Der gleiche Himmel (Spielfilm, 3-teilig)

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Nach wie vor sind große Teile der jüngeren deutschen Geschichte in der Schulbildung unterrepräsentiert. Die Deutsche Filmbranche hat nicht erst mit 2003 mit „Goodbye Lenin“ (Drama) oder 2015 mit „Deutschland 83“ (Thriller) entdeckt, dass sich rund um die DDR und das auf Gegenseitigkeit beruhende Misstrauen zwischen West und Ost sowohl spannende als auch unterhaltsame Geschichten mit Tiefgang erzählen lassen. So ein Werk kann und wird zwar keinen dokumentarischen Anspruch erheben, hilft aber vielleicht jenen, die zu jung sind, um persönlich erlebt zu haben, was damals passiert ist, einen Eindruck der beklemmenden Atmosphäre und der enormen Anstrengungen zu bekommen, die unternommen wurden, um das vermeintlich verwerfliche westlich-kapitalistische System zu entlarven und eine Scheinwelt aufrecht zu erhalten, in der alle gleich sind.

Der Film spielt im Jahr 1974, bis zum Fall der Mauer werden also, wie wir retrospektiv wissen noch einige Jahre ins Land gehen. Die Illusion des Arbeiter- und Bauernstaates besteht und die später offensichtlichen Auswirkungen der Planwirtschaft treten weniger offensichtlich zu Tage ,als das später der Fall sein wird, insbesondere da der Vergleich fehlt. Gleich mehrere Geschichten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs sollen dem Zuschauer einen Eindruck dessen vermitteln, was der Kalte Krieg für den Einzelnen bedeutet hat, wenn man nicht vollständig ins System passte, und dass individuelle Freiheit ein rares Gut war.

Ein Familiendrama
Lars Weber (Tom Schilling – ‚Who am I‘) ist ein junger adretter Agent des DDR-Geheimdienstes und wird dem Romeo-Programm zugeteilt. Die Mitglieder dieser „Sondereinheit“ sollen bestimmte Zielpersonen verführen, um für den Staat wichtige Informationen zu beschaffen. Einige der Szenen in der Ausbildung der Profi-Verführer wirken mehr als skurril, passen aber irgendwie ins Gesamtbild.

Als Zielpersonen sieht die Führungsriege die Geheimdienstmitarbeiterin Lauren Faber (verkörpert durch schwedische Schauspielerin Sofia Helin) und im weiteren Verlauf die NSA-Analystin Sabine Cutter (Friederike Brecht – Hannah Arendt) vor.

Lars erhält praktische Unterstützung durch seinen abgehalfterten Führungsoffizier Ralf Müller, der auch als Schleuser in den Westen fungiert und durch Ben Becker (‚Comedian Harmonists‘ und viele andere Filme) hervorragend Leben eingehaucht bekommt. Einige Szenen mit dem ewig übellaunigen Fast-Food Junkie sind derart unappetitlich, dass sie ans unfreiwillig Komische grenzen.

Inmitten der DDR beginnt Gregor, Lars‘ Vater, erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Systems zu hegen, an dessen Aufrechterhaltung er sein Leben lang mitgewirkt hat. Der von Jörg Schüttauf (bis 2010 ‚Tatort‘-Kommissar in Frankfurt) dargestellte Familienvater ist eine Art Nachbarschaftsaufseher und muss kleinste vermeintlich staatsfeindliche Delikte mit mitunter verheerenden Konsequenzen melden.

Ein anderer Weg aus der Mittelmäßigkeit des sozialistischen Systems war die Aufnahme in einen Kader als Leistungssportler. Die Vergünstigungen betrafen nicht nur die eigene Person, sondern die ganze Familie. Der Familienvater und Lehrer Conrad (Godehard Giese – ‚A cure for Wellness‘) kann nicht länger tatenlos zuschauen, wie seine Frau (Anja Kling – ‚Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft‘) die jüngste Tochter Klara (Stephanie Amarell) zum Schwimmtraining zwingt und gleichsam zum Rettungsanker der Familie erklärt. Dort werden die Kinder von einem Trainer, der ebenfalls Opfer und Täter in einer Person ist, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit auch mit Hormonen zu Höchstleistungen geführt.

Eine weitere tragische Figur des Films und damit den letzten mehr oder weniger parallel verlaufenden Handlungsstrang zeigend ist Axel (Hannes Wegener, ‚Grand Budapest Hotel‘), ein Lehrerkollege von Conrad, der seine Homosexualität nicht länger verstecken möchte und daher unter gefährlichen Umständen seine Flucht in den Westen plant.

Genügend Themen für eine Staffel
Die Vielzahl der Geschichten spiegelt gleichsam wieder, dass die englische Autorin Paula Milne und der Regisseur Oliver Hirschbiegel (bekannt für ‚Das Experiment‘ ‚Der Untergang‘ und jüngst für ‚Elser‘) viele große Themen ansprechen wollten. Damit enthält der Film eine Vielzahl unterschiedlicher Haupt- und Nebenfiguren. Dem Zuschauer wird Aufmerksamkeit abverlangt, aber somit bleibt es auch kurzweilig. Die Erzählung irrlichtert zwischen Spionage, Doping, Republik-Flucht, Homosexualität und Zivilcourage.

Schauspielerisch weiß der gesamte Cast zu überzeugen, auch wenn Ben Becker mein Favorit ist, obwohl inhaltlich Tom Schilling den größten Teil des Films solide schultert.

Ärgerliches zum Schluss
Der Film weiß trotz seiner nicht unerheblichen Länge zu fesseln, und die Zeit vergeht wie im Flug bei all den mehr oder weniger unerwarteten Wendungen und verschiedenen dargestellten Schicksalen. ABER: Das Ende ist dermaßen unbefriedigend und abrupt, dass ich zunächst im Menü der BluRay nach dem nächsten Teil gesucht habe. Hier wurde leider nicht mit einer eleganten Cliffhanger-Taktik gearbeitet, wie sie mittlerweile in Serien oder auf Fortsetzung ausgelegten Filmen typisch ist, sondern es wird quasi mitten im Plot abgebrochen.

  • Autorin: Paula Milne (Engländerin)
  • Regie: Oliver Hirschbiegel (Das Experiment, Der Untergang, Elser)
  • Darsteller: Tom Schilling, Sofia Helin, Friederike Brecht, Ben Becker
  • Genre: Drama/Thriller
  • Produktionsland und -jahr: D/UK (2017)
  • Verleih/Label: Polyband
  • Spieldauer: 3×90 Min.
  • FSK: 12
  • Extras:
    Making of, Interview, Feature zur Filmmusik (DVD & BD)
  • Mehr Infos: Produktlink DVD/Produktlink Blu-Ray

Wertung: 11/15 dpt

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Über den Autor

David J. Weigel

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Zur Zeit darf ich im schönen Hannover studieren… Das ist diese unscheinbare aber irgendwie sympathische Halbmillionen-Stadt an der A7 zwischen den großen Metropolen. Besonders im Spätsommer, da kann man Glühwürmchen im Stadtpark sehen…

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Der gleiche Himmel (Spielfilm, 3-teilig)

von David J. Weigel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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