Rolls Royce Baby (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Rolls Royce Baby (Cover © Ascot Elite)Lina Romay ist „Rolls Royce Baby“. Mehr braucht es nicht. Wir sehen Lina, die im Film ‚Lisa‘ heißt, bei der Intimrasur, wie sie sich räkelt und selbst befriedigt, wie sie mit ihrem Chauffeur schläft (dem unvergleichlichen Eric Falk), wie sie durch die Gegend fährt, Tramper aufliest, mit ihnen Sex hat; wie sie raucht und badet und von ihrer Vorstellung von Zärtlichkeit erzählt, wie sie eine junge Frau aufsammelt, die eine Zeitlang  bei Romay und Falk im prächtigen Anwesen wohnt, bis sie wieder weg ist und der Chauffeur mit Lina im Fond den Rolls Royce hinaus auf die Landstraße lenkt. Dann ist der Film vorbei.
Begleitet wird das alles von der wunderbaren Musik Walter Baumgartners, eine Mischung aus leichtem Jazz, Weltmusik und instrumentalem Kraut-Rock; klingt ein  bisschen als würden Popol Vuh sich in Easy Listening versuchen. Meditativ und stimmungsvoll.

RR-baby-FondWie der gesamte Film eine einzige Studie in Kontemplation ist. Obwohl freizügig mit großer Offenheit (allein Lina Romays Komplettrasur geschuldet: „Ich möchte mich fühlen wie ein kleines Mädchen, damit es für jeden Mann ist als wäre es das erste Mal.“ Ein Satz der heutzutage in einem Film undenkbar wäre), ist „Rolls Royce Baby“ kein Hardcore-Streifen. Von einer kurzen expliziten Fellatio-Sequenz im Hintergrund abgesehen. Es wird gestreichelt und gekuschelt, Eric Falk darf nackt Karate trainieren und Lina selten einmal Sommerhut und langes Negligé tragen. Das ist von einer freundlichen Offenheit, passiert wie das Leben eben passiert und wenn  man Lust auf erotische Begegnungen hat, fährt man durch die sommerliche Landschaft und nimmt sich einen Anhalter (mit). Die stehen sogar an Feldwegen und kleinen Tümpeln und fragen verdutzt: „Sie wollen mich doch nicht verführen?“ wenn sie von Lina mit weit offenem Gewand an die Hand genommen werden. „Natürlich nicht“, ist die richtige Antwort, wenn das Pärchen bereits am Ufer ins Gras sinkt. Der Chauffeur wartet derweil geduldig. Alle sind glücklich.

RR-StrasseLisa ist ein Star (so wird behauptet), der sich nimmt, was er will und es auch bekommt. Ohne Gewalt, sondern im Einverständnis. Eine kurze Episode aus der Zeit, bevor sie ein Star wurde, ist das dramatischste Moment des ganzen Films. Lina vergnügt sich als Tramperin mit zwei Lastwagenfahrern und wird irgendwo nackt in der Pampa ausgesetzt. Nichts Wildes, keine bitteren Folgeschäden. In absehbarer Zeit ist sie selbst im alten Rolls Royce unterwegs und verführt Mitfahrgelegenheiten. Oder einen Fotografen beim Shooting. So ist das eben und irgendwann endet „Rolls Royce Baby“ einfach. Mit Falk am Steuer und Romay im Fond verschwindet der Rolls Royce auf einer sonnenbeschienen Landstraße.

Erwin C. Dietrich inszeniert das in Ruhe und Gelassenheit, schnelle Schnitte gibt es kaum, wilde Kameraschwenks und-fahrten ebenfalls nicht. Manchmal hat man das Gefühl, Dietrich hat die Kamera hingestellt, eingeschaltet und ist mit der Crew einen trinken gegangen. Mit der experimentellen Verwegenheit seines Spezis – und Gatten Lina Romays –  Jess Franco ist das kaum zu vergleichen. Erwin C. Dietrich ist die geduldige Vaterfigur (was Eric Falk im Interview der Bonus-Sektion mit großer Zuneigung betont), Franco eher der wilde Onkel aus dem Untergrund.

RR-Anwesen„Rolls Royce Baby“ ist eine Studie in Stil. Hier ist alles Form und spiegelnde Oberfläche. Tiffany-Lampen, Jugendstil, Art-Deco in Innenräumen, ein postmoderner Hippietraum. Außenansichten einer herrschaftlichen Villa, in der Lina und Eric leben, der Rolls Royce in seinen Einzelteilen, funkelnde Scheinwerfer, blinkendes Chrom, Reifen, Türen, ein einziges sanftes Gleiten auf freien Straßen. Der einzige Verkehr findet im Innern des Wagens oder auf einer Wiese statt. Nächte gibt es nicht, nur den Tag, der immer weitere erotische Vergnügungen verspricht. Das Leben, ein Traum.

Erwin und eric

Erwin C. Dietrich und Eric Falk

In der vorliegenden Form sorgfältig aufgearbeitet, man sieht dem Film seine knapp 40 Jahre kaum an. Von Frisuren, Kleidung und Plateauschuhen abgesehen. Wobei die – wie Lina Romays haarlose Intimrasur – glatt schon wieder auf der Höhe der Zeit sind. Zeitlos in einem Werk, das ganz nebenbei von den unbedarften Träumen erzählt, die in den Siebzigern noch als vage Möglichkeit am Horizont standen. Hier durfte selbst ein Exploitation-Film mit gängiger Dramaturgie brechen, zwar Sex zelebrieren, ohne (pseudo)-moralischen Kommentar, aber auch ohne Action, überraschende Wendungen oder eine Geschichte. Die Lina wird‘s schon richten, und sie tut es auch.
Ein sichtlich gealterter, grundsympathischer Eric Falk gibt den Filmansager wie es „Rolls Royce Baby“ verdient:

„Sie dürfen den Film nicht verpassen […], die Lady ist wirklich ’ne Riesensause, ’ne Riesenbrause für jedes Gefühl, für jeden Verstand, für jedes Sinnesaquarium, das Sie da mitbringen!“

Die Extras auf der BluRay sind allesamt sehenswert, der Interviewpart mit Falk und Dietrich könnte ruhig länger dauern, das im Jahr 2001 aufgenommene Gespräch mit Lina Romay zeigt eine sehr liebenswerte Person, die leider im Februar 2012, nicht einmal 60 Jahre alt, ein Jahr vor ihrem wesentlich älteren Lebensgefährten Jess Franco verstarb. Nicht nur als „Rolls Royce Baby“ bleibt sie unvergessen.

Lina Romay

Cover & Szenenfotos © Ascot Elite Home Entertainment

  • Titel: Rolls Royce Baby
  • Produktionsland und -jahr: Schweiz 1975
  • Genre:
    Erotik, Exploitation, Softcore
  • Erschienen: 10.06.2014
  • Label: Ascot Elite Home Entertainment
  • Spielzeit:
    85 Minuten auf DVD
    88
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Lina Romay
    Eric Falk
  • Regie: Erwin C. Dietrich (als Michael Thomas)
  • Drehbuch: Erwin C. Dietrich
  • Kamera: Andreas Demmer
  • Musik: Walter Baumgartner
  • Extras:
    Original Kinotrailer,
    Featurette: Miss Lina und ihr Chauffeur

    Fotogalerie
    Mädchen, Machos und Moneten
    „Interview mit Erwin C. Dietrich“ im ROM-Teil
    Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.35:1/16:9
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Dolby Digital 5.1
    Englisch, Dolby Digital 5.1
    Deutsch, Dolby Digital 2.0
    Französisch, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.78:1/16:9 – 1080/24p HD
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, DTS-HD Master Audio 5.1
    Englisch, DTS-HD Master Audio 5.1
    Deutsch, Dolby Digital 2.0
    Französisch, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:

  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink

Wertung: 11/15 dpt

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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