Willi Achten – Nichts bleibt (Buch)

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Wollte man es sich einfach machen, würde man „Nichts bleibt“ als die Geschichte einer sorgfältig durchkonstruierten Racheaktion bezeichnen. Das wäre gar nicht falsch, doch geht Willi Achtens Roman weit über die planvolle Schilderung einer bitter-konsequenten Vergeltung hinaus.

„Nichts bleibt“ handelt vom Verlust. An vielen Fronten. Zunächst an der naheliegendsten. Franz Mathys ist Fotograf, bekannt für seine Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten, von denen eins mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurde. Mehrfache Rückblenden erzählen von Mathys Zeit in Somalia und Srebrenica, unter Lebensgefahr wird Mathys fotografierender Zeuge einer Steinigung, trifft in Serbien auf Massengräber-, morde, Folter und Verstümmelungen. Innen wie außen.

Zurückgezogen lebt er jetzt in einem Haus im Wald, zusammen mit seinem namenlosen Sohn („der Junge“) und seinem Vater. Die Ehefrau ist weg. Und bald darauf der Junge. Mathys räsoniert. Wie er sich langsam wieder einrichtet im Alltäglichen, eine neue Beziehung eingeht und ein halbwegs normales Leben aufbaut. Dann verliert er seinen Sohn, schließlich seinen Vater, der von zwei Wilderern krankenhausreif geschlagen wird. Die Mathys zuvor auf frischer Tat ertappt und selbst niedergeknüppelt hat. Im Affekt, zu überhastet. Zu wenig. Von allem.

Mit einem befreundeten Nachbarn begibt er sich auf die Suche nach den beiden. Findet sie, involviert in eine bizarre Performance, während der vorgeblich mit Schockbildern von bewusst vollzogenen Tötungsaktionen “ gegen Tiermord demonstriert wird: „Animal Death, Thrill Art“.

Mathys sieht nur das plakative Sterben, die verlogene Sensationsgier, eine Abgestumpftheit, deren gewalttätige Entladungen auch vor Menschenleben nicht Halt machen. Vollzieht seine Rache. Langsam. Es beginnt in der Stadt und endet im Gebirge. Ein Showdown, der sich hinzieht in Schnee, Kälte und Ungewissheit. Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss. Vielleicht.

Franz Mathys monologisiert sich durch sein Leben, über 372 Seiten erzählt der traumatisierte Fotograf von den Erschütterungen, die seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmen. In klaren, präzisen Worten, meist kurzen Sätzen, lässt Willi Achten seinen Erzähler über die Vergeblichkeit imaginieren, ein friedliches, zufriedenes Leben führen zu können. Er lässt ihn fliehen, weg von Kriegsschauplätzen in die Waldeinsamkeit, weg von einem Akt der Gewalt in die Bergwelt, mit ihren klimatischen und topografischen Herausforderungen. Doch diese letzte Flucht ist nicht der Versuch, einen weiteren Platz zum Innehalten, zum Selbstvergessen zu finden, sondern der perfekte Ort für einen unerbittlichen, kräftezehrenden Showdown.

Fallstricke überall, Selbsttäuschungen und blinde Flecken. Mathys ist viel zu fasziniert von der Zerstörung, die sein Leben mehr und mehr bestimmt. Er weiß genau, wenn er seinen dunklen Obsessionen nachgeht, wird er alles verlieren, was noch geblieben ist. Nicht viel, aber immerhin ein paar freundschaftliche, liebvolle Beziehungen und die Möglichkeit einer Wiedergutmachung. Dafür müsste er aber Verzicht üben. Verzichten auf das, was ihn antreibt, vielleicht überhaupt am Leben hält: Seine Rache.

Willi Achtens Roman ist facettenreich, trotz seiner elegischen, traurigen Grundhstimmung ungemein spannend. Achten vermeidet gekonnt, seinen Erzähler als larmoyanten Schwätzer zu diffamieren. Franz Mathys weiß, wovon er erzählt, seine Schilderungen sind, insbesondere was seinen Beruf als Fotograf angeht, von einer geradezu graphischen Genauigkeit. Er wiederholt sich, weil sein Leben aus Wiederholungen zu bestehen scheint, und jeder weitere Schritt, so bekannt der mögliche Weg auch sein mag, ungeheuer anstrengend ist.

Das erinnert linde an Gerard Donovans „Winter in Maine“, jenen fabelhaften Roman, in dem der belesene Julius Winsome den Tod seines Hundes rächt. Der über den bloßen Spannungsbogen hinaus etwas über Einsamkeit erzählt, die Verlorenheit in einer gewalttätigen Gesellschaft. Ähnlich funktioniert „Nichts bleibt“. Auch die poetische Kraft der Sprache betreffend.
War Winsome umgeben von über 3000 Büchern, so findet Franz Mathys seinen Rückzugsort in der Musik. Besonders Bob Dylan, Leonard Cohen („der Meister des Ungefähren“) Hentyk Góreckys „3. Sinfonie“ und Pachelbels „Kanon“ finden Erwähnung.

„Nichts bleibt“ ist düster, aber niemals trist. Der Roman verharrt in Augenblicken, Standbildern und entwickelt einen stetigen Sog, dem der Erzähler nicht entkommen kann, nicht entkommen will. Sein Rachefeldzug endet nicht mit Erlösung. Der Chronist einer gewalttätigen Welt wird zu ihrem Adepten. Eine Spirale der Destruktion in Zeitlupe, inhaltlich faszinierend und formal ausgefeilt in Szene gesetzt.

Your father’s gone a-hunting
And he’s lost his lucky charm
And he’s lost the guardian heart
That keeps the hunter from the harm
(Leonard Cohen „Hunter’s Lullaby“)

„Das ist alles. Nichts bleibt.“

Cover © Pendragon Verlag

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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