Doctor Who – Staffel 11 (4 DVDs/3 Blu-rays)

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Der Master, das dunkle Alter Ego von Doctor Who, hat es vorgemacht und reinkarnierte zu Beginn der achten Staffel (des Relaunches) in der Folge „Tief Durchatmen“ als Mistress, genannt Missy. Michelle Gomez verlieh der Figur eine spöttische, ambivalente Attitüde, die den Master näher an Doctor Who heranführte, als jede Verkörperung zuvor.

Drei Staffeln später war es dann auch für den Doctor so weit, das Geschlecht zu wechseln. Der grummelige Peter Capaldi (orientierte sich wieder mehr an den frühen Erscheinungsformen Doctor Whos als dies bei Christopher Eccleston, David Tennant und Matt Smith der Fall war) verabschiedete sich und wurde ziemlich verändert, wie üblich nach einer erfolgreichen Reinkarnation, leicht verwirrt und orientierungslos in Gestalt einer Frau wiedergeboren. Jodie Whittaker verlieh der Doktorin eine neue, ganz eigene und auf Anhieb passende Gestalt.

Eine erste Berührung Whittakers mit dem Doctor Who-Universum gab es bereits in „Broadchurch“. Dort traf sie als verzweifelte Mutter Beth Latimer bereits auf ihren Doctor Who-Vorgänger David Tennant, Arthur „Rory“ Darvill und Drehbuchautor/Produzent Chris Chibnall. Der als neuer „Doctor Who“-Showrunner maßgeblich daran beteiligt war, dass Whittaker die Rolle erhielt.

Whittaker gibt dem Doctor nach dem eher grummeligen, sarkastischen Peter Capaldi (der dennoch oder gerade deswegen überzeugte) ein offeneres, freundliches Gesicht. Sie vermittelt wieder mehr Staunen über die Mirakel der Welt, ihre Freundlichkeit und das entschiedene Ablehnen von (tödlicher) Gewalt ist ausgeprägter als bei der leicht rachsüchtigen Inkarnation Capaldis. Dabei ist Jodie Whittaker nicht so hyperaktiv wie (der vorzügliche) David Tennant und der noch zappeligere Matt Smith. Ihr Elan entsteht aus der Lust am Leben, an jedem Leben.
Auch bezüglich ihrer Begleitung gibt es einschneidende Änderungen: Gleich drei Companions gesellen sich zu Doctor Who. Der junge Ryan Sinclair (Tosin Cole), sein Stief-Großvater Graham (der vorzügliche und bestens gelaunte Bradley Walsh) sowie die Polizistin Yasmin Khan (Mandip Gill). Das Ryan und Yasmin People Of Colour sind, spielt eine wesentliche Rolle bei den Episoden, die Rosa Parks und die Abspaltung Pakistans von Indien zum Inhalt haben. Der Gender-Swap wird wichtig in der Episode „Die Hexenjäger“. „Das wäre mir als Mann nicht passiert“, kommentiert Whittaker trocken, nachdem sie als mögliche Hexe gefangen genommen wurde. Dass dieses kleine Unbill eine Doctor Who nicht aufhalten kann, sich einer Dämonenschar und verqueren Denkungsmustern entgegenzustellen, ist aber von Whittakers erstem Auftritt an klar.

Überhaupt sind die einzelnen Episoden wieder ausgesprochen wohlgeraten. Wie jene, die sich mit der jüngeren Historite auseinandersetzen. Hier wird eine feine Balance zwischen Entertainment, Wissensvermittlung und spannender Dramaturgie gefunden. Insbesondere jene Folge, die sich mit Yasmins Khan Familiengeschichte beschäftigt, ist höchst eindringlich, zutiefst traurig und tagesaktuell. Zeigt doch die Episode um die Trennung zwischen dem hinduistischen Indien und dem muslimisch geprägten Pakistan wie religiöser Fanatismus selbst Familien spaltet und final zerstört. Ein hierzulande – im Gegensatz zur britischen Heimat Doctor Whos – wenig beachteter politischer Akt, der so viel von jenem ideologischen Wahnsinn erzählt, der nichts als Zerstörung gebiert. Hier ist auch ein Timelord auf verlorenem Posten. Doctor Who kann tödliches Unheil nicht verhindern, um den Lauf der Geschichte nicht zu verändern. Wobei wir nicht zu intensiv auf Zeitparadoxa schauen sollten. Doctor Who zieht sich achtbar aus der Affäre, kann den ganzen Stolperfallen, die Zeitreisen mit sich bringen, aber nicht komplett aus dem Weg gehen.

Auch die Geschichten ohne konkreten politischen Hintergrund wissen zu überzeugen. Witz, Spannung und etwas Surrealismus sind wohl austariert, das Oberthema der Serie, die Infragestellung von Herrschaftssystemen, wird ein ums andere Mal unterhaltsam umgesetzt. Die „Amazon kriegt sie alle“-Paraphrase/Satire „Frei Haus“ hätte allerdings einen Deut schärfer und bissiger ausfallen können und „Spinnefeind“ hat zwar ein paar ulkige und gruselige Momente, hängt aber dramaturgisch ziemlich durch. 

Auf alte Bekannte in den Gegnerreihen wird diesmal verzichtet, keine Daleks, keine Cybermen kreuzen den Weg der Patchworkfamilie aus der Tardis. Stattdessen macht ein außerirdischer Assassine der Doktorin und ihren Weggefährten mehrfach das Leben schwer. Tzim-Sha oder Tim Shaw, wie ihn Doctor Who spöttisch tauft, ist ein Stenza, eine fiese Mischung aus Predator und Terminator, und hat die unangenehme Eigenschaft, sich mit den Zähnen seiner getöteten Opfer zu schmücken. Obwohl man ihm das Schlimmste gönnt, geht Doctor Who ihren Weg aus List, Tücke und dem Angebot von Strafe und Sühne konsequent zu Ende. Mörderische Selbstjustiz bleibt außen vor. Einmal mehr ist die elfte Staffel „Doctor Who“ von tiefgreifendem Humanismus geprägt, den Jodie Whittaker eloquent zu interpretieren versteht. Tut gut in diesen von erbärmlichen Populisten, Rechtsruck und kreuzdämlichen Verschwörungstheorien gezeichneten Zeiten. Wäre schön, wenn England wieder mehr Doctor Who als Boris Johnson wäre.

Technisch ist die Serie weitegehend exzellent umgesetzt, die Farben sind gestochen scharf, der Klang ist sauber und die Bildgestaltung ist von gehobenem Fernsehformat. Fast kinoreif, ein Quäntchen fehlt noch zur großen Leinwand, auch wenn Regisseur Jamie Childs das bereits überwunden sieht. Der Soundtrack ist von eleganter, elektronischer Unauffälligkeit, gefällt aber mit jedem Hördurchgang besser.

Die Bonussektion der Blu-ray-Ausgabe ist sehr umfangreich und informativ. Zu jeder Episode gibt es kleine Features, es existieren Audiokommentare, Video-Diaries und eine Menge Hintergrundmaterial. Vorbildliche Ausstattung.

Obwohl Jodie Whittaker Peter Capaldis Frack gut steht, stellt sie sich ein eigenes, ebenso passendes und individuelles Outfit zusammen. Kann man neuerdings als Barbie kaufen. Es gibt weit schlechtere Rollenmodelle.
Bleibt zu konstatieren: Der Relaunch mit dem weiblichen Doktor ist rundum gelungen. Jodie Whittaker und ihre drei Compagnons spielen herzerfrischend auf und geben ein klasse Team ab. Der neue Showrunner Chris Chibnall hat mit einem klug zusammengestellten Team an frischen Kräften die Stories der einzelnen Folgen entschlackt und eine fast durchweg gelungene, fokussierte Mischung aus Humor, Spannung, Geschichtsvermittlung und philosophischer Bespaßung hinbekommen.

Jodie Whittaker hat jüngst verkündet, dass sie für die nächste Staffel zur Verfügung steht. Recht so!

„Bit of adrenaline, dash of outrage and a hint of panic knitted my brain back together. I know exactly who I am. I’m the Doctor. Sorting out fair play throughout the universe.“

Die Sonnenbrille hat ausgedient, der sonic screwdriver ist wieder an Bord der Tardis. In Eigenanfertigung durch die Doktorin.

„Sonic screwdriver. Well, I say ’screwdriver,‘ but it’s more multipurpose than that. Scanner, diagnostics, tin opener. More of a sonic Swiss Army knife, but without the knife. Only idiots carry knives.“

Cover & Pics ©polyband/BBC

  • Titel: Doctor Who
  • Originaltitel: Doctor Who
  • Produktionsland und -jahr: GB, 2017/18
  • Genre:
    Science-Fiction, Drama, Komödie
  • Erschienen: 26.04.2019
  • Label: polyband
  • Spielzeit:
    510 Minuten auf 4 DVDs + Bonus
    510 Minuten auf 3 Blu-Rays Minuten Bonus
  • Darsteller:
    Jodie Whittaker
    Bradley Walsh
    Mandip Gill
    Tosin Cole
    Chris Noth
    und viele, viele mehr
  • Regie:
    Jamie Childs
    Mark Tonderai
    Sallie Aprahamian
    Jennifer Perrott
  • Drehbuch:
    Chris Chibbnall
    Pete McTighe
    Vinay Patel
    Joy Wilkinson
    Ed Hime
  • Musik:
    Segun Akinola
  • Extras:
    Audiokommentare zu Episode 1 (mit Jamie Childs und Jodie Whittaker)
    Audiokommentar zu Epsiode 3 mit Malorie Blackman, Mandip Gill und Alex Mercer.
    Audiokommentar zu Episode 5 mit Mandip Gill, Ben Bailey-Smith, Suzanne Packer und Nikki Wilson.
    Audiokommentar zu Episode 6 mit Alex Mercer, Mandip Gill, Shane Zaza und Vinay Patel.
    Doctor Who Closer Looks (10 Episoden) (50:20 Minuten)
    Video Diaries „Bradley on a Train“ (0:58 Minuten)
    Video Diaries „Mandip`s South Africa Diary“ (0:48 Minuten)
    Becoming the Doctor (9:16 Min.)
    Friends of the Doctor (1:01 Minuten)
    Regenerating Doctor Who (7:32 Minuten)
    Directing Doctor Who (8:08 Minuten)
    Everything you need to know about the new Tardis (3:09 Minuten)
    Making the Theme Tune (5:16 Minuten)
    Best of Social (5:41 Minuten)
  • Technische Details (DVD)
  • Video: 16×9 anamorph (1,78:1)
    Sprachen/Ton: D, GB (DD 5.1)
    Untertitel:
    D, GB
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16×9 anamorph (1,78:1) Full HD
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB (DTS-HD MA 5.1)
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite DVD
    Produktseite Blu-ray
    Erwerbsmöglichkeiten jenseits amazon, Thalia & Co.

    Wertung: 13/15 Doctor Whos


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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