Zombies – Mythos und Legende (Dokumentation, DVD)

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Zombies here, Zombies there, Zombies everywhere. Als ob tagesaktuelle Nachrichten über die Aktivitäten hirnlos herumirrender Wesenheiten nicht reichten, haben sich Zombies behaglich in der Populärkultur eingerichtet. Vielleicht gerade deshalb, als unterhaltsames und schweigsames Pendant zu ekligen, menschenverachtenden Phrasendreschern, die sich auf der Straße bis zum Weißen Haus unbeirrbar ihren desaströsen Weg gebahnt haben. In düsteren Zeiten werden mediale Fluchtmöglichkeiten gerne ergriffen. Ob auf einem Einhorn ins Regenbogenparadies oder als wehrhafter Überlebender gegen marodierende Horden verwesender Untoter liegt im eskapistischen Geschmacksempfinden des Konsumenten.

Doch ist die Beschäftigung mit einer möglichen Zombieapokalypse tatsächlich virtueller Eskapismus oder bereitet es den geneigten Rezipienten auf schlimmst mögliche Katastrophenszenarien vor?
Dieser und anderen Fragen geht die History-Dokumentation „Zombies – Mythos und Legende“ nach.
Dabei wird wild durcheinandergewürfelt, was an Informationen vorliegt. Die Bibel, das Gilgamesch-Epos, im Labor erzeugte tödliche Erreger, Seuchen wie Pest und Spanische Grippe, Haiti und die Voodoo-Religion, George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ und die Folgen; eine kleine Waffenkunde, reale Zombie-Rollenspiel-Action-Gruppierungen, die ganze Ortschaften auf kommendes Unheil vorbereiten: All das wird in der wüsten Dokumentation auf einen Haufen geschmissen, durcheinandergerührt und von szenischen Ergüssen umrahmt, die an die Asylum/Syfy-Produktion „Z-Nation“ gemahnen, sich jedoch qualitativ von der schnodderig unterhaltsamen Action-Serie den Stinkefinger zeigen lassen müssen.

Besonderes Zutrauen in das Auffassungsvermögen seines Publikums scheint History nicht zu besitzen. Die teilweise durchaus interessanten Erkenntnisse werden modisch schnell geschnitten, häppchenweise serviert. So finden sich belanglose Erkenntnisse neben interessanten Auslassungen (z.B. über die Kriegstaktiken der Mongolen. An der Pest gestorbene Mitkombattanten in feindliche Städte zu katapultieren zeugt von sehr eigenwilligem Kriegsverständnis, fernab der Genfer Konventionen. Aber sehr nah an finstersten Monty Python-Sketchen). Den auferstandenen Jesus als „Anti-Zombie“ zu präsentieren zeugt ebenfalls von einigem Humorverständnis.

Einen differenzierten und detaillierten Diskurs stellt „Zombies – Mythos und Legende“ zu keiner Sekunde dar. Dafür werden zu viele relevante Aspekte vernachlässigt oder in Windeseile knapp abgehandelt. Die Beschäftigung mit der haitianischen Ausprägung der Voodoo-Religion (selbst Wes Cravens Spielfilm „Die Schlange Im Regenbogen“ bietet ungleich mehr und vor allem essentiellere Infos) findet kaum statt. Eine filmgeschichtliche Vertiefung, die weit vor Romeros Film einsetzen könnte („White Zombie”, „Revolt of the Zombies” von Victor Halperin, Jacques Tourneurs „I walked with a Zombie“ und etliche andere) bleibt aus, und auch Rezeption, Entwicklungen und Veränderungen, die Romeros bahnbrechendem Werk folgten, werden bloß oberflächlich abgehandelt. Das erreicht kaum Wikipedia-Niveau und präsentiert lieber zusammenhanglose und unergiebige Zeitraffer-Sequenzen von herumstapfenden Schminkopfern.

Die deutsche Bearbeitung lässt ebenfalls zu wünschen übrig. So präsentiert ein amerikanischer Waffenexperte die Remington 870 als effektivste Schusswaffe im Kampf gegen Zombies. Der deutsche Sprecher nennt die Pump-Action-Shotgun, nicht ganz falsch, aber um- und missverständlich, ein „Repetiergewehr“. Als solches wird die Remington mit dem Zusatz „1882“ auch in den Untertiteln präsentiert. Dieses Modell existiert tatsächlich, doch handelt es sich dabei um eine unhandliche doppelläufige Schrotflinte. Ein solider Oldtimer, aber kaum geeignet für die Zombie-Abwehr. Zwei Patronen, ein zum Laden umgeknickter Lauf, gegenüber einem (maximal) achtschüssigen Schnelllader dürfte die Flinte wohl den Kürzeren ziehen, obwohl sie insgesamt länger ist.
Es empfiehlt sich also, die Dokumentation mit Originalton zu schauen. Auf Untertitel, bis auf die fest eingeblendeten, muss man allerdings verzichten.

„Zombies – Mythos und Legende“ ist ein unsystematisches Mischmasch, das informatives, unterhaltsames und redundantes enthält. Kein ernsthafter, ausformulierter Beitrag zu einem Populärmythos, geschweige denn eine ausführliche Aufarbeitung von Historie (auch was Filme betrifft) und Legende. Ein hektischer Crashkurs, zum Einstieg ins umfangreiche Thema geeignet, mehr nicht. „Infotainment“ sagt man in Neusprech wohl dazu. Und das ist kaum positiv konnotiert.

Supper’s Ready

Cover & Szenenfotos © polyband

  • Titel: Zombies – Mythos und Legende
  • Originaltitel: Zombies: A Living History
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2011
  • Genre: Dokumentation, Horror, Kultur & Gesellschaft
  • Erschienen: 28.10.2016
  • Label: polyband Medien GmbH
  • Spielzeit:
    87 Minuten auf DVD
  • Sprecher (Originalton):
    Peter Outerbridge
  • Regie:
    David V. Nicholson
  • Extras:
    Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16×9 anamorph (1,78:1)
    Sprachen/Ton:
    D (Dolby Digital 2.0), E (Dolby Digital 2.0),
    Untertitel:

  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 5/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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