Stefan von der Lahr – Hochamt in Neapel (Buch)

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Stefan von der Lahr ist von Haus aus promovierter Althistoriker – und wenn nicht ebenso wichtig: Lektor bei C.H.Beck. Dass „Hochamt in Neapel“ nun bei seinem Hausverlag erscheint, ist aufgrund seiner – soviel sei vorweggenommen: hohen – Qualität nicht erstaunlich – und trägt auch nicht, wie hinterrücks hier und da formuliert wird, ein Geschmäckle nach oder mit sich. Vielleicht ist es sogar transparenter oder ehrlicher als sich hinter einem „echten“ Autoren zu verstecken, dem man essentielle Teile seines Manuskripts umschreiben muss.

Der Rezensent, der seinerseits Theologe ist, erahnt, dass Althistoriker einen riesigen Fundus an starken Geschichten, deren mehr oder weniger schalen Abklatsche heute als scripted reality oder Politik medial aufbereitet werden,  mit sich herumtragen. Vielleicht ist es genau dieser Fundus, mit dem es Stefan von der Lahr gelingt, aus seinem eigentlich kruden Mischmasch aus Verschwörungstheorie, Weltpolitik, Mafia, italienischer Politik, Medizin- und Kirchenskandal eine konzise Thrillerhandlung zu konstruieren, die sich organisch und ohne Zuhilfenahme eines Deus ex machina vor dem Leser ausbreitet.

Natürlich wendet von der Lahr den einen oder anderen erzählerischen Trick an, manche sind auch durchschaubar, aber das macht er so sympathisch, dass man es ihm gerne verzeiht. Doch worum geht es eigentlich?

Der Roman beginnt in Rom mit einem Mord durch Überfahren und einer anschließenden Verfolgungsjagd, bei der der Fahrer des Mordfahrzeuges stirbt. Commissario Bariello übernimmt die Ermittlung und stößt auf wirklich dunkelste Machenschaften. Gleichzeitig führt den neuen neapolitanischen Weihbischof Montebello ein eigentlich geheim gehaltener Briefwechsel auf die Spur einer archäologischen Sensation. Es geht um nichts weniger als die Überreste Alexanders des Großen.

Das Problem ist, dass der Roman sehr von der nonchalanten Präzision und Authentizität des Autors und seinem Wissen lebt. In der Nacherzählung des Rezensenten muss selbige eher schal klingen, da die einzelnen Erzählstränge, die, soviel sei verraten, sich natürlich kreuzen und vereinigen, schon recht unglaubwürdig klingen.

Doch Stefan von der Lahr macht aus seinen Ideen das einzig Richtige: Er findet eine nahezu perfekte Balance aus erzählerischer Kunst, fundiertem Wissen und ein wenig hollywoodesker Übertreibung, bei der er offenbar ganz  genau weiß, ab welchem Punkt dieses hochbrisante Gemisch ins Lächerliche oder Unglaubwürdige kippen könnte.

Das Ganze garniert er zudem mit einer schon fast tragischen Familiengeschichte, einer Geschichte von Identität, Anerkennung und Identifikation. Dazu braucht der Autor nur wenige skizzenhafte, dafür sehr eindrucksvolle Szenen, die hier einen ganzen Kosmos lebendig werden lassen.

Bei allen Verweisen auf sein althistorisches, theologisches und kirchengeschichtliches Wissen bleibt „Hochamt in Neapel“ ein spannender Thriller. Die Handlung steht im Zentrum und wird nicht  durch übereifriges Zusammentragen von Wissen überfrachtet oder unnötig aufgeplustert. So ist der Thriller dann auch sauber bis zum Ende hin durcherzählt, was man leider nicht von vielen Krimis behaupten kann.

Ob aus diesem Roman eine Reihe entsteht? Das Potenzial ist sowohl von den Schauplätzen, den Sujets und den in diesem Roman eingeführten Personenkonstellationen da, zumal sich Commissario Bariello und Montebello bereits in einem früheren Roman von der Lahrs begegnet sind – in dem beim Verlag Antike erschienen Thriller „Das Grab der Jungfrau“. Die unaufgeregt-elegante Art, wie der Autor das Wiedersehen und die erneute Kooperation der beiden einführt, zeigt, dass er auch dem seriellen Erzählen nicht ganz so ferne steht. Der Rezensent würde sich sehr auf eine Fortsetzung freuen.

 

  • Autor: Stefan von der Lahr
  • Titel: Hochamt in Neapel
  • Verlag: C.H.Beck
  • Erschienen: 08/2018
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 365
  • ISBN: 978-3-406-73133-4
  • Sonstige Informationen: „Hochamt in Neapel“ bei C.H.Beck
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 Dioptrien


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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