Solsidan – von wegen Sonnenseite – Staffel 1 (Serie, 2 DVD)

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„Solsidan – von wegen Sonnenseite“ ist eine schwedische Horrorserie. Wenn man das gehobene Leben in einer aufgeräumten Vorstadt als das wahre Grauen auffasst. Der Zahnarzt Alex ist mit seiner schwangeren Freundin (in späteren Staffeln Ehefrau) Anna zurück in sein Mutterhaus (das ist so gemeint) nach Saltsjöbaden gezogen, einem Vorort östlich von Stockholm, dessen Einfamilienhausseligkeit sichtlich gehobenen Standards entspricht. In der Nachbarschaft wohnt sein Freund seit Kindertagen Fredde Schiller mit seiner extravaganten Frau Mickan, mit denen Anna und Alex regen Kontakt pflegen. Was leider auch auf den lästigen Ove und seine Gemahlin Anette zutrifft, die von den meisten Beteiligten als die zudringlichsten, langweiligsten und geizigsten Bewohner auf der vermeintlichen Sonnenseite betrachtet werden. Annas flippiger Bruder Palle hat allerdings gegen Ende der ersten Staffel seinen Spaß mit Anette.

Helikoptereltern, schmarotzende Nachbarn, die Vaterschaftsfrage, verbissen betriebene Gourmetwettkämpfe mögen einen zwar schaudern lassen, doch natürlich ist „Solsidan“ eine, stellenweise bitterböse, höchst gelungene komödiantische Serie. Hauptfigur ist der schlaksige Alex, der gelegentlich den Kommentar aus dem Off übernimmt. Er möchte es allen recht machen und scheitert logischerweise dabei heftig, vor allem, wenn er zwischen seiner distanzlosen Mutter und der Lebensgefährtin Anna vermitteln muss. „Solsidan“ arbeitet gerne mit doppelten Böden, und so wird es besonders komisch, wenn Alex endlich einmal Position bezieht und sich dies postwendend gegen ihn richtet.

Erholung vom täglichen Stress findet er in gemeinsamen Momenten mit Freund Fredde, einem reichen Unternehmer (über Geld redet man nicht, Geld hat man). Der in einem aseptischen schöner-wohnen-Palast mit Gattin Mickan und zwei Kindern lebt. Wäre der IKEA-Katalog ein Hochglanz-Magazin und bräuchte ein dominierendes Top-Model, Mickan wäre die erste Wahl. Fredde hingegen investiert gerne in monströse Grills. Am „Smeg 6130t“ findet er selbst tief in der Nacht seinen inneren Frieden. Was Fredde schnurstracks zum Psychiater führt. Mit dem er sich dann über Grill-Modelle austauscht.

Um dieses Quartett kreist die Serie und baut ein Fettnäpfchen nach dem anderen auf, in das die Beteiligten mit hoher Trefferquote hineintappen. Die Stolperfallen lauern überall, seien es Erziehungsfragen, die von der richtigen Ernährung (qualitative Drei-Sterne-Küche ist das mindeste für die lieben Kleinen) bis zur Ausrichtung des Geburtstags (zaubernder Clown oder doch lieber Disneyland nachbauen) reichen, die Tücken der Innenarchitektur und des Gartenbaus, schräge Verwandte und Freunde, die korrekte Ausrichtung von Festivitäten, die Frage wer wem was schuldet und vor allem der ständige Wettstreit wer das schönste Küchlein im Sandkasten formen kann. Wird besonders gern unter Freunden mit einem verbissenen Lächeln auf den Lippen und schrankenloser Tatkraft im restlichen Körper ausgefochten.

Das bewegt sich alles knapp neben der Realität, wird aber nie zur hysterischen Karikatur, die Gags um ihrer selbst willen erzeugt. Viele Spitzen sitzen und treffen auch den Wiedererkennungswert beim Zuschauer. Der Fremdschämfaktor ist hoch, wird aber nicht zur peinlichen Zurschaustellung. Dafür sind alle Protagonist*innen zu sympathisch gezeichnet, werden Konflikte zu lakonisch und schlau aus dem Weg geräumt. Es passiert sogar, dass Fehler eingestanden und verziehen werden. Das gibt der Serie eine Wärme und Alltagstauglichkeit, die vielen amerikanischen und deutschen Sitcoms abgeht. Die auf den ersten Blick unscheinbare, bei näherer Betrachtung ausgefeilte und pointierte Visualisierung trägt ihren Teil dazu bei. So bleibt es nicht beim reinen Wortwitz, etliche Gags sind graphischer Natur, manchmal beiläufig, dann wieder von langer Hand vorbereitet. Wobei Slapstick nur eine kleine Rolle spielt.

Heimlicher Star von „Solsidan“ ist der unvergleichliche Ove, lustvoll dargestellt von Henrik Dorsin. Einer jener Typen, die fast jeder kennt: Ein selbsternannter, fast bester Freund („Die drei Musketiere endlich wieder zusammen“), der durch seine anbiedernde Penetranz jeden in seiner Nähe nervt, den man aber nie loswird. Der Dagobert Duck in puncto Geiz unterrichten könnte und Freddy Krueger in Sachen traumatischer Heimsuchung. Wenn Ove, mit anbiederndem Grinsen in der Tür steht und fragt: „Kann ich mal deine Kreissäge ausliehen? Du brauchst sie doch im Moment nicht…“ ist der Horror schlussendlich doch in „Solsidan“ eingezogen.

„Solsidan“ zeigt auf höchst vergnügliche Art, dass in Skandinavien auch anderes entstehen kann als düstere, blaustichige Krimiserien. Die erste Staffel wurde 2010 in Schweden ausgestrahlt und ist erstaunlich gut „gealtert“, sprich viele Themen sind immer noch aktuell und werden es wohl vorerst bleiben. Eine Veröffentlichung der folgenden vier Staffeln hierzulande wird hoffentlich zügig stattfinden.

Cover & Szenenfotos © edel:Motion/Glücksstern

  • Titel: Solsidan – von wegen Sonnenseite
  • Originaltitel: Solsidan
  • Staffel: 1
  • Episoden: 10
  • Produktionsland und -jahr: Schweden, 2009
  • Genre:
    Sitcom, Komödie, Dramedy
  • Erschienen: 24.08.2018
  • Label: edel Motion
  • Spielzeit:
    ca. 230 Minuten auf 2 DVDs
  • Darsteller:
    Felix Herngren
    Mia Skäringer
    Johan Rheborg
    Josephine Bornebusch
    Henrik Dorsin
    Rebecka Teper
    Malin Cederblad
  • Regie:
    Felix Herngren
    Måns Herngren
    Jacob Seth Fransson
    Ulf Kvensler u.a.
  • Drehbuch:
    Ulf Kvensler
    Jacob Seth Fransson
    Pontus Edgren
    Felix Herngren u.a.
  • Kamera:
    Viktor Davidson
  • Extras: 

    Featurettes, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 – 1.77:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Schwedlisch (Dolby Digital 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch

  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 12/15 geliehenen Baumspaltern


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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