Ingmar Bergman – 100th Anniversary Edition (Boxset, 10 Blu-rays)

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Ein Jahrhundertregisseur hätte nun sein Einhundertjähriges gefeiert. Es ist ein schönerer Anlass als der 10. Todestag im vergangenen Jahr, um Ingmar Bergman und sein Werk zu feiern. Via Arthaus erscheint hierzu eine über 1100 Minuten umfassende Box mit zehn Filmen, die tatsächlich ins Rennen um Bergmans Top 10 gehen können. Das üppige Bonusmaterial zeichnet zudem ein schonungsloses Bild des legendären Filmemachers, der zeitlebens mit seinen Dämonen zu kämpfen. Die Anschaffung der Box sollte allerdings gut überlegt sein, denn neben einigen anderen Kritikpunkten ist es vor allem das Fehlen von neuen Inhalten, das vor einem Kauf geprüft werden sollte.

Was macht einen großen Regisseur eigentlich aus? Dass er das Kino verändert hat? Dass er eine gewisse, wie auch immer geartete Erfolgsquote erfüllt? Dass er etwas „Besonderes“ abgeliefert hat? Dass er einen eigenen Stil entwickelt hat? Äußerst schwammige Kriterien, doch irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen müssen. Auf Ingmar Bergman trifft jedenfalls jedes dieser Merkmale zu, auch wenn die Rezipienten einige auf ihre eigene Art definieren werden.

Ein Bergman-Film macht keine Gefangenen und „schert sich einen Dreck“ um Erwartungen und Konventionen. Die zehn vorliegenden Werke sind schroffe, minimalistische, größtenteils stark dialoglastige Filme, die eine verführerisch runde Interpretation zum Bergman’schen Stil abgeben. Nicht ganz abbilden kann die Zusammenstellung allerdings die Variabilität, die der schwedische Filmemacher im Zuge seines unermüdlichen Schaffens abdeckte. Horror- („Die Stunde des Wolfs“), Comedy- („Der Magier“) und Musicalfilm („Die Zauberflöte“) sind die bekanntesten Ergänzungen seines Dramastils, der gerne zwischen Realität und Traum zu vermitteln versuchte.

Sicherlich ist es schwierig, die richtige Auswahl zu treffen, wenn ein solch umfangreiches Werk vor einem liegt, das locker eine Top 20 bedienen kann. Nicht immer sind alle gewünschten Filme (in der passenden Qualität) verfügbar, doch es wäre lohnenswert gewesen, wenn sich Arthaus noch einmal mit den in den 2000er-Jahren veröffentlichten Titeln beschäftigt hätte, die teilweise nur noch schwerlich erhältlich sind. 2013 und 2014 erschienen bereits sieben der zehn Filme dieser Box in einer zweiteiligen Blu-ray-Edition und sind demnach einfach zu bekommen. Wirklich neu ist nur das umfassende Booklet, das der Box beiliegt.

Während auf „Das Lächeln einer Sommernacht“ verzichtet wurde, sind mit „Das Schweigen“, „Fanny & Alexander“ und „Sarabande“ drei weitere großartige Filme hinzugefügt worden, die über alle Zweifel erhaben sind. Über das Qualitätslevel braucht an dieser Stelle nicht diskutiert zu werden, über die Zusammenstellung jedoch leider schon. Wie auch schon bei anderen Arthaus-Boxsets sind hier Discs in den Versionen zusammengebracht worden, in denen sie über die Jahre einzeln veröffentlicht wurden oder in Zukunft werden. Dadurch wird eine Einheitlichkeit im Design der Menüs verunmöglicht, viel schwerer wiegt aber, dass sich im Fall der Dokumentation „Liv & Ingmar“ eine Dopplung auf „Persona“ und „Das Schweigen“ ergibt. Angesichts der Masse an Material, das es über Ingmar Bergman zu sehen gibt, wirkt das wie eine unnötige Verschwendung. Bergmans „Fårö Dokument 1979“ (Bonus „Die Jungfrauenquelle“) wird wiederum nicht von seinem 10 Jahre zuvor gedrehten Pendant begleitet.

Das üppige Bonusmaterial variiert in Sachen Schauwert, was aber schlicht an den jeweiligen Regisseuren liegt. Bergman selbst verfasst mit dem „Fårö Dokument“ einen Liebesbrief an seine Wahlheimat, der zwar in seiner Rohheit sein Schaffen passt. An der ungefilterten Romantisierung der EinwohnerInnen und dem fehlenden Auge für allzu Triviales lässt sich die These festmachen, dass Dokumentarfilmen zu den wenigen audiovisuellen Feldern gehörte, die Bergman nicht vollends beherrschte. Da ist es nicht allzu schade, dass trotz manch einem magischen Moment eine Fortsetzung zehn Jahre später ausblieb. Die Dokumentation „…aber der Film ist meine Geliebte“ (Bonus „Herbstsonate“) von Stig Björkman ist eine Collage aus Filmszenen und Behind-The-Scenes-Aufnahmen, die von anderen Regisseuren kommentiert werden und die das Einzige sind, was den sonst wenig virtuosen Zusammenschnitt interessant macht.

Glücklicherweise macht das Bonusmaterial aber auch klar, dass Ingmar Bergman nicht nur bei Spielfilmen und TV-Produktionen, sondern auch bei zahlreichen Theaterstücken Regie führte. Eine nicht unwichtige Erkenntnis, wenn es um die Bewertung seines Filmschaffens geht. Das trifft ebenso auf die schonungslose (Selbst-)Darstellung von Bergmans bewegten Leben zu, das eben auch von künstlerischen wie privaten Tiefpunkten geprägt war. Seine oftmals theaterhaften Filminszenierungen enthalten mindestens semibiographische Züge und lassen tief in die Seele eines unsicheren, sensiblen und von Dämonen heimgesuchten Menschen blicken.

Die Zeitreise beginnt mit „Das siebente Siegel“ und „Wilde Erdbeeren“, zwei Meisterwerke aus dem Jahr 1957, mit denen Bergman seiner Karriere eine entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Nach den ersten elf experimentellen Jahren mit wenigen Ausreißern nach oben, findet Bergman seine Stimme, dessen schroffe Ernsthaftigkeit er über die folgenden Jahrzehnte verfeinern konnte. Während „Wilde Erdbeeren“ meist zum besten Bergman-Film gekürt wird, sollten in „Die Jungenfrauenquelle“ (1960) bereits die „Unzulänglichkeiten“ ausgebügelt werden, die der Regisseur selbst in „Das siebente Siegel“ erkannt haben will.

Der Film, für den Bergman seinen ersten von drei Fremdsprachen-Oscar (neben „Wie in einem Spiegel“ und „Fanny & Alexander“) erhielt, basiert auf einer schwedischen Ballade aus dem 13.Jahrhundert, die der Regisseur mit einem Fokus auf ihre Abgründigkeit bearbeitet. Karin (Birgitta Pettersson), unschuldige Tochter einer wohlhabenden Familie, wird auf dem Weg zur Kirche von kriminellen Schäfern zum Anhalten überredet und findet in Folge einer damals in den USA zensierten und noch heute erschreckend inszenierten Vergewaltigung den Tod. Als die Landstreicher und ihr kleiner Bruder bei der Familie vor der Kälte Zuflucht suchen und schließlich als Täter identifiziert werden, plant Karins Vater Töre (Max von Sydow) die rachsüchtige, blutige Vergeltung.

Auch wenn sich ein paar Längen ergeben, ist es die in kompromisslosen Minimalismus verpackte Komplexität, die Bergman auszeichnet. An möglichst wenigen Schauplätzen und mit möglichst wenigen Szenen entwickelt „Die Jungfrauenquelle“ statt Wohlfühlfolklore eine rohe, erdrückende Wucht, die es auszuhalten gilt. Belohnt wird der Zuschauende allenfalls mit den herrlichen Aufnahmen von Bergmans Stammkameramann Sven Nykvist, die die späteren märchenhaft belasteten Traumlandschaften Tarkovskys beeinflusst haben könnten. Religion und heidnische Kulte, Schuld und Unschuld, Pubertät und Traumata, aber auch moderne Themen wie Verantwortung und Eifersucht (inklusive inzestuöser Andeutungen) in der Elternschaft sind nur einige Beispiele für das, was Bergman 89 Minuten zu behandeln weiß. Das Ende, da muss der Selbstkritik des Regisseurs beigepflichtet werden, will in seiner Aussage dennoch nicht zu Bergmans Stil und der entlehnten Hiob-Geschichte passen.

Drei Jahre später widmet sich Bergman mit „Licht im Winter“ noch offensichtlicher mit einem seiner zentralen Themen. Pastor Tomas (Gunnar Björnstrand) befindet sich Jahre nach dem Tod seiner Frau und trotz seiner neuen, wenn auch versteckten Liebe zur Lehrerin Märta (Ingrid Thulin) an einem Tiefpunkt in seinem Verhältnis zu Gott. Auslöser ist eine Erkältung und ein Besuch von Jonas (Max von Sydow), einem Familienvater aus dem Dorf, der sich mit Selbstmordgedanken schwanger trägt. Tomas träumt fiebrig seine Beichte über den schwindenden Glauben, verbarrikadiert sich im realen Leben aber in seiner kleinen Kirche und hinter einem abweisenden Zynismus.

Das Kirchen-Kammerspiel überzeugt mit herausragenden Schwarz/Weiß-Bildern und scharfen Dialogen aus einem herausragenden Drehbuch ist ein Kommentar auf den zerfallenden Glauben an die Institution der Kirche. Die kleine Gemeinde schrumpft zusehends, obwohl er in Zeiten der atomaren Bedrohung so wichtig wie selten wäre. Doch für Tomas ist der Glaube eine Quelle der Enttäuschung, die in zu einem (selbst-)hasserfüllten, verbitterten Mann gemacht hat. Den Tod seiner Frau hat er nicht überwinden können, weil ihm auch Gott darauf keine sinnvolle Antwort geben konnte. Seine Erinnerungen verblassen zunehmend, denn die Ziel- und Sinnlosigkeit in seinem Leben wird von der verlorenen Liebe gespeist. Der Pastor ist in seiner Rolle gefangen, er muss zuhören, aber ihm hört niemand zu. Die Depression führt soweit, dass er seine neue Liebe verbal grausam verletzt und Tod und Verwesung um ihn herum nicht aufhalten kann.

Abermals im selben Jahr erschien ein weiterer Bergman-Film, der als Geheimfavorit auf den „besten Film“ gilt. „Das Schweigen“ ist der inoffizielle Abschluss der „Glaubenstrilogie“, auch weil das Thema nicht so offensichtlich über Religion bearbeitet wird. Die Schwestern Ester (Ingrid Thulin) und Anna (Gunnel Lindblom) befinden sich mit Annas Sohn Johan (Jörgen Lindström) auf der Rückreise aus dem Urlaub im Süden, als Ester erkrankt. Sie steigen in einer osteuropäischen Stadt aus, die von Tourismus geprägt ist und mieten sich in einem Hotel ein. Zwischen den unterschiedlichen Schwestern schwelt ein Konflikt, doch wie so Vieles bleibt der Grund unausgesprochen.

Anders als in seinen anderen Filmen reduziert Bergman (dem Titel entsprechend) den Dialoganteil auf ein Minimum, um die Fehlkommunikation zwischen den Schwestern und die fehlenden emotionalen Bindungen im Beziehungsdreieck zu unterstreichen. Nicht die einzigen Lehrstellen, die den Film zu einem kleinen Mysterium werden lassen. Während die Tante im Bett bleiben muss und es die Mutter nach draußen treibt, erlebt der kleine Johan in dem beeindruckenden Hotelbau surreal anmutende Episoden, die an Resnais‘ „Letztes Jahr in Marienbad“ und karnevaleske Lynch’sche Absurdität erinnern. Die Figuren sind eingesperrt, aneinandergebunden und erleben die Zeit- und Ortlosigkeit als Qual. Die Enge und Hitze sowie die Nähe des Kriegs bringen das Unwohlsein in der Extremsituation zum Ausdruck, doch die Schwestern verletzten sich vor allem deswegen gegenseitig (ein wichtiges Thema Bergmans) aufgrund des ungelösten und vielleicht unlösbaren Konflikts zwischen ihnen. Aus heutiger Sicht erstaunt es etwas, dass „Das Schweigen“ seinerzeit zum Skandalfilm erklärt wurde. Wieder werden inzestuöse Andeutungen gemacht, Nacktheit und Sex finden Einzug, doch die Zensurstellen stießen sich an einer vergleichsweise harmlosen Masturbationsszene.

Auf die Spitze trieb Bergman seine Faszination für Verrätselungen in „Persona“, dem nach „Wilde Erdbeeren“ wohl beeindruckendsten, weil in der Interpretation offensten Film Bergmans. Auch für den Regisseur selbst war der Film ein Wendepunkt, war er doch erst mit der einen Hauptdarstellerin Bibi Andersson, dann mit der anderen Liv Ullman liiert. Gerade die letzte Beziehung wird ihn bis zum Lebensende nicht loslassen. Die Box setzt nach „Persona“ erst acht Jahre später wieder an. Bergman dreht nun wieder gänzlich anders, ohne sich neu erfinden zu müssen. „Szenen einer Ehe“ ist zunächst als Miniserie erschienen, die das Ehepaar Marianne (Liv Ullman) und Johan (Erland Josephson) über einen Zeitraum von zehn Jahren und einer Spielzeit von viereinhalb Stunden begleitet. Ein Jahr später schnitt Bergman das Projekt auf für einen Spielfilm gerade noch vertretbare 2:50 Stunden zusammen und konnte so auch das internationale Kinopublikum erreichen.

Viel Außergewöhnliches passiert in den epischen Ausmaßen nicht und genau das macht Bergmans Meisterwerke ab da an aus. Jedes der sechs Kapitel spielt an einem bestimmten Ort und während Marianne und Johan sich unterhalten, streiten und schlagen, wird ihr alltäglicher Trott am Esstisch, im Wohnzimmer oder im Bett gezeigt. Darin besteht der Clou, denn der rohe Realitätsbezug macht den wahren Horror klar, den Ehe bedeuten kann. Gebannte versucht man den brillant geschriebenen Dialogen zu folgen, die alleine durch ihren Umfang zu einem Studium einladen. Die Figuren erzählen Geschichten von und über sich und konstruieren damit ihre Identität (als Paar). Die Konstruktion wird allerdings unter falschen Annahmen vom Ideal der Ehe vorgenommen. Gesellschaftliche Erwartungen treiben Johan und Marianne in einen Zustand von Wut, Verzweiflung, Hass und Müdigkeit, der sie nur noch zur Verletzung des jeweils anderen treibt, obwohl sie eine tiefe Zuneigung und Liebe füreinander empfinden. Gibt es ansonsten an der Bildqualität der Filme dieses Sets nichts auszusetzen gibt, muss hier festgestellt werden: Hier hätte auch eine DVD ausgereicht. Anscheinend gibt es aber einfach keine Bänder, die eine bessere Qualität zulassen. Vielleicht hätte man hier den Platz einer Blu-ray anders nutzen sollen: Statt der Kinofassung einfach die Serie in DVD-Qualität pressen lassen.

In der Machart ähnlich, aber um Einiges kürzer fällt „Herbstsonate“ (1978) aus. Es geht um den Besuch von Charlotte (Ingrid Bergman) bei ihrer Tochter Eva (Liv Ullman), die mit ihrem Mann und ihrer Schwester Helena (Lena Nyman) auf dem Land lebt. Siebe Jahre hat die bekannte, kosmopolitische und vor Energie strotzende Pianistin das Wiedersehen herausgeschoben, die vor allem dann an der Sinnhaftigkeit der Aktion zweifelt, als sie erfährt, dass ihre behinderte Tochter Helena nicht mehr im Heim, sondern in einem Zimmer im Haus lebt. Charlotte arbeitet bereits an Ausflüchten, als die kindlich-naive, aber betrunkene Eva sie eines Nachts zur Rede stellt.

Es ist ein ehrliches und hartes Gespräch, das die Vernachlässigung der Kinder thematisiert, die auf die eine oder andere Weise Schaden genommen haben. Charlotte hat sich schon immer selbstsüchtig in ihre eigene Welt zurückgezogen und sich kaum mit den Kindern beschäftigt, obwohl diese auf die Liebe und Anerkennung der ihrer Mutter angewiesen waren. Als Charlotte dies zwischenzeitlich begriff, versuchte sie es mit Überkompensation und schädigte gerade Eva noch mehr, die einen offensichtlichen Vaterkomplex hat und selbst ein Kind verlor. Auch am Krankheitsverlauf von Helena trifft sie eine Schuld, die sie so sehr ignorierte, dass sie es gar nicht mitbekommen konnte. „Herbstsonate“ zeichnet eine komplexe Beziehung nach, die modernen Fragen nach fehlender Liebe für die eigenen Kinder und Zweifeln an der Rolle der Mutter nachgeht.

1982 wagte sich Bergman an sein zweites Serienprojekt, drehte es aber um: Erst erschien der über dreistündige Langfilm „Fanny & Alexander“, ein Jahr später die fünfeinviertel Stunden lange Serienfassung. Wie bei „Szenen einer Ehe“ ist es schade, dass nicht die Serienversion in die Box geschafft hat, die zurzeit kaum zu bekommen ist. Während das vergleichsweise ausgelassene und expressive Epochenstück „Fanny & Alexander“ Bergmans letzter Kinofilm werden sollte, wagte sich der legendäre Filmemacher nach einige durchschnittlichen TV-Produktionen an seinen letzten Film.

„Sarabande“ erschien 2003 ebenfalls als TV-Film, wird heute aber gerne in den Kanon von Bergmans Besten aufgenommen. Die Fernsehqualität ist „Sarabande“ leider hier und da anzumerken, das aufrüttelnde Drehbuch und die Inszenierung der Dialoge gelingen jedoch auch hier meisterhaft. Bergman hatte schon vor dem Dreh entschieden, dass es sein letztes Filmprojekt sein wird, das in der dazugehörigen (und der zusammen mit „Bergman Insel“ (Bonus „Licht im Winter“) besten) Doku der Box) hinter den Kulissen begleitet wird. Hier werden die Arbeitsweisen deutlich, über die Bergman zuvor eher redete. Für gute Stimmung sorgen, Anweisungen geben, vorspielen, all das machte seine für ihn anstrengende, weil perfektionistisch veranlagte Regie aus. Wichtig ist zudem, dass gezeigt wird, was alles zu einer Filmproduktion gehört: Licht, Sound, Sets, Kostüme, Maske…

Der Film selbst ist eine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“: 30 Jahre nach ihrer Scheidung besucht Marianne (Liv Ullman) den zurückgezogen lebenden Johan (Erland Josephson), warum, weiß sie selber nicht so genau. Es hat sich eine Menge getan in den drei Jahrzehnten, wirklich glücklich hat das aber beide nicht gemacht. Allerdings scheint Marianne besser mit ihrem Schicksal umgehen zu können als der wütende Johan. Der Film dreht sich eher um ihn und seine kleine Familie. Sein Sohn Henrik (Börje Ahlstedt) lebt mit seiner Tochter Karin (Julia Dufvenius) im Seehaus, beide sind durch den Tod der Ehefrau und Mutter auf tragische Weise eng miteinander verbunden. Mariannes Rolle bleibt ambivalent, doch sie scheint etwas loszutreten im eingefahrenen Leben der Drei.

„Sarabande“ ist ein weiteres, bitteres Kapitel über Familien, Liebe und die allgegenwärtige Schuldfrage, auf die auch hier keine erlösende Antwort gefunden wird. Die Vernachlässigung der Kinder wird schon in „Szenen einer Ehe“ kunstvoll durch das Wegschieben und dann nicht-mehr-Auftauchen angedeutet und hier wie in „Herbstsonate“ in ihren Auswirkungen gezeigt. Alles ist von Hass, Selbstzweifeln und der krampfhaften Suche nach Liebe und Zuneigung durchdrungen. Ein letztes Bergman’sches Psychogramm, das einen würdigen Abschluss unter sein beeindruckendes Werk setzt. 2007 starb Ingmar Bergman im Alter von 89 Jahren in seinem Haus auf Fårö, das er für die weite Stille schätzte.

Nur als Gesamtwerk kann Bergmans Schaffen gebührend eingeordnet werden. Es fallen Details wie sein Faible für das Ticken von Uhren und den Einsatz von Cognac genauso auf wie die Wahl von Fårö und Uppsala als seine favorisierten Spielorte. Wie Lars von Trier es in „…aber der Film ist meine Geliebte“ ausdrückte: Durch die unermüdliche Arbeit ist es so, als sähe man einem Bewusstseinsstrom zu. Was genau dieser über die Person Bergman aussagt, ist mal mehr, mal weniger offensichtlich. Frauen stehen meist im Zentrum seiner Filme, mindestens aber sind es immer starke Frauenfiguren, die der Regisseur zeichnet. Immer wieder kam er auf die gleichen SchauspielerInnen wie Liv Ullman, Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom und Erland Josephson zurück und schaffte sich zusammen mit seiner Crew ein Arbeitsumfeld, das für ihn funktionierte. Ob nun mit dieser Box, die sich eher an Beginner richtet, oder mit anderen Editionen: Wahrscheinlich gibt es noch weitaus mehr zu entdecken im Schaffen von Ingmar Bergman. So oder so: Los!

Fazit: Auf den ersten Blick gibt es wenig zu meckern an der Jubiläumsbox. 1100 Minuten Film und Bonusmaterial verteilt auf 10 Blu-rays sind bei einem Einstiegspreis von 74€ ein faires Angebot. Allerdings ist zu beachten, dass sich die Inhalte durch die Zusammenstellung verschiedenen Versionen teilweise überschneiden und letztendlich bis auf das Booklet nichts Neues erhältlich wird. Zudem lässt sich darüber streiten, ob nicht andere Filme, die zurzeit nur schwer zu bekommen sind, von Arthaus neu aufgelegt hätten werden sollen. „Fanny & Alexander“ sowie „Szenen einer Ehe“ hätten gerne in der TV-Langversion veröffentlicht werden können. Die Filme selbst sind über alle Zweifel erhaben und haben alle ihre Berechtigung, in das hart umkämpfte Rennen um Bergmans Top 10 zu gehen. Bergman-Filme machen selten Spaß, doch gerade ihre ehrliche Rohheit und ihre Kreativität faszinieren und machen ihn zu einem der größten Regisseure aller Zeiten, den es weiterhin zu studieren gilt.

P.S.: Für die vorliegende Besprechungen standen die sechs näher beschriebenen Filme zur Verfügung.

Cover und Szenenbilder © Arthaus

  • Titel: Ingmar Bergman – 100th Anniversary Edition
  • Produktionsjahr: 1957-2012
  • Genre:
    Drama
    Fantasy
    Epochenfilm
  • Erschienen: 12.07.2018
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    1100 Minuten auf 10 Blu-Rays
  • Darsteller:
    Diverse
  • Regie: Ingmar Bergman
  • Drehbuch: Ingmar Bergman
  • Extras:
    Das siebente Siegel (1957): Ingmar Bergman – Über Leben und Arbeit
    Wilde Erdbeeren (1957): Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Wilde Erdbeeren“, „Ein Traumspiel“ – Ingmar Bergmans Film „Wilde Erdbeeren“, Interview mit Bibi Andersson
    Die Jungfrauenquelle (1960): Fårö Dokument 1979
    Licht im Winter (1963): Bergman Insel
    Das Schweigen (1963): Liv & Ingmar
    Persona (1966): Liv & Ingmar
    Szenen einer Ehe (1973): –
    Herbstsonate (1978): …aber der Film ist meine Geliebte
    Fanny & Alexander (1982): –
    Sarabande (2003): Bergmans Regie, Werkfotos von Bengt Wanselius, Notizen, Biographie
    80-seitiges Booklet
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    Diverse
    Sprachen/Ton
    :
    D, SWE
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Über den Autor


Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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Ingmar Bergman – 100th Anniversary Edition…

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 12 min
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