Space Is The Place (Special Edition) (Spielfilm, Blu-ray + DVD)

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Wieder veröffentlichen die Liebhaber bei Rapid Eye Movies ein besonderes Projekt: Durch die finanzielle Unterstützung seitens der Film- und Medienstiftung NRW konnte aus dem einzig bekannten Analog-Negativ von „Space Is The Place“ eine ansehnliche Remastered-Version gezogen werden, die selbst im Blu-ray-Release aufgrund der eben nicht mehr zu kittenden Spuren der Zeit den Homevideo-Charme des Originals bewahrt. Über die künstlerische Qualität des Science Fiction-/Blaxploitation-Films mit und über den Jazz-Musiker und Philosophen Sun Ra ist sich selbst Regisseur John Coney bis heute nicht ganz sicher, doch der Low Budget-Streifen zeugt auf der Meta-Ebene eindrucksvoll von der verzweifelten Suche eines Denkers nach der passenden Vermittlungsform seiner Inhalte. Der Film kommt in der bekannt liebevollen Verpackung inklusive Bonus Material und Postkarten auf den Markt kommt und enthält sowohl die DVD- als auch die Blu-ray-version, einzig die Soundtrack-CD fehlt zur Perfektion.

Sun Ra gehört, so weit dürften die meisten folgen, zu den mystischsten Charakteren der Jazz-Geschichte. Nach seinem Einstieg in die Szene über die massentauglichen Big Band-Wurzeln in den 1940er- und 1950er-Jahren emanzipierte sich Herman „Sonny“ Poole Blount und entwickelte eine höchst eigene Handschrift. „Cosmic Jazz“ nannte er seinen Stil, den er gleich mit prägenden Alben definierte, in dem er aber auch eine allumfassende Leitlinie für sein Leben fand. An den ausladenden Outfits, extravaganten Kompositionen und schließlich seinen philosophischen Ansichten spalteten sich die Reaktionen. Manche halten ihn für ein Genie und Vorreiter verschiedenen Jazz-Genres, andere sehen in ihm einen Blender, der eine kultartige Anhängerschaft um sich scharte, die bis heute ihren Kern in seiner Band, dem „Sun Ra Arkestra“ findet, das seine musikalische Nachricht bis heute – über 25 Jahre nach seinem Tod – in wechselnder Besetzung in die Welt trägt.

In den 1970er-Jahren suchte Sun Ra angesichts der schwarzen Bürgerrechtsbewegung verstärkt seine spirituell-philosophische Lehre zu vermitteln, gab Kurse an University of California in Berkley, über die Produzent Jim Newman als neugieriger Zuschauer auf Sun Ra stieß. Schnell war Newman fasziniert von der außergewöhnlichen Persönlichkeit und wollte sie in den Mittelpunkt einer Dokumentation der „Dilexi“-Serie stellen, die er zusammen mit Regisseur John Coney entwickelte, um Avantgarde-Musik eine filmische Plattform zu bieten. Als sich die Doku-Herangehensweise als wenig tauglich herausstellte, entwickelte Joshua Smith ein Drehbuch für einen Spielfilm, der schon 1972 in den Dreh ging. Statt eine nüchterne Doku sollte „Space Is The Place“ als Science Fiction-Film der spirituellen Aura von Sun Ra auf die Schliche kommen und gleichsam über die Verquickung mit dem seinerzeit populären Blaxploitation-Genre ein größeres Publikum erreichen.

1974 erscheint der Film dann endlich und wirkt auf viele gewöhnungsbedürftig. Sun Ra kehrt in einem grauselig animierten Raumschiff zur Erde zurück, um das schwarze Volk von den Vorzügen seiner Ansichten zu überzeugen, mit ihm zu einem neuen Planten aufzubrechen und die von weißen Machtstrukturen verkorkste Erde zurückzulassen. Er kann mysteriöserweise sowohl mit der Kraft der Musik genügend Energie für sein Raumschiff erzeugen, als auch durch die Zeit reisen. 1943 fordert er den „Overseer“ (Raymond Johnson) zu einem alles entscheidenden, kosmischen Kartenspiel um die schwarze Rasse und die Deutungsmacht heraus. Gewinnt der Overseer, bleiben sie auf der Erde und werden selbst zu Trägern der weißen Machtstruktur, indem sie materiellen Reichtum über ihre Rassenzugehörigkeit und die Menschlichkeit stellen.

Deswegen ist der Blaxploitation-Anteil des Films in der Drogen- und Zuhälterszene verortet, in der schnelles Geld durch zweifelhafte Praktiken verdient werden kann. Der Genre-Mix holpert dabei genauso wie der Schnitt, der als Beispiel für den Begriff „Low Budget“ ins Lehrbuch aufgenommen werden könnte. Die teils abgehackten, manchmal unzusammenhängenden Schnittfolgen, die in der ersten Schnittfassung zu einer Gesamtspiellänge von 64 Minuten gehörten, machen aber selbstredend auch den Reiz aus, den „Space Is The Place“ später zum Kult werden ließ. Aber selbst darin und im gewollten Augenzwinkern des Films wirkt es manchmal äußerst befremdlich, wenn die als übermenschlich und gütig inszenierte Figur Sun Ra gefesselt im Sessel sitzt oder in einem Cabrio interviewt wird.

Der Rassenkampf ist für Sun Ra evident, die Schwarzen können sich demnach nur befreien, wenn sie den weißen Strukturen und Verlockungen entsagen und sich den kosmischen Kräften hingeben. An den Weißen in Form zweier NASA-Angestellter, die sich als skrupellose Ganoven entpuppen, wird kein gutes Haar gelassen, weil sei das alles nicht begreifen und einzig auf Sun Ras Geheimnis scharf sind: Wie kann der, verdammt noch mal, mit seiner schrägen Musik Energie erzeugen? Problematisch, aber der Zeit geschuldet, ist daran ironischerweise das Schwarz-Weiß-Denken: Weißer Geist = böse, schwarzer Geist = gut. Deswegen dürfen nur die rein schwarzen Seelen auf den neuen Planeten gerettet werden, der von weißen Machtideen korrumpierte Teil bleibt auf der hoffnungslos verlorenen, weil aus der Harmonie der Natur gefallenen Erde.

Die Musik ist in „Space Is The Place“ natürlich selbstgegenwärtig und so werden viele Zuschauenden zum ersten Mal in Kontakt mit dem schrillen, nervösen, chaotischen, spirituellen Stil von Sun Ra und seinem Arkestra gekommen sein. Lange Zeit gab es die Alben und Konzertmitschnitte des Kollektivs nur in äußerst begrenzter Stückzahl zu erwerben, sodass jede Show wahrscheinlich ein ähnlich überschaubares Publikum erreichte. Dafür, dass der Film ambitioniert aussieht, ist der Handlung gut zu folgen, vielleicht ist sie sogar etwas zu unterkomplex für den ersten Eindruck. Sun Ra hätte diese Interpretation wahrlich nicht gefallen, bedeutete für ihn das Kosmische seinen Lebensinhalt. Doch vielleicht zeigt der Film unintendiert auch, dass der Denker zum Nichtverstandenwerden verdammt war.

Mit seinen aufwändigen, zwischen zukünftigem Kosmos und vergangenen Ägyptischen-Wurzeln designten Kostümen, seiner aufwändigen Philosophie und seiner freien Musik wirkte er immer wie ein Sonderling, der einfach nicht passen wollte, so sehr er sich auch anstrengte und sich der Kommunikation öffnete (auch der Ausverkauf, die Anbiederung an das Publikum wird in „Space Is The Place“ thematisiert. Das ist paradox, war er doch fest davon überzeugt, seinen Platz und die Antworten gefunden zu haben. Im Film sorgt das für schiefe (heute könnte man auch sagen: trashige) Bilder, die das Image des Exzentrikers nur weiter verstärkten, obwohl er alles dafür tat, sich verständlich zu machen. Dabei ist seine Message eine höchst menschliche, die er aber nicht in andere Sprachen übersetzt bekam. Eine Ausdrucksform war ihm dennoch vergönnt und in ihr, das weiß dieser Meta-Film ebenfalls zu zeigen, ist eigentlich schon alles eingeschrieben: In seiner Musik.

Der Zahn der Zeit hat seit dem Dreh seine Spuren am Originalmaterial hinterlassen, doch die Idee, auf eben dieser raren Grundlage eine neue Version zu erstellen, um den bekannten VHS-Versionen etwas Besonderes an die Seite zu stellen, hielt sich lange Zeit. 2003 erschien zunächst erstmals die 82-Minuten-Version von „Space Is The Place“, erst 2017 konnte dann unter Mithilfe der Film- und Medienstiftung NRW und einer Summe von 10.000 Euro das Original-Negativ restauriert werden. Das Endprodukt kam 2017 in die Kinos und erscheint nun in der vorliegenden, liebevoll gestalteten Edition von Rapid Eye Movies. Sie umfasst den ersten Blu-ray-Release des Films, der auf den ersten Blick etwas fragwürdig erscheint, denn das Ursprungsmaterial gibt teilweise nur wenig her, was dem heutigen 4k-Standard entspricht. Dennoch ist es eine Sensation, dass das Material trotz großflächiger Kratzer und Fehler auf Bild- und Tonspur so beeindruckend aufgearbeitet wurde, was in Beispielen im Bonus Material nachvollzogen werden kann.

An Chronisten wendet sich die zusätzliche DVD-Version, die über denselben Inhalt verfügt wie die Bllu-ray. Dazu gehört das Bonus Material, das die Premiere der Remastered-Version 2017 in Berlin begleitet, einen Kurzauftritt des Arkestras und eine Q&A-Runde mit dem Regisseur und Zeitzeugen aus der Band umfasst. Hinzu kommt schließlich ein weiteres Interview mit dem Filmemacher, das etwas zu deutlich mit Musik aus dem Film unterlegt ist. Fünf Postkarten sind wieder dabei, der kürzlich erschienen Soundtrack auf CD hingegen nicht, was vermutlich an den Vermarktungsrechten liegt. Das hätte das Paket abgerundet, aber das soll die Veröffentlichung nicht abwerten, die für alle Fans ein Maximum aus dem Material herausholt. Und vielleicht doch die eine oder den anderen noch zum Studium von Sun Ras Musik und Ansichten ermuntern könnte. 

Fazit: Ein schriller Home-Video-Streifen für eine schrille Persönlichkeit. „Space Is The Place“ erscheint zum ersten Mal auf Grundlage des Original-Negativs auf DVD und Blu-ray und behält so den Charme des Low Budget-Blaxploitation-Genres. Allerdings ruckelt es technisch und thematisch bei dem Verschnitt mit Science Fiction und den extravaganten Seiten des Hauptdarstellers Sun Ra, dem Cosmic Jazz-Musiker und Philosophen. Aber so wird „Space Is The Place“ zum Ausdruck der verzweifelten Suche nach dem passenden Medium für die eigene menschliche Message, zu einem Meta-Film über Kommunikation, der wahrscheinlich scheitern musste. Das wirkt befremdlich, macht aber zumindest aus den genannten Gründen auch Spaß, was mit dem dazugehörigen Soundtrack als Zusatz die ansonsten makellose Aufmachung eines sonst wahrscheinlich sonst verlorenen Kult-Films perfekt abgerundet hätte. Sammler greifen definitiv zu!

Szenebilder und Cover © Rapid Eye Movies

  • Titel: Space Is The Place
  • Produktionsland und -jahr: USA, 1974
  • Genre:
    Science Fiction
    Musikfilm
  • Erschienen: 14.06.2019
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    ca. 81 Minuten auf 1 DVD
    ca. 81 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    u.a.
    Sun Ra
    Raymond Johnson
    Barbara Deloney
  • Regie: John Coney
  • Drehbuch: Joshua Smith, Sun Ra
  • Kamera: Seth Hill
  • Schnitt: Barbara Progress
  • Musik: Sun Ra
  • Extras:
    – Trailer
    – Space Is The Place – premiere of the restored version. – Berlin Babylon Kino
    – Q & A with Arkestra moderated by King Khan and Jim Newman
    – Interview with Jim Newman
    – Restoration example
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,375:1
    Sprachen/Ton
    :
    GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video: 1,375:1
    Sprachen/Ton
    :
    GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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