Get Out (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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„Get Out, Motherfucker!“ Das sagen halt die Schwarzen, wenn sie sich Horrorfilme anschauen und der Typ auf der Leinwand die Gefahr nicht sieht. Irgendwie hat es die Community ja auch in ihr komödiantisches Repertoire übernommen, sich den Scherz zu eigen gemacht und ihn auf diese Weise entschärft. Trotzdem bleibt ein flaues Gefühl in der Magengegend, gerade wenn sich Weiße dieser Klischees bedienen. Sie können es durchaus anerkennend meinen, als Form des Respekts für die vermeintlich andere Kultur, aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Regie-Debütant Jordan Peele setzt sich kämpferisch mit dem Alltagsrassismus in den USA auseinander und hat damit einen Horror-Überraschungshit gelandet – als Comedian!

Zusammen mit Keegan-Michael Key macht sich Peele in den Staaten seit 2012 einen Namen als mutiger Comedy-Star. In ihrer logischerweise „Key & Peele“ benannten Sketch-Show nehmen sie sich als Afroamerikaner selbstironisch aufs Korn, sparen aber auch nicht mit Kritik an den Mächtigen in ihrem Land. Gerade Peele spricht immer wieder von der „Post-Racial-Lie“, denn auch mit dem ersten schwarzen Präsidenten habe sich in den USA wenig für die Minderheiten verändert. Selbst wenn man ordentlich behandelt würde, schwinge in einigen Aussagen mindestens positiver Rassismus mit, der die immer noch großen Gräben zwischen den Rassen zum Ausdruck bringe.

Dass es 2017 so schlimm um sein Heimatland stehen würde, hatte Peele aber sicher auch nicht erwartet, als im vergangenen Jahr „Get Out“ drehte. Rechtes Gedankengut hat Einzug in das Weiße Haus gehalten und Rassismus wird immer häufiger offen ausgelebt. In diesem Sinne hat sich die Botschaft des Films von einer Warnung in euphorischen Zeiten zu einer prophetischen Botschaft gewandelt. Aus „wir sind noch nicht so weit, wie wir glauben“ ist „es hat unter der Oberfläche gelauert“ geworden. Dabei war es schon zuvor schwierig, für Afroamerikaner vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, weil trotz aller Beschwichtigungen immer ein gewisses Maß an Paranoia bleibt.

Genau an dieser Stelle setzt „Get Out“ an. Chris (Daniel Kaluuya) ist mit Rose zusammen, er ist schwarz, sie ist weiß. Das scheint für beide kein Thema zu sein, bis Rose vorschlägt, dass er sie zu einer Familienfeier bei ihren Eltern besuchen soll. Es ist Chris, der zweifelt, ob ihre Eltern die Verbindung tolerieren, schließlich kämen sie vom Land. Seine Freundin beschwichtigt ihn, woraufhin er sich albern vorkommt und sich fragt, ob es nicht die Schwarzen sind, die durch solche Gedanken ein Zusammenkommen der Rassen verhindern.

Als sie bei Familie Armitage aufschlagen, ist die Stimmung gut, doch immer wieder werden Aussagen getätigt, die unterschwellig oder positiv rassistisch sind. Merkwürdig kommt ihm zudem das Verhalten der schwarzen Angestellten vor, sie wirken steif und in sich gekehrt. Missy Armitage (Katherine Keener), Roses Mutter, erwischt ihn bei einer nächtlichen Zigarette und bietet ihm an, eine Hypnosetechnik anzuwenden, um ihm das Rauchen abzugewöhnen. Dabei wird Chris in seine Jugend zurückgeworfen, in der er unter tragischen Umständen seine Mutter verlor. Als dann die Feier beginnt, fühlt sich der junge Schwarze unter den vielen weißen Wohlhabenden zunehmend unwohl. Keiner lässt sich zu einer rassistischen Aussage hinreißen, dennoch schwingt auch in der Bewunderung der schwarzen Rasse („so muskulös“, „Schwarz ist das neue Weiß“) verletzende Abgrenzungen mit. Auch wenn es den Weißen im Folgenden genau um diese Stärke geht, entpuppt sich Chris‘ Paranoia als richtiger Verdacht, was die Perfidität des Plans der Armitages auf die Spitze treibt.

Das Gefühl der unterschwelligen Bedrohung passt perfekt in das Horrorgenre, weswegen der Comedy-Spezialist Peele ebendieses für „Get Out“ wählte. Hier und da streut der Regisseur komödiantische Momente ein, widmet sich ansonsten aber gefühlvoll und im Stile eines Genrekenners um die gruseligen und erschreckenden Geschehnisse. Zwar treibt Peele Einiges auf die Spitze, spielt mit Erwartungen und Formen und schreckt dabei auch nicht vor Science Fiction-Elementen zurück, trotzdem bleibt der Ausgangspunkt (wie in jedem guten Horrorfilm) eine reale Angst. „Get Out“ ist ein mutiger Film, der sich einem immer noch sensiblen Thema annimmt, aber eben auch ein außergewöhnlicher, dem ein neuer Weg und ein eigener Stil gelingt.

Peele wird nicht den Anspruch erheben, dass sein Film eine Lösung anbietet, vielmehr sollen Menschen über ihn ins Gespräch kommen. Was dem Regisseur zweifellos gelingt, ist die Übersetzung des Paranoia-Gefühls eines Schwarzen in einen symbolhaltigen Film, der Empathie wecken soll. Ebenso ist die Kritik am liberalen Amerika angebracht, am positiven Rassismus, der oftmals unbewusst geäußert wird, was ihn umso gefährlicher macht. Heute müssen sich die AmerikanerInnen sicher auf einer anderen Ebene neu hinterfragen, diesem Rückschritt fällt auch der Film ironischerweise zum Opfer. Er wollte warnen und muss weiterhin ernst genommen werden, wenn es demnächst um die Neuausrichtung der liberalen Kräfte des Landes geht.

Dennoch fehlt „Get Out“ trotz seines satirischen Stils ein wenig das versöhnliche Moment in der Beziehung zwischen den Bevölkerungsgruppen zum Beispiel in Form eines andersdenkenden Weißen. Die eigene Unsicherheit mit der Frage wird auch daran deutlich, dass das Ende noch einmal umgeschrieben und von einem erwartbaren Schluss abgesehen wurde. Der Film ist provokant gemeint und funktioniert auf dieser Ebene, doch gerade heute brauchen wir Verständigung und nicht noch mehr Öl, das wir ins Feuer gießen. Wie soll sich etwas ändern, wenn nicht der Besuch bei den Eltern der Freundin nicht auch mal unerwartet gut ausginge? Sicher ist das keine einfache Aufgabe, schon gar nicht in der derzeit aufgeheizten Stimmung, aber vielleicht kann Jordan Peele das in seinem hoffentlich bald folgenden zweiten Spielfilm einarbeiten. Mit seinem Debüt hat er jedenfalls ein überraschendes und fettes Ausrufezeichen gesetzt, das Lust auf mehr macht – auch wenn es weh tut.

Fazit: Wer hätte gedacht, dass Comedian Jordan Peele mit seinem Regiedebüt, dem Horrorfilm „Get Out“, einen solchen Überraschungshit landen könnte? Peele kennt sich im Horror-Metier bestens aus und kreiert einen außergewöhnlichen, mutigen und stark komponierten Film über die Paranoia eines schwarzen Mannes. Eine Kritik an denen, die den Graben zwischen den Rassen bereits als so gut wie geschlossen angesehen hatten. Seit der Film entstanden ist, haben die AmerikanerInnen leider einen Rückschritt gemacht, wodurch der Zynismus von „Get Out“ noch deutlicher wird. Trotzdem schwingt sich Jordan Peele zu einer wichtigen Stimme im politischen Diskurs Amerikas auf, die in der Ära Trump dringend gebraucht werden.

Cover und Bilder © Universal Pictures Germany

  • Titel: Get Out
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2016
  • Genre:
    Horror
    Comedy
    Satire
  • Erschienen: 07.09.2017
  • Label: Panorama Entertainment
  • Spielzeit:
    100 Minuten auf 1 DVD
    104 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:

    Katherine Keener 
    Daniel Kaluuya 
    Allison Williams 
    Bradley Whitford 
    Betty Gabriel 
    Marcus Henderson
  • Regie: Jordan Peele
  • Drehbuch: Jordan Peele
  • Kamera: Toby Oliver
  • Musik: Michael Abels
  • Extras:
    Alternatives Ende mit Kommentar des Autors/Regisseurs Jordan Peele (3:38); Unveröffentlichte Szenen mit Kommentar des Autors/Regisseurs Jordan Peele (23:47); Ein Blick hinter den Horror von GET OUT (8:48); Frage-und-Antwort-Runde mit Autor/Regisseur Jordan Peele und der Besetzung (5:26); Filmkommentar des Autors/Regisseurs Jordan Peele
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,40:1 (Anamorphic Widescreen)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, FR
    Untertitel:
    D, GB, FR, TR, PT, DA, NL, FI, IS, NO, SV, AR, HI
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,40:1 (Anamorphic Widescreen)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, FR, IT, S
    Untertitel:
    D, GB, FR, IT, S, TR, PT, DA, NL, FI, IS, NO, SV, AR, HI
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 13/15 dpt

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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