Ich lese, weil … Teil 2: Laurent Piechaczek

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Warum lese ich?

Verflixt, wie oft habe ich mir diese einfache Frage gestellt. Moment einmal: Einfach? Nee, gerade nicht. Wie oft gingen mir – eventuell geistreiche – Gedanken durch den Kopf, von denen ich immer den Eindruck hatte, die müssen nun aufs Papier (tatsächlich auch im digitalen Zeitalter). Und dann sitzt man da vor dem leeren Blatt oder dem leeren Dokument und hat sie wieder, diese Leere, diesen Abgrund an Nichtideen.

Ich lese weil... Grafik © booknerds.de - Idee: Sandro Abbate/novelero.de

Ja, warum lese ich?

Mitte der 70er Jahre besuchte ich die Realschule. Streng abgeschottet, alles Jungs, wurde viel Wert auf eine fundierte Ausbildung/Bildung gelegt. Da flogen schon ab und an Kreidestücke oder Schlüsselbunde durch die Luft zur Steigerung der Aufmerksamkeit.

Aber da gab es auch diese Deutschlehrerin, die uns an die deutschen Kurzgeschichten nach 1945 mit Namen wie Böll, Lenz, Heißenbüttel heranbrachte. Ich erinnere Lyrik von Johannes Bobrowski. Alles Schriftsteller, die erst heute, fast 40 Jahre später, mir in ihrer Wucht und Tragweite klar werden.

Aber auch die Klassiker blieben nicht auf der Strecke. Natürlich Annette von Droste-Hülshoff, Gerhard Hauptmanns Bahnwärter Thiel. Und vor allen Dingen Alfred Andersch, Sansibar oder der letzte Grund. Dieser schmale Roman, diese einfache, eindrückliche Sprache hat mich damals wie auch heute, bei einem reread, beeindruckt.

Also, der Start war gut. Und dieser Start hat mich dann auch geprägt. Ohne Bücher geht nicht!

In der Oberstufe dann war lesen zur Sammlung von Informationen erforderlich. Aber auch hier wieder ein wichtiges Mosaiksteinchen. Ein Deutschlehrer, der mir Max Frisch nahebrachte.

Es sind Zufälle, die ein Leseleben prägen und in die eine oder andere Richtung schubsen.

»Aber halt!«

…wird da der geneigte Leser rufen: Bislang liegt noch keine Antwort vor.

Ertappt! Ja, man will sich drücken. Die Frage hin- und herwälzen und am liebsten offen lassen.

Heute ist Lesen für mich immer wieder die Feststellung des eigenen Scheiterns angesichts der Ideen, Bilder und Gedanken, die andere als Texte formulieren können. Ich bin auf der Suche nach gerade diesen Ideen, diese Ideen, die ich nicht habe. Immer wieder staune ich über die Vielfältigkeit des menschlichen Denkens, der menschlichen Ideen. Lesen ist also Suchen nach Antworten. Dabei spielt die Frage keine Rolle. Der Text gibt vor. Dieses immer wieder im optimalen Falle neue Spiel in einem neuen Buch treibt mich an. Gleichzeitig erschrecke ich davor, dass kaum noch Zeit bleibt. Die Zeit zerrinnt, die Bücher bleiben. Also auch ein Wettlauf mit der eigenen Vergänglichkeit. Lesen als Versuch, die Zeit, wenn auch nur für eine ganz kurze Spanne, anzuhalten. Verharren in Gedanken, die flüchtig und kurz da sind.

Warum ich nicht lese: Das Internet hat da schon kuriose Sachen hervorgebracht. Zum Beispiel die Seiten, die täglich listen, welches Buch derjenige gerade liest, genaueste Angaben darüber, wieviele Seiten innerhalb welcher Zeit. Lesen wird bei diesen Menschen offensichtlich zum Sport, zur Leistung. Was wollen sie beweisen? Was tun sie den Büchern an?

Ein Buch braucht Wertschätzung, Zeit und Geduld. Jeder Autor hat Anspruch darauf, respektvoll behandelt zu werden. Das erreicht der Leser nicht durch „Seitenfressen“.

Der Nachhall eines Buches muss da sein. Auch noch nach Jahren. Abgesehen davon merkt man dann aber auch, wenn sich diese Art von Leser über ein Buch äußert, dass häufig nicht viel hängengeblieben ist.

Also lese ich auch zur Entschleunigung, zur Besinnung. Und auch weil es einfach Spaß macht, manchmal jedenfalls! Alles mit der gebotenen Ernsthaftigkeit.

Wie las ich einmal in einem „Peanuts“-Comic: »Warum liest du denn Bücher, sind doch immer die gleichen Buchstaben, nur anders zusammen gemixt!«

Ja, genau!

(Hintergrund dieses Beitrags: Sandro Abbate schrieb auf seinem Blog novelero – Blog für Literatur nieder, warum er liest. Einige der booknerds gehen dieser Frage ebenfalls auf den Grund.)

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Über den Autor

Laurent Piechaczek

Nicht mehr ganz der Jüngste. Literatur und Musik sowieso. Neuerdings sehr fotointeressiert. Wohnort: Ruhrgebiet, genauer in der Kulturhauptstadt von 2010! Beruf: zur Zeit leider zu viel!

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von Laurent Piechaczek Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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