Gosford Park (Digital Remastered) (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Aus dem Jahr 2003 stammt die bis dato letzte, in Deutschland noch erhältliche DVD-Version von „Gosford Park“. Diesem Missstand nimmt sich nun Arthaus an und wiederveröffentlicht den Klassiker aus Robert Altmans Spätwerk endlich auch in Blu-ray-Qualität. Wer sich für die DVD entscheidet, bekommt ebenso ein im Vergleich zur gruseligen 2003er-Auflage aufpoliertes Bild, neben einer neuen Aufmachung gibt es aber sonst nichts Neues. Aber gut, dass Altman in neuem Glanz erstrahlt und so nachvollzogen werden kann, was ihn zu einem der besten Filmemacher aller Zeiten machte.

Aus den Urzeiten der DVD-Produktion ist noch immer die „Gosford Park“-Edition von Universal erhältlich, die zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Films aus dem Jahr 2001 erschien. Heute wirkt das Teil wie ein Artefakt aus Zeiten, als Kino- und Heimkino-Version in ihrer Qualität deutlich auseinanderklafften. Gerade im Fall eines Leinwand-Experten, wie Robert Altman es war, blutet einem dabei das Herz. Glücklicherweise hat Arthaus das vorliegende Material einer Remastering-Prozedur unterzogen und zu neuem Glanz verholfen.

Mit „Gosford Park“ wagte sich der damals 76-jährige Altman noch einmal an ein für ihn neues Genre und drückte auch ihm seinen eigenen Stempel auf. Ein „Agatha Christie-Krimi“ sollte es werden und da sich kein passenden Originalstoff fand, entwickelten er und Bob Balaban eine Idee, die schließlich von Julian Fellowes in ein typisches Altman-Drehbuch umgewandelt wurde. Der Regie-Meister arbeitete nämlich mit einer ganz eigenen Herangehensweise, die im Bonus Material ausführlich beleuchtet wird. Ebenfalls typisch Altman: Der umfassenden, namhafte Cast, der seine Werke zu klassischen Ensemble-Filmen werden ließ, wie sie einen Paul Thomas Anderson nachhaltig beeindruckten und beeinflussten. Maggie Smith, Kristin Scott Thomas, Bob Balaban, Stephen Fry, Hellen Mirren, Clive Owen, Kelly Macdonald… insgesamt 35 Rollen galt es zu besetzen und für jede wurde die beste Besetzung gefunden.

Der Film spielt im Jahr 1932 auf dem britischen Landsitz „Gosford Park“. Eine illustre Runde ist zur Fasanenjagd geladen und verbringt ein Wochenende auf dem Anwesen von William McCordle (Michael Gambon). Wenn Ladies und Lords auf Reisen gingen, so brachten sie ihre Zofen und Diener gleich mit. Während die Gesellschaft oben im Haus ihrem Vergnügen und ihren Geschäften nachgehen, wirken die Bediensteten im Keller und widmen ihren Alltag dem geordneten Haushalt. Altman zeichnet beide Klassenschichten sowie die Hierarchien in beiden Teilen des Hauses authentisch nach.

Alles wirbelt, die Kamera ist ständig in Bewegung, die Unruhe überträgt sich so auf den Zuschauenden, der gebannt ist vom Chaos, das scheinbar festen Regeln folgt. Altman erweckt die 1930er-Jahre zum Leben und zeigt bildgewaltig Handlungsweisen, die vom jeweiligen, von den Sozialstrukturen bestimmten Habitus vorgegeben sind. Wer genau aufpasst, erkennt auch schon in den ersten Minuten den schwarzen Humor, den der Regisseur gerne subtil in seine Filme einbaute. Erwachsene Menschen, die ohne ihre Bediensteten aufgeschmissen sind? Reichlich kindisch!

Es ist ein Fest für die Sinne, dem Treiben in Gosford Park zuzuschauen, dabei ereignet sich der eigentlich im Zentrum stehende Mord erst nach etwa der Hälfte der Spielzeit. Der Gastgeber ist tot und es kommt eine Handvoll an Mördern in Frage. Altman, Balaban und Fellowes haben eigentlich einen Roman entwickelt, den sie auf verblüffende Weise in etwas über zwei Stunden erzählt bekommen. Für manch einen wirkt „Gosford Park“ deswegen überladen, auch weil höchste Aufmerksamkeit gefordert ist, um mitzukommen, welche Figur welcher Absicht nachgeht und welches Motiv sich daraus ergeben könnte. Die drei Schreiberlinge arbeiten dabei geschickt falsche Fährten und vor allem Klischees ein, um aufzuzeigen, wie sehr das Leben in der feinen Gesellschaft das eigene Handeln einschränkt.

Geldprobleme, Affären, Exzentrik, Reichtum, Macht, Prominenz, Eifersucht, Jung gegen Alt, alles ist dem geübten Zuschauenden längst bekannt und doch ist es kaum vorstellbar, dass der feinen Gesellschaft mehr möglich, ja überhaupt erlaubt ist. Aus Sicht der Bediensteten, aber auch aus Perspektive der Gäste aus Amerika, einem Drehbuchautor und zwei Schauspielern, ist das ein höchstinteressantes Schauspiel, das es zu deuten und zu analysieren gilt. „Gosford Park“ ist ein Film über Film, vielleicht sogar ein Meta-Film über das Verhältnis zwischen Film und Leben.

Sprache und Verhaltensweisen sind längst tradiert und ritualisiert, das Vorgehen eigentlich vorhersehbar. Geheimnisse, Lügen, Skandale und Intrigen gehören zum Alltag der Snobs, genauso wie Klatsch und Tratsch im gesamten Haus. Denn letztendlich sind „oben“ und „unten“ stark miteinander verwoben, was so manch ein dunkles Geheimnis produziert. Das ständige Misstrauen hält sie jedoch nicht davon ab, immer wieder in das falsche Verhalten zurückzufallen. Die feine Gesellschaft, sie ist genauso unfrei wie die, die sie im Keller unterjocht. Altman erzählt vor allem aus Sicht der modernen Sklaven und stellt die Bewältigungsmechanismen ihrer Profession in den Vordergrund.

„Gosford Park“ ist außerdem ein Gesellschaftsgemälde über das Fehlen von echter Liebe, das Verhältnis zwischen Außenseitern und Eingeweihten, den USA, England und Schottland und und und. Das alles schafft Altman dank eines fantastischen Setdesigns, das eine faszinierende Atmosphäre schafft sowie seiner Regiearbeit, die den SchauspielerInnen viel Platz zur eigenen Interpretation lassen. Diese danken es ihm mit herausragenden Leistungen, selbst wenn sie vergleichsweise wenig Leinwandzeit bekommen. Altman sollte noch die Regie von zwei weiteren Filmen vergönnt sein, bevor er 2006 im Alter von 81 Jahren starb. „Gosford Park“ gilt zurecht als sein letzter großer Wurf, den man nun endlich in einer annehmbaren Qualität erstehen kann. Jetzt fehlen noch weitere Altman-Meisterwerke, die in Deutschland nur schwer erhältlich sind.

Fazit: Endlich ist eine Heimkino-Version von „Gosford Park“ in Deutschland erhältlich, die dem Werk Robert Altmans gerecht wird. Die Regielegende interpretierte Anfang der 2000er-Jahre in hohem Alter den „Agatha Christie-Krimi“ auf seine ganz eigene Weise und produzierte durch seine eigene Arbeitsweise und Trademarks ein spätes Karrierehighlight. „Gosford Park“ ist ein atemlos und dicht inszeniertes Meisterwerk, das gleichermaßen als schwarzhumorige Rätsel-Unterhaltung wie als Klassenstudie verstanden werden kann. Das Bonus Material ist dasselbe wie in der 2003er-Version, doch Hauptsache Altman kommt wieder in der angemessenen Qualität auf den deutschen Markt. Hoffentlich folgen noch weitere seiner hierzulande nur schwer zu bekommende Meisterwerke.

Cover und Szenebilder © Arthaus

  • Titel: Gosford Park
  • Produktionsland und -jahr: USA 2001
  • Genre:
    Krimi

    Komödie
  • Erschienen: 20.09.2018
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    131 Minuten auf 1 DVD
    131 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    u.a.
    Maggie Smith
    Kristin Scott Thomas
    Bob Balaban
    Stephen Fry
    Hellen Mirren
    Clive Owen
    Kelly Macdonald
  • Regie: Robert Altman
  • Drehbuch:
    Julian Fellowes
    Robert Altman
    Bob Balaban
  • Kamera: Andrew Dunn
  • Schnitt: Tim Squyres
  • Musik: Patrick Doyle
  • Extras:
    Audiokommentar von Robert Altman; Audiokommentar von Drehbuchautor Julian Fellows; Geschnittene Szenen; Making of; Die Realität hinter Gosford Park; Q&A mit Cast und Crew; Originaltrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,35:1 (anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,35:1 (1080/24p Full HD)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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