Thomas Pynchon – Bleeding Edge (Buch)

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Thomas Pynchon - Bleeding Edge (Cover © rowohlt)Über einen Roman, in dem eine zwar nicht tragende aber immerhin immer mal wieder auftauchende Figur Horst heißt, dürfte sich eigentlich nicht viel schreiben lassen. Dass dann dieser Horst auch noch in einen sehr dirty Quickie mit der Protagonistin dieses Romans involviert ist, treibt es auf die Spitze – willkommen im ebenso eigenwilligen wie verrückten Universum Thomas Pynchons!

„Bleeding Edge“ – so lautet der aktuelle Roman von Thomas Pynchon. Über diesen Autor gibt es gesichert kaum etwas zu sagen, außer, dass er wohl zu den zeitgenössischen Autoren gehört, um die sich ein ganzes Universum an Gerüchten, Mythen und Vermutungen spannt. Der Rezensent fühlt sich daher frei von der zumeist überflüssigen Unsitte, Biographisches zur Interpretation beziehungsweise zur Rezension dieses Romans heranzuziehen.

„Bleeding Edge“ kommt scheinbar leicht unter dem Deckmantel des hard-boiled-Kriminalromans á la Raymond Chandler daher, doch eine stringente teleologische Handlung will sich nicht so recht einstellen. Nach dem ersten Lesen bleibt vor allem die hysterische, paranoide und zuweilen auch absurd wirkende Atmosphäre als erster und eindringlicher Leseeindruck haften. Es geht in „Bleeding Edge“ irgendwie gleichzeitig um New York, Wirktschaftskriminalität, den 11. September, Überwachung, Alleinerziehende Mütter, Rating-Agenturen, Risikokapital, Terrorismus, George W. Bush, One-Night-Stands, Ego-Shooter, Yuppies und – natürlich – Weltverschwörung. Das alles – aber nicht viel mehr – gruppiert sich um das Duell zwischen Maxine Tarnow, einer dezertifizierten Wirtschaftsprüferin und Gabriel Ice, dem Geschäftsführer von hashslingrz, einer Firma, die sich auf Datensicherheit spezialisiert hat und eng mit der amerikanischen Regierung zusammenarbeitet; so eng, dass sie dabei deine Art Beraterrolle eingenommen hat. Dabei scheint es belastbare Spuren von Ice zum organisierten islamistischen Terrorismus zu geben. Tatsächlich kommt Maxine auch einigen verdächtigen Insidergeschäften im Vorfeld der Anschläge vom 11. September auf die Spur, was in einer Art „grande finale“ zwischen Maxine und Ice gipfelt. Wer in diesem Roman so etwas wie eine tragende und alle Episoden irgendwie umspannende Handlung sucht, wäre hier fündig geworden.

Nun waren und sind die vordergründigen Handlungsstränge nie das Zentrum in Pynchons literarischem Schaffen. Es ist vielmehr das Spiel mit weltliterarischen Vorlagen, sein Händchen für ebenso abstrakte wie eindrückliche Metaphern, die immer auch ein atmosphärischen Bildnis schaffen, und sphärisch-abgedrehten Passagen, die mal traumwandlerisch-leicht, mal drogengeschwängert-schwer daherkommen. Die Hektik, die Hysterie und die Sucht der Protagonisten nach erzählbaren Geschichten, die das eigentlich Unbegreifliche greifbarer und erklärbarer machen sollen, sind allgegenwärtig und ziehen sich wie Obertöne durch den Roman.

So erschließt sich der Roman dem Leser nach dem ersten und wohl auch nach dem zweiten Lesen nicht annähernd vollständig. Der Rezensent, ansonsten kein Fan von Mindmaps, fühlte sich mehrfach dabei ertappt, Verbindungslinien, Handlungsstränge und Handlungsmotivationen zu kreieren, wo wahrscheinlich keine sind. Es ist ein genuin literarisches Spiel, das Pynchon da mit seinen Lesern spielt. Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu – und doch entfaltet sie aufs Neue eine Faszination, der man sich kaum entziehen möchte – denn man ahnt, es lohne sich, diesem Roman auch eine dritte Lektüre folgen zu lassen. Wobei …

Ja, wozu eigentlich sollte man einem derart verschlossenen Roman so viele Chancen und so viel Lebenszeit schenken? Wahrscheinlich sind wir Leser am Ende auch nicht viel besser als all die Weltverschwörer und Terroristen, die diesen Roman bevölkern. Bleeding Edge – das ist der Fachterminus für neue elektronische Anwendungen, deren Nutzen noch nicht so wirklich erwiesen ist und mit der sich ausschließlich Nerds befassen. Und damit ist „Bleeding Edge“ auch nichts weniger als ein Roman der Romane für all diejenigen, deren Immunsystem nicht frühstücken muss.

Cover © rowohlt

  • Autor: Thomas Pynchon
  • Titel: Bleeding Edge
  • Originaltitel: Bleeding Edge
  • Übersetzer: Dirk van Gunsteren
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 26.09.2014
  • Einband: gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 608
  • ISBN: 978-3-49805-315-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Thomas Pynchon – Bleeding Edge (Buch)

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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