Influencer sein oder nicht sein. Ein Mittelfinger reist durch die virtuelle Welt. Oder auch zwei. Oder drei.

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Vor einigen Tagen veröffentlichte Willy Kramer, besser bekannt als Snickers für Linkshänder bzw. Snicklink, dieses hier verlinkte Video , in welchem er, wie es „TausendSascha“ von FernSehErsatz so schön ausdrückt, „die schöne neue Welt der Influencer zerfickt“.

Und dieses Video auf Facebook zu teilen, stieß nicht unbedingt auf Gegenliebe. Kramer wird vorgeworfen, „Hauptsache krass“ zu sein, „Hauptsache draufhauen“. Daraufhin sprudelte ein Sermon aus mir heraus, der – so die Meinung anderer Leute – in den Kommentarspalten meines Facebookprofils sinngemäß viel zu unsichtbar sei. Ich solle ihn sichtbar  machen. Gern mache ich das hiermit (danke, Hartmut und Dagmar!).

Eines vorweg: Es soll kein Werbebeitrag für Snicklink sein, vielmehr eine Momentaufnahme dessen, wo wir in der virtuellen Welt stehen und inwiefern man versucht, uns zu verbiegen und zu lenken, uns vor irgendeinen Karren zu spannen. Es ist das Teilen eines gemeinsamen Gefühls. Here we go, etwas überarbeitet und ergänzt (da er ursprünglich auf der Smartphonetastatur entstand, nachts, kurz vor Halbschlaf):

Willy a.k.a. Snickers für Linkshänder a.k.a. Snicklink ist sehr speziell, was seinen Humor angeht, und es ist oftmals sehr derb und haudrauf, was er da tut, ja, over the top, aber es ist doch meiner Meinung nach ein gelungener Rundumschlag in Richtung derer, die es treffen soll. Denn gerade das ist doch momentan das, was ziemlich ätzt: Diese Hysterisierung in vielen Bereichen, auch – nur als Beispiel – in der Literaturszene.

Ich habe mit dieser Website, booknerds.de, durchaus gemerkt, dass da Potenzial ist. Dass ich mit meinen Leuten da durchaus etwas ausrichten könnte. Zuletzt, vor einiger Zeit, mit Stiftung Lesen und der damit verbundenen Sache mit dem Buch „Warum ich lese“. Beim Buch habe ich durchaus gern mitgemacht, da man hier einfach eine Leidenschaft teilt und jeder so seinen Weg zur Literatur schildert. Doch ich habe bereits dort eigentlich schon keine Lust mehr gehabt, mein Gesicht für irgend etwas hinzuhalten – auch wenn es diesbezüglich nicht mal eine Werbemaßnahme war. Ich habe es dennoch gemacht, mein Bild und mein Text gingen durchs Netz, aber es fühlte sich zum x-ten Mal schal, seltsam, falsch an.

Ich hatte da irgendwann den Punkt erreicht, an dem ich mir dachte: Verdammt noch mal. Willst du wirklich jemand sein, der seine eigene Fresse überall sehen will? Der sich derart exponiert? Der irgendwie Einfluss auf irgend eine Szene haben will? Verdammt, nein. Ich habe keinen Bock, irgendwie der „Bäm!“-Man für irgend etwas zu sein. Ich möchte einfach nur meinen eigenen Weg gehen, authentisch und respektvoll, ohne irgendwelche Finanzspritzen, ohne irgendwelche Marionettenfäden. Ich möchte einfach nur fucking myself bleiben, ohne diese ganze Maschinerie!

Insofern fühle ich mich persönlich, auch wenn ich vielleicht nicht so viel Zuspruch habe, einem Snicklink aka Willy, der durchaus mal mit seinen Ansichten aneckt, viel näher als beispielsweise irgendwelchen Menschen, die (wieder nur als Beispiel) in der Litblogszene oder Musikszene, die eine Zeitlang oder immer noch omnipräsent waren/sind und sich melken lassen, um dann wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen zu werden.

Pic © privat inkl. Verwendung diverser Vektorgrafiken von pixabay (CC0 Creative Commons)

Daher bin ich auch letztendlich froh, beim Blogbusterpreis (Jury aus Buchbloggern liest Manuskripte und entscheidet mit, welcher Autor einen Vertrag bei einem Verlag bekommt) persönlich und auch als Team auch in dessen zweiter Runde übergangen worden zu sein. Es wäre so elendig falsch gewesen.

Ich bin lieber der komische Kauz, der gern in seltsamen Shirts durch die Gegend läuft, dem Trends egal sind, der komische Bücher liest und komische Musik hört, der generell etwas seltsam ist, der lieber ein echter Nerd als die Art mediengemachter Nerds ist, die in den Medien als cool gelten. Ich bin gern der Außenseiter, der Sonderling. Ich habe mich selbst nie verloren. Vielmehr habe ich mich Jahr für Jahr immer mehr gefunden. Und ich bin stolz darauf, in keine Schublade zu passen. Nicht Vorreiter für irgend einen Bullshit zu sein und damit jemand zu sein, der „Mittäter“ ist, andere in Schubladen gepresst zu haben, andere zu Mitläufern gemacht zu haben. Ich verachte diese Mechanismen, aktiv wie passiv – gerade auch deshalb, weil ich fast unter die Räder einer solchen Maschinerie geraten wäre!

Und deshalb achte ich Menschen wie diesen Snickers-Vogel (sorry, ich meine „dieses Snickers-Eichhörnchen) letztendlich mehr als all die Lemminge und jene, die die Lemminge steuern. Denn er macht einfach sein Ding. Dreht den Spieß um. Er wurde wegen seiner kontroversen (im Grunde medienkritischen, Finger in Wunden Legenden) Inhalte gesperrt von allmächtigen Onlinekonzernen (öfter mal Facebook, zuletzt die Löschung seines YouTube-Kanals und der scheinheiligen Wiederfreischaltung), und er zeigt diesen den Mittelfinger. Zieht jetzt sein eigenes Ding durch. Emanzipiert sich von Youtube und Facebook und Co. Liefert weiterhin Satire fürs Fernsehen und veröffentlicht den anderen Kram, den er produziert, halt nicht mehr für andere, sondern einfach nur für sich und die, die seinen Humor und seine Arbeit zu schätzen wissen. Auf seinem eigenen Portal. Gegen Geld. Geld für seine Zeit und Arbeit, die er nun eben nicht mehr kostenlos auf Portalen verbreitet, die eigentlich auch nur Geld mit ihm machen wollen.

Ich finde seine Inhalte auch nicht alle gut.

Ich finde es aber gut, dass er, Snickers für Linkshänder, dieser Nerd, dieser Sonderling, dieser Anarcho, dieses Äquivalent zum sonderbaren Typen, der komisches Zeugs hört, komisches Zeugs trägt, einen eigenwilligen Humor hat, immer wieder aneckt, sein Ding macht. Ohne sich vor irgend einen Karren mehr spannen zu lassen.

Und letztendlich ist er einer der wahren Influencer. Er ist ein Aushängeschild für Identität, für das Manselbstsein. Für „fuck you, I am who I am and I don’t hurt anyone but those who fuck others with their fucking greed“. Er entlarvt die Respektlosigkeit anderer mit Respektlosigkeit gegenüber Respektlosigkeit.

Ich möchte niemand sein, der mit seiner Gier andere fickt. Ich möchte einfach nur jemand sein, der respektiert wird für das, was er tut. Es muss nicht gemocht werden. Aber eben respektiert.
Marketingmarionette zu sein hat jedoch nichts mit Respekt zu tun. Und das ist es leider, was die meisten Influencer sind. Sie sind keine Influencer. Sie sind ein Instrument für etwas viel Größeres. Sie werden merken, was sie sind, wenn sie irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Sie werden NICHTS MEHR sein. Sie werden die ausgenuckelte Capri-Sun-Tüte sein, die hinterm Rewe neben dem Glascontainer liegt.

Da bin ich lieber der kleine Onlinemagazinbetreiber, der sein Ding mittlerweile fast 6 Jahre durchzieht, ehrlich, authentisch, ohne Blick auf den Euro, ohne Narzissmus, ohne den Drang, sich zu exponieren, mit 30000 unique Websitebesuchern statt einer Million. Und er seine Kohle damit verdient, Gemüse, Milch und andere Dinge durch den Laden zu schubsen und über das Kassenband zu ziehen.

Ich kann hinterher noch in den Spiegel sehen und weiß, dass ich niemanden benutzend durch meine Poritze gezogen habe.

*mic drop*

Bitte auch unbedingt den ebenfalls gerade erschienenen Text auf Petra van Cronenburgs Blog lesen!
-> Ich will nicht schnell berühmt werden!


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
∇ mehr über Chris Popp/Kontakt


2 Kommentare

  1. Ich mag dieses Onlinemaganzin! Und ich bin gerne diese kleine Buchbloggerin, die nicht nur die Rezi-Exemplare der Großverlage liest oder auch mal einen Verriss schreibt.
    Sehr schöner Artikel!

    • Chris Popp

      Vielen lieben Dank. Es brannte mir wirklich auf der Seele – diese ganze Hysterisierung, dieses „Wir helfen dir dabei, dich ganz furchtbar wichtig zu machen“, das kann einem auf den Zeiger gehen. Ich bin wirklich froh, nicht in diesen Strudel hineingeraten zu sein. Dann lieber besonnen und unaufdringlich bleiben… ;)

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Influencer sein oder nicht sein. Ein Mittelfinge…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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