Zwei glorreiche Halunken (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Zwei glorreiche halunken cover blu rayDie Veröffentlichungshistorie von “Zwei glorreiche Halunken” (mit dem wesentlichen sinnigeren Originaltitel “Il buono, il brutto, il cattivo”) hierzulande wäre einen eigenen Artikel wert. Es kursieren Versionen von 140 bis 180 Minuten Länge (vgl. auch den entsprechenden Schnittbericht in der Splatting Image, Nr. 5), unterschiedlichen Synchronisationen und  divergierender Farbgebung. Die ocker-orange betonte Bearbeitung der vorliegenden Version unterscheidet sich deutlich von der Standard-DVD-Ausgabe und den gezeigten Fernsehausstrahlungen. Passt atmosphärisch sehr gut  zum Film.

Die vorliegende Fassung dürfte mit ihren gut 178 Minuten der ursprünglich geplanten Version (Laufzeit im Kino 177 Minuten und 23 Sekunden) ziemlich nahe kommen, erlaubt sich aber auch die Freiheit, die umstrittene “Grotto-Episode” (die Leone selbst entfernte) einzufügen. Die berühmt-berüchtigte Folterszene, in der Tuco (Eli Wallach) von einem Handlanger Sentenzas (Lee van Cleef) minutenlang brutal misshandelt wird, ist in breiter Ausführlichkeit vorhanden und wird im Bonus-Teil zudem komplett wiederholt. Dort ist auch der Versuch einer Rekonstruktion der nie vollendeten Socorro-Sequenz in Ansätzen (Ausschnitte aus einem französischen Trailer und Standfotos) zu finden.

Was die Synchronisation angeht, entschied man sich die diversen Fassungen zu kombinieren und ehemals fehlende Teile nicht im Original mit Untertiteln zu belassen. Führt dazu, dass sowohl Eli Wallach wie Lee van Cleef von jeweils drei unterschiedlichen Synchronsprechern interpretiert werden. Bei Clint Eastwood hatte man das Glück, dass Gert Günther Hoffmann (kurz vor seinem Tod) selbst für die Vertonungen der unterschiedlichen Varianten zur Verfügung stand. Was sehr anschaulich zeigt, wie sich die Stimme eines Menschen im Laufe der Jahrzehnte verändert.

Der Anfang des Filmes besteht aus einer Szene, die Leone für sein bekanntestes Werk “Spiel mir das Lied vom Tod” variieren und zur ikonografischen Momentaufnahme stilisieren wird. Jetzt, zur Einführung von Eli Wallachs Charakter ‘Tuco’ ist der Aufmarsch dreier Revolvermänner, die einen Kontrahenten eliminieren wollen, dem Sujet entsprechend, bewegter und ruppiger. Doch bereits hier zeigt sich Sergio Leones formvollendeter Umgang mit dem Medium Zeit, die er gerne in langen Einstellungen bis zum Zerreißpunkt dehnt, ein Charakteristikum, das der Regisseur im weiteren Verlauf gekonnt einsetzen wird. Je nach Cutter Traum oder Alptraum.

Passend dazu liefert Ennio Morricone einen seiner einprägsamsten Soundtracks ab. Jede Hauptfigur bekommt ihr eigenes Thema, die gesamte Musik ist keine bloße Untermalung und Stimmungsverstärker, sondern kommentiert das geschehen zugleich. Und wer die Titelmelodie nicht aus dem Stegreif pfeifen kann, hat in den letzten vier Jahrzehnten einiges verpasst.

Obwohl “Zwei good bad uglyglorreiche Halunken” eine Art Prequel zum ‘Dollar’-Duo darstellt – Blondie (Eastwood) findet erst gegen Ende des Films sein Markenzeichen, den verranzten Poncho, der ihn in der früher entstandenen Werken von Beginn an zieren wird – stellt er ein wesentlich größeres Projekt mit ganz eigenem Thema dar. Sergio Leone hatte mehr Geld zur Verfügung (von dem auch Clint Eastwood einen satten Teil wollte, eine Forderung wegen der sich Leone mit einem Star nachhaltig zerstritt) und das sieht man. Alleine die Szene, in der Unions-Soldaten eine Brücke sinnloserweise verteidigen, ist reich an Komparsen und Schauwerten. Dass die Brücke gleich zweimal gesprengt werden musste, geht allerdings zu Lasten eines übereifrigen, befehlshabenden Offiziers der spanischen Armee, die für Aufbau und Zerstörung der Eisenbahnbrücke zuständig waren.
Diese Szene ist eine der bemerkenswertesten in einem Film, der die brutale Gewalt und Sinnlosigkeit des Amerikanischen Bürgerkriegs (stellvertretend für alle anderen Kriege) bebildert. Als Aufhänger benutzt Leone die Jagd nach einem Schatz, die für wechselnde Koalitionen zwischen Blondie, Tuco und Sentenza sorgt und an deren Ende ein eigenwilliger, faszinierender Showdown zu dritt ansteht.

“Zwei glorreiche Halunken” ist ein Schelmenstück voller finsterem Witz, geschickt platzierten Shootouts sowie quälend ausgespielten Sadismen; mit Protagonisten, die den goodbadugly2Attributen des Originaltitels mehr als gerecht werden, wobei ‘der Gute’ diese Bezeichnung bestenfalls angesichts seiner noch schlimmeren Partner/Kontrahenten für sich in Anspruch nehmen kann. Gleichzeitig bebildert er, durchaus mit historischer Akkuratesse, den Wahnwitz und das Zelebrieren der Gewalt im Namen des Krieges.  
Zwischen all den Tricksereien und Gräueln gibt es jene Momente trügerischer Ruhe, in denen sich Menschen umkreisen, belauern, mit Bedacht unterhalten und anschauen, bevor das sorgsam aufgebaute Tableau in einem Gewaltakt explodiert. In solchen Momenten hat Lee ‘Angel Eyes’ Van Cleef seine eindrucksvollsten Auftritte; Eli Wallach sprengt als Hansdampf die Leinwand und Clint Eastwood schaut mit stoischer Ruhe zu, selbst wenn er massiv leiden muss, bevor er seine Pläne umsetzt oder schießt. Flankiert von pointierten Dialogen und Onelinern ergibt das einen scharfsichtigen, großen Film.  

Die Bonus-Sektion der Blu-Ray ist ein hervorragendes All-Inclusive-Paket, enthält zwei hörenswerte Audiokommentare, vom Filmexperten und Clint Eastwood-Biographen Richard Schickel sowie dem britischen Historiker und Sergio Leone-Experten Sir Christopher Frayling (ganz stark); Dokumentationen zur Rekonstruktion, zum ‚’Leone Stil’, ‘seinem’ Westen, zum Bürgerkrieg mit Bezugnahme auf den Film und ein zweiteiliges Feature über ‘Maestro’ Ennio Morricone. Daneben, wie bereits erwähnt, entfallene beziehungsweise erweiterte Szenen und natürlich die obligatorische Trailershow. Eine Menge Stoff für wenig Geld.

Das letzte Wort gehört dem kürzlich verstorbenen Eli Wallach: “When you have to shoot, shoot; don’t talk”.

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Cover & Szenenfotos © 20th Century Fox Home Entertainment

 

  • Titel: Zwei glorreiche Halunken
  • Originaltitel: Il buono, il brutto, il cattivo
  • Produktionsland und -jahr: Italien, 1966
  • Genre:
    Italo-Western
  • Erschienen: 06.06.2014
  • Label: 20th Century Fox Home Entertainment
  • Spielzeit:
    178 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Clint Eastwood

    Eli Wallach
    Lee van Cleef
  • Regie: Sergio Leone
  • Drehbuch: Agenore Incrocci
    Furio Scarpelli
    Luciano Vincenzoni
    Sergio Leone
  • Kamera: Tonino Delli Colli
  • Schnitt: Eugenio Alabiso
    Nino Baragli
    Joe D’Augustine
  • Musik: Ennio Morricone
  • Extras:
    Audiokommentar Richard Schickel
    Audiokommentar Christopher Frayling
    Leones Western, Der Leone-Stil
    Der Mann, der den Bürgerkrieg verlor
    Restauration des Films “Zwei glorreiche Halunken”
    Maestro: Ennio Morricone – Teil 1 & Teil 2
    Entfallene Szenen, Original Kinotrailer
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9, 2.35:1
    Sprachen/Ton:
    Englisch 5.1 DTS HD Master Audio (Lossless)

    Englisch 1.0 Mono, Deutsch 5.1 DTS,
    Brasilianisches Portugiesisch 5.1 Dolby Digital
    Französisch 5.1 Dolby Digital
    Lateinamerikanisches Spanisch 5.1 Dolby Digital
    Thailändisch 2.0 Dolby Digital, Italienisch 2.0 Mono
    Untertitel:
    Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch

    Brasilianisches Portugiesisch, Italienisch, Koreanisch
    Lateinamerikanisches Spanisch, Mandarin, Kantonesisch
    Französisch, Thailändisch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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