Paradox – Kill Zone Bangkok (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

0

Ein junges Mädchen wird fern der Heimat entführt, ihr kampferprobter Vater eilt herbei, um sein Kind zu retten, und hinterlässt dabei eine Spur aus Tod und Verwüstung. Kommt bekannt vor? Mag sein, doch wir befinden uns nicht mit Liam Neeson in Paris, sondern mit Louis Koo, als Cop aus Hongkong, im thailändischen Pattaya. Die Ausgangssituation von „Sha po lang: taam long“ („Paradox – Kill Zone Bangkok“) mag der von „Taken“ („96 Hours“ auf, ähem, Deutsch) ähnlich sein, doch beschreiten Regisseur Wilson Yip und seine Mitkombattanten einen ganz anderen, wesentlich finstereren Weg. Pointierte Einzeiler und schnell aneinandergereihte, saftige Kills wird man vergeblich suchen.

Die Action ist sparsam über den Film verteilt, wenn aber Kämpfe stattfinden, dauern sie eine Weile und sind so elegant wie brachial, brutal und schmerzhaft. Unsereins würde spätestens nach dem zweiten Schlag mit gebrochenen Knochen regungslos am Boden liegen bleiben, doch der geübte kantonesische oder thailändische Martial Arts-Kämpfer geht auch mit zerfetzter Wade noch locker spazieren. Wobei Hauptdarsteller Louis Koo Schauspieler und kein ausgebildeter Kampfkünstler. Er wird von Produzent und Kampfchoreograph Sammo Hung aber ansprechend in Szene gesetzt. Tony Jaa (nur in einer Nebenrolle), Yue Wu (als zweitem Hauptdarsteller) und Bösewicht Chris Collins (mit dem niedlichen Rollennamen „Sacha“), kann er dennoch nicht das Wasser reichen.

„Paradox – Kill Zone Bangkok“ ist der abschließende Teil der thematisch nur lose zusammenhängenden „Sha po lang“-Trilogie, die mit dem 2005er Action-Highlight „Killzone S.P.L.“ startete, um mit dem schwächeren „Lethal Warrior“ zehn Jahre später in die zweite Runde zu gehen. Hier spielt Organhandel, in einem anders gearteten Setting, bereits eine Rolle, der auch für „Paradox – Kill Zone Bangkok“ prägend ist. Louis Koo und Tony Jaa waren bereits bei „Lethal Warrior“ anwesend, Yue Wu ist neu an Bord. Simon Yam und Jing Wu, die die beiden vorherigen Teile verbanden, fehlen leider.

An der (beinahe) menschenleeren Strandpromenade von Pattaya wird die sechzehnjährige Lee Wing Chi betäubt und entführt. Eine Freundin, bei der sie unterkommen wollte, informiert ihren Vater, den Polizisten Lee Chung Chi in Hongkong, dass seine Tochter nie bei ihr aufgetaucht ist. Lee Chung startet seine Suche in einem Polizeirevier, wo er die Beamten Chui Kit und Tak kennenlernt. Zunächst nebeneinander her wühlt sich das Trio in einen Sumpf aus organisierter Kriminalität und Korruption, der bis in hohe Polizeikreise und die kommunale Politik reicht.

In einem parallelen Handlungsstrang erleidet der beliebte und erfolgreiche Bürgermeister Aziz einen Herzanfall, der nur einen Schluss zulässt: Er benötigt dringend ein Spenderherz. Sein aalglatter Wahlkampfmanager Cheng Hon Shou nimmt sich der Sache persönlich an, und es braucht keinen Spoiler, um zu erahnen, wer als Spender(in) auserkoren ist.

Derweil gelingt es Lee Chung zum meistgesuchten Mann Pattayas s zu werden, während Chui Kit mit einem menschlichen Dilemma konfrontiert wird, das seine Beteiligung an der gesamten Suchaktion unterminiert. Nur völlig unbedarfte Zuschauer dürften aber rätseln, ob der so aufrechte wie aufgebrachte Lee Chung alleine zum letzten Gefecht antritt. Beziehungsweise zum vorletzten, denn der letzte Kampf ist in seiner schmerzerfüllten Reduktion ein konsequenter Bruch mit den Mechanismen des westlichen Selbstjustiz-Blockbuster-Kinos. Ein Befreiungsschlag aus der Güllegrube der niederen Instinkte ist „Paradox – Kill Zone Bangkok“ wahrlich nicht geworden, eher ein schmerzhafter Tritt in die Magenkuhle.

Der Erwartungshaltung grobgestrickter Actionliebhaber entzieht sich „Paradox – Kill Zone Bangkok“ von Beginn an. Der Film lässt sich Zeit, zeigt Schlaglichter aus dem Zusammenleben eines alleinerziehenden Vaters mit seiner Tochter. Der Tod der Mutter wird fragmentarisch an entscheidender Stelle nachgereicht. Es dauert gut zwanzig Minuten bis zur ersten Schlägerei, die eher beiläufig abgehandelt wird und noch einmal die gleiche Zeit bis ein überbordender Kampf an mehreren Fronten startet.

Bis dahin übt sich der Film gekonnt in Ambivalenz. Denn Lee Chung ist beileibe kein Vorzeigevater. Lässt er doch den knapp volljährigen Freund der minderjährigen Tochter – und Erzeuger ihres ungeborenen Kindes – unter dem fadenscheinigen Vorwand verhaften, ein Pädophiler zu sein. Zutiefst enttäuscht flieht Lee Wing aus Hongkong. Und landet betäubt in einem Kofferraum. Kein Wunder, dass Daddy nicht nur aus Liebe, sondern aus berechtigtem Schuldbewusstsein die Such nach seiner Tochter ohne Rücksicht auf eigene Verluste angeht.Wilson Yip hat noch weitere Fallstricke eingebaut, die einer glattpolierten Selbstjustiz-Sause jede Grundlage entziehen. So ist der schwerkranke Bürgermeister Aziz tatsächlich ein lauterer Mensch, der nichts von den üblen Machenschaften seines Stabschefs ahnt (der wiederum selbst am Ende eine tragische Note bekommt. Kurz, ganz kurz zumindest). Während der hin und her lavierende Polizeichef – und Schwiegervater Chui Kits – nicht bloß aus politischem Kalkül handelt, sondern aufgrund fremdbestimmten Druckes. Ein Handlungsstrang, der völlig unbefriedigend aufgelöst wird. Oder einfach stehen bleibt. Womit wir bei den Schwächen wären.

„Paradox – Kill Zone Bangkok“ möchte zwar ein Diskurs darüber sein wie Menschen in Extremsituationen (re)agieren, zeigen, ob sie ihren moralischen Kompass behalten oder manipulierbar sind. Doch wird dieser komplexe Kontext nur oberflächlich und gelegentlich arg sentimental abgehandelt. Die Protagonisten bleiben letztlich zu blass, um als markante Persönlichkeiten aus der erlesenen Hochglanzästhetik, die die Düsternis hinter den Bildern allerdings nicht eliminiert, hervortreten zu können. Und im Zweifelsfall ist eine derbe Keilerei der Weg zur Lösung eines Konflikts. Das wird sehr anschaulich betrieben. Weder Freund noch Feind sind vor Schmerz, Verwundung oder Tod gefeit. Und mit dem konsequenten Finale wird sich einem Wohlfühl-Happy End mit Aussicht auf ein Sequel verweigert. Recht so!

Die positiven Aspekte überwiegen die Einwände aber. Wilson Yip und sein Kameramann Kenny Tse schaffen höchst atmosphärische Sequenzen vom Leben in einer (asiatischen) Stadt, in der ihre Bewohner sich trotz hoher Bevölkerungsdichte fremd bleiben, Machtmissbrauch auf unterschiedlichen Ebenen herrscht und in der Menschen verloren gehen oder sich durch gewalttätige Akte selbst zerstören beziehungsweise zerstört werden.
Filmisch gelungen sind ebenfalls die eingeflochtenen tragischen Sequenzen. Wie jener Moment, als nach einem Unfall Lee Chung seiner vermissten Tochter auf Armeslänge nahe ist, es nicht weiß und niemals erfahren wird. „Paradox – Kill Zone Bangkok“ ist kein furioses Action-Spektakel, sondern ein wehmütiger, bitterer Neo-Noir, der mit einigen exzellent inszenierten Kampfeinlagen aufwartet.

Ein Wort noch zum deutschen Titel, der völlig in die Irre führt. Paradox ist hier nichts, höchstens die Titelwahl. Denn wie erwähnt, spielt der Film zumeist in Pattaya, das rund 150 Kilometer von Bangkok entfernt liegt.

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Paradox – Kill Zone Bangkok
  • Originaltitel: Sha po lang: taam long
  • Produktionsland und -jahr: Honkong 2017
  • Genre: Drama, Action, Noir
  • Erschienen: 06.12.2018
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 96 Minuten auf DVD 
    ca. 101
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: 
    Louis Koo
    Yue Wu
    Ka Tung Lam
    Chris Collins
    Tony Jaa
    Jacky Cai
    Ken Lo(w)
    Hanna Chan
    Vithaya Pansringarm
  • Regie:
    Wilson Yip
  • Drehbuch:
    Aaron Stewart-Ahn
  • Kamera:
    Kenny Tse
    Musik:
    Ken Chan
    Kwong Wing Chan
  • Extras:
    Making Of, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.35:1
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch,Kantonesisch, Dolby Digital 5.1
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.35:1
    Sprachen/Ton
    : Deutsch, Kantonesisch, DTS HD-Master Audio 5.1
    Untertitel: 
    Deutsch
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-RayErwerbsmöglichkeiten
    Wertung: 10/15 saure Rache-Drops

Über den Autor

Jochen König

Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

∇ mehr über Jochen König/Kontakt

Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Dann abonniere unseren Newsletter!

Paradox – Kill Zone Bangkok (Spielfilm, DV…

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
0