aufklärung unterschiedlichste Menschen zusammen, um Zukünfte zu denken und innovative Ideen zu entwickeln. In der von Zech präsentierten Form werden gleichermaßen ExpertInnen und BürgerInnen eingeladen, in einer ungezwungenen Atmosphäre über eine bessere Welt zu diskutieren. Seit 2010 haben vier Weltsalons zu verschiedenen Themenschwerpunkten stattgefunden und zu einem Austausch auf Augenhöhe angeregt.

Die gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit haben dem Konzept des Weltsalons seit seiner Implementation eine erschreckende Aktualität verliehen. Doch so sehr die Lesenden die Methodik und vor allem die Ergebnisse des Weltsalons interessieren dürften, so wenig gibt das Buch darüber preis. Stattdessen wirkt das „Weltsalon“-Buch wie eine Mischung aus verschriftlichtem Vortrag und motivierendem Ratgeber, der – trotz aller Beschwichtigungen – in einem wilden Ritt die Welt zu erklären versucht. Integrations- und Flüchtlingsdebatten, Klimawandel, Trump, UN: Zech ergeht sich leider doch im Versuch eines Rundumblicks auf die Welt, der mit der Mission der Komplexitätsreduktion scheitern muss.

Die Autorin erklärt sich weltoffen bereit, über den Tellerrand zu schauen, skizziert aber nur selten aktuell diskutierte Lösungsansätze. Stattdessen werden Visionen bedient, die wie aus moderaten Science Fiction-Beiträgen entlehnt wirken und allzu naiv das Weltbürgertum beschwört. Die Möglichkeit des weltweiten Niederlassungsrechts ist eine schöne, vor dem Hintergrund von Standortfaktoren und der aktuellen Flüchtlingsbewegungen aber kaum praktikable Idee. Zech unterschätzt die Komplexität der Welt, wodurch ihre Beiträge maximal Futter für linke Stammtischparolen bieten. Es ist offensichtlich, worauf sie hinaus möchte, denn die Beschreibung der aktuellen Weltlage kratzt nur an der Oberfläche und fasst lediglich Gewusstes zusammen.

Spannend wird die Lektüre nur dann, wenn Zech auf den Weltsalon und die produzierten Einsichten und Ergebnisse eingeht. Leider wird darüber nur wenig gesagt und das verteilt über das gesamte Buch nur bruchstückhaft, stattdessen bleibt vor der zweiseitigen Zusammenfassung der Methode der bemerkenswerte Satz: Nur wer dabei war, kann den Weltsalon verstehen. Eigentlich ist das Buchformat dafür gedacht, die Idee des Weltsalons in die Breite zu tragen, denn wer dabei sein will, bekommt dazu nur selten die Gelegenheit: Seit 2010 fanden fünf Weltsalons statt. Stattdessen wird auf den Ergebnis-Reader verwiesen, der hier heruntergeladen werden kann.

Implizit bleibt Zech der Marktlogik treu und daran ist zu erkennen, dass sie sich noch nicht weit genug über den Tellerrand gewagt hat. Es kann argumentiert werden, dass sie als erfolgreiche Marketingexpertin die Möglichkeiten ausschöpft, um möglichst viele verschiedene Zielgruppen zu erreichen, doch ihre Weltsalons sind so gestaltet, dass zwar unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht werden, aber keine wirkliche Streitkultur über kontrovers diskutierte Themen entsteht. Vielmehr denken liberal eingestellte Menschen über die Zukunft nach. Warum aber Menschen zu bekehren versuchen, die sowieso schon überzeugt sind?

Zech verstrickt sich dann auch in ihren eigenen Annahmen. Ihr Weltsalon beruht auf dem Modell der Persönlichkeitsentwicklung des Psychologen Clare Graves, das von Chris Cowan und Don Beck zum „Spiral-Dynamics“-Konzept weiterentwickelt worden ist. Demnach durchläuft jede Gesellschaft dieselben Entwicklungsstufen, vom Zustand des nackten Überlebens bis zum Ideal der Grenzenlosigkeit. Zech meint, dass sie sich offen und tolerant gegenüber anderen Kulturen zeigt, weil sie zuhört und verschiedene Perspektiven miteinbezieht. Trotzdem geht sie davon aus, dass „der Westen“ laut des Modells auf einer „höheren Entwicklungsstufe“ als beispielsweise die arabischen Länder steht, was den Blick auf die echten Alternativen verwehrt.

Das Konzept der kapitalistischen Marktwirtschaft wird im Buch nicht ausreichend systematisch hinterfragt, wodurch die dringliche Diskussion über die Notwendigkeit einer fundamentalen Transformation der Gesellschaft unangetastet bleibt. „Wohlstand ohne Wachstum“ spielt hier genauso wenig eine Rolle wie andere Lebensprinzipien wie beispielsweise „Buen Vivir“ aus Südamerika. Zech spricht von „mein Weltsalon“, statt das Konzept der Gesellschaft zu überlassen. Dabei braucht eine neue Welt weniger das „Ich“ als das „Wir“. Fehlerkultur, Doughnut Economics, Sharing Economy, das alles fehlt symptomatischerweise in „Weltsalon“ und selbst das Kapitel über das Systemdenken greift zu kurz.

Wir stehen vor der großen Herausforderung, ein ganzes Weltsystem zu transformieren und vor der vielleicht noch größeren, es den Menschen zu vermitteln. Die gewählte Niederschwelligkeit von Zech ist dabei ein möglicher Versuch, ist aber eben auch unzureichend umgesetzt. Es müssen explizit diverse Gruppen angesprochen werden, um die Lücke zwischen Nachhaltigkeitsbewusstsein und nachhaltigem Handeln zu schließen. Es muss mehr präsentiert werden, als ein Mix aus Bottom-up- und Top-down-Logik, nämlich echte Lösungen, so klein sie auch auf den ersten Blick erscheinen mögen. Ansonsten kann noch so viel Überzeugung nicht ausreichen.

Fazit: Zech verstrickt sich im noblen Anliegen „ihres“ Weltsalons, weil sie kaum auf Konzepte und Ideen eingeht, die nicht der Logik der vom Kapitalismus geprägten Marktwirtschaft entsprechen. Die Autorin versucht sich an einer Komplexitätsreduktion, um die globalen Zusammenhänge in die Breite zu tragen, geht dafür aber nicht ausreichend in die Tiefe. Der Weltsalon selbst bekommt durch die spärlich gesetzten Informationen eine Exklusivität verliehen, die dem Anspruch der Offenheit widerspricht. Der Titel verspricht Lösungen, bietet über den verschränkten top-down-/bottom-up-Ansätzen hinaus aber kaum welche an. Wichtige Konzepte bleiben außen vor und lassen das Buch größtenteils zu einer Ansammlung der gutgemeinten Welterklärung werden. Dabei werden Lösungsansätze dringend gebraucht, doch sie sollten die Komplexität der Welt genauso einbeziehen wie möglichst viele Menschen.

P.S.: Auf einigen Verkaufsplattformen im Internet wie auch der Verlagsseite wird das Buch mit einem Umfang von 248 Seiten beworben, es umfasst aber nur 216.

Cover © Goldegg

  • Autor: Dr. Christina E. Zech
  • Titel: Weltsalon – Zukunftsweisende Konzepte für eine friedliche und ökologisch intakte Welt
  • Verlag: Goldegg
  • Erschienen: 10/2018
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 216
  • ISBN: 978-3-99060-076-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 4/15 dpt


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1 Kommentar

  1. Das Buch „Welt Salon“ das neue Wertvorstellungen vermitteln kann !

    Es ist Einzuordnen unter Sach- Diskussion- und auch „Abenteuerbuch“ – unter dem Motto neues Wagen und entdecken.

    Auch mit Fantasie – was wäre, wenn !?

    Man findet sich aber – mehr in einem informativen Sachbuch wieder, mit vielen recherchierten Details – die überprüft werden können und auch sollen ! (Stichwort: Wikipedia !)

    Da es hauptsächlich um das Thema „Weltenverbinden“, humanitäres mitmachen und
    Völkerverständigung handelt, ist es ein, für Leserin und Leser, neues aber auch untypisches Genre !

    In Zeiten von immer noch weltweiten Konflikten und wachsendem Populismus, aber ein zeitgemäßes Buch, das zum Diskutieren, Recherchieren und Nachdenken anregen soll.

    Frei von Emotionen, ist eine ausgeprägte Sachlichkeit und Glaubwürdigkeit, der Autorin Dr. Christina Zech, zu erkennen.

    Eine Monotonie kommt nicht auf.

    Eine Recherche der vergangenen Geschichte, mit Verbindungen zur Gegenwart und Zukunft werden faktisch, von Dr. Zech, intelligent unterlegt.

    Sprachliche Ausschweifungen sind rar!

    Mit seinen etwas mehr als 200 Seiten, eine zu bewältigende Lektüre.

    Der Autorin gelingt es mühelos, zwischen Vergangenheit und dem Jetzt, „Brücken des Verständnisses zu bauen!

    Ein Mitfühlen und eine Erkundung, in dieser Zeitspann, ist so nachvollziehbar.

    Wenn sich die/der Weltbürgerrin/bürger im „Wohnzimmer“ des „Weltsalons“ niedergelassen hat, wird er überrascht sein, von diesen neuen Ideen und seinen Themen.

    Nach 6 Kapiteln Information, ist man beeindruckt und auch mitunter Sprachlos.

    Die „Entwicklungsebenen des Graves-Modells“ komplettieren die Recherchen von Dr. Zech auf ein übersichtliche, erklärende und anschauliche Weise!

    Bedenkt man jedoch dass, bei 12 Weltsprachen und unterschiedlichen Kulturen etc. , es einer Herkulesaufgabe bedarf, das Angedachte auch umzusetzen wäre .

    Fazit:
    Trotz allem Bedenken, Spannung kommt auf.

    Das Buch fordert nicht nur zum Nachdenken auf.

    Das Buch mit vielen Details und Fakten unterlegt, muß man sich erarbeiten ! Es ist angesagt, sich in das Buch hineinzuvertiefen.

    Keine Belletristik !

    Es bedeutet dann auch Nachdenken, Mitdenken, Umdenken, Vergleichen, Abwägen, Prüfen – um eine eigene Meinung und eine eigenes Verständnis dafür zu bekommen.

    Keine leichte „Kost“ !

    Ein Buch welches für das Alter, ab 16 Jahre, an Gymnasien, Hochschulen, Fachschulen und politischen Diskussions-Zirkeln etc. empfohlen werden sollte und auch geeignet ist.

    Auch Politiker sollten sich in das „Wohnzimmer Weltsalon“ begeben ! Kann für den Einen oder Anderen hilfreich sein !

    Anmerkung des Rezensenten!

    Quand plus person n’aura faim, ce sera la fin de la pauvreté ! Et le début d’une coexistence pacifique.

    Wenn niemand mehr Hunger hat, dann wird das das Ende der Armut sein. Und er Beginn einer friedlichen Koexistenz.

    K.D.Kraft

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Dr. Christina E. Zech – Weltsalon (Buch)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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