Der schwarze Engel (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Ein ikonographisches Foto, das um die Welt ging: Ein gutaussehender, junger Mann, knapp dem Teenageralter entronnen, mit lockigem Haar und sanften, fast weiblichen Gesichtszügen wird in Handschellen von zwei Polizisten abgeführt und weiteren umringt. Der Argentinier Carlos Eduardo Robledo Puch war 1972 gerade 20 Jahre alt, als er verhaftet wurde. 11 Morde, 17 Raubüberfälle, Vergewaltigung, Kidnapping – die Liste seiner Verbrechen ist länger als die der meisten Intensivtäter nach kriminellen Jahrzehnten.

Heute, 47 Jahre später sitzt Puch immer noch im Gefängnis, Begnadigungen wurden abgelehnt, ein schriftliches Ersuchen, hingerichtet zu werden, ebenfalls. Damit ist der Serientäter Argentiniens am längsten einsitzender Strafgefangener.

Aufgrund seines Aussehens bekam Carlos Puch schnell die Bezeichnungen „Engel des Todes“ oder auch „Der Schwarze Engel“ verpasst. Menschen und Medien sind nicht sehr erfindungsreich, was derartige Kategorisierungen angeht. Aber es ist leicht, diesem Faszinosum eines Jungen zu verfallen, der aussieht wie die Unschuld vom Lande, so ätherisch und liebenswert in seinem gestreiften Sweatshirt. Man könnte meinen, die Polizei hätte einen randalierenden Pantomimen verhaftet und keinen skrupellosen Serienkiller.

Pulch wünschte sich eine Verfilmung seines aufreibenden Verbrecherlebens, ein Biopic hat er mit „Der Schwarze Engel“ aber nicht bekommen. Im Original heißt Luis Ortegas Film auch nur „El Angel“, kein Adjektiv sorgt für eine mythische Überhöhung. Der „Engel“ ist bereits großkalibrig genug angelegt.

Mit dem Debütanten Lorenzo Ferro hat Ortega einen wahren Besetzungscoup gelandet. Er sieht dem realen Carlos Puch zum Verwechseln ähnlich und bleibt doch auf Distanz, seine naive und offensive Unbekümmertheit verleihen der Figur etwas von einem finsteren Clown, der über Leichen geht, um seinen Spaß zu haben. Gleichzeitig verwundert darüber ist, wenn die von ihm Ermordeten nicht wieder aufstehen und die Show in seiner imaginierten Manege fortsetzen. „Geht es Ihnen gut?“ fragt Carlito sein erstes Opfer, nachdem er den Mann in dessen Haus angeschossen hat. Er wird im Off sterben, also erübrigt sich eine Antwort.

Der Film beginnt mit dem siebzehnjährigen Carlos, der in ein leerstehendes Haus einsteigt, darin herumstromert, die Stereoanlage (gehobene Qualität) einschaltet und für sich alleine tanzt. So wird der „Der Schwarze Engel“ auch enden. Allerdings mit schlechterem Sound. Carlos stiehlt Wertsachen, Autos, Motorräder. Sachen, die er verschenkt oder achtlos beiseitelegt. Besitz interessiert ihn nicht. Er betrachtet die Welt als Spielplatz, der ihm gehört.

Seine Mutter kümmert sich liebevoll rührend um den Jungen, sein Vater reglementierend. Doch Worte und Liebesbekundungen perlen an Carlos ab wie Regentropfen und verdunsten. Carlos lächelt, ist scheinbar gefällig und tut doch, was er will. Er provoziert seinen Schulkameraden Ramón, lässt sich verprügeln, um ihm nahe zu sein. Eine Verführung der ganz eigenen Art, von Beginn an mit einem homoerotischen Unterton versehen. Doch so nahe sich Carlos und Ramón auch kommen, eine gleichberechtigte Beziehung wird nie daraus. Unter Anleitung der Eltern Ramóns begehen die beiden Einbrüche, bei denen sich Carlos durch außergewöhnliche Risikobereitschaft hervortut. Ein kriminelles Genie, konstatiert Ramóns heroinsüchtiger Vater José, den man allerdings kontrollieren müsse, damit nicht die Hölle losbricht. Wie recht er damit hat, zeigt sich sobald es den ersten Toten gibt. Bei dem es nicht bleibt.

Carlos und Ramón tändeln herum, machen Ausflüge mit ihren Freundinnen (Zwillingsschwestern) und begehen weitere Einbrüche und Überfälle. Ramón versucht zwischendurch beim Fernsehen zu landen, was in der Familie nicht gut ankommt. Wenig später werden die beiden wegen fehlender Papiere verhaftet am Steuer eines gestohlenen Autos verhaftet. Alleine das Vergessen der Ausweise war in Argentinien Anfang der Siebziger Grund genug, sogar Jugendlichen Elektroschocks anzudrohen. Wie kaum anders zu erwarten kann Carlos sich absetzen, während Ramón in Gewahrsam bleibt.

Doch wer kann Carlos lange böse sein? Bald sind er und Ramón wiedervereint. Gemeinsam mit dem abgerissenen Miguel Prieto werden weitere Raubzüge unternommen. Erst ein Todes-, dann ein Totentanz. Am Ende wird Carlos verhaftet. Ganz unspektakulär. Erzählt seine Geschichte für eine Zigarette. Ist alles nur ein großer Spaß, der weitergeht. Zumindest noch ein bisschen.

Luis Ortegas Film sitzt zwischen vielen Stühlen und fühlt sich ausgesprochen wohl dabei. Für einen spannenden Thriller ist er zu elegisch, für einen Actionfilm passiert zu wenig, für einen brutalen Slasher sind die Bluttaten zu distanziert und kühl inszeniert, für einen Arthouse-Film scheint „Der schwarze Engel“ zu wenig in die Tiefe zu gehen, vermittelt keine Charakterentwicklung sondern erlesen gefilmten Stillstand.
Kann man so sehen, wenn man sich blenden lässt vom trefflich gestalteten 70er-Jahre-Ambiente, dem stilsicheren Soundtrack – der eben nicht nur aus Originalsongs jener Zeit besteht -, und den geschmeidigen Schauspielerleistungen.

Der von Pedro Almodóvar mitproduzierte „schwarze Engel“ ist keine filmische Biographie eines Serienkillers, kein Versuch gesellschaftliche Realitäten der Siebziger abzubilden. Dass diese den Film dennoch streifen und beeinflussen, macht einen Teil seiner Qualität aus. Luis Ortega zeichnet das Porträt eines Kindes, das keine Grenzen kennt, dessen Hedonismus von einer neugierigen Verspieltheit beseelt ist, die auch vor Mord keinen halt macht. Ist doch nur Cowboy und Indianer, oder besser Räuber und Gendarm. Wer verletzt ist, zählt bis fünfzehn, wer tot ist bis dreißig, dann wird wieder aufgestanden und weitergespielt. Doch so funktioniert es nur für Carlos. Daran lässt der Film keine Zweifel. Die Tötungen sind zwar nicht übermäßig brutal und blutrünstig in Szene gesetzt, wirken aber in ihrem Überraschungsmoment und der absoluten Kaltschnäuzigkeit, mit der Carlos sie begeht, ungemein erschreckend.

Dabei ist Carlos kein kriminelles Superhirn, kein sadistischer Soziopath im Größenwahn. Der sanft aussehende junge Mann unterläuft die Klischees des herkömmlichen – und mittlerweile strunzlangweiligen – Serienkillers nach dem Vorbild Hannibal Lecters. Das schleichende Grauen wird dadurch erzeugt, dass „Der schwarze Engel“ sich so beiläufig locker treiben lässt, in manchen Momenten fast das argentinische Äquivalent zu einer von Eric Rohmers melancholischen Sommerkomödien sein könnte. Wenn die Ausflüge mit den Freundinnen aufs Land nicht mit Mord und Totschlag erkauft würden. Diese Dissonanz ist der wahre Horror.

Ebenso wird verweigert, Carlos eine traumatische Kindheitsgeschichte und Jugend unterzuschieben. Er kommt aus einem stabilen Mittelklasse-Elternhaus, seine besorgte Mutter umhegt ihn liebevoll, sein Vater spielt den strengen Patriarchen, der seinem Sohn Moral und Anstand vermitteln möchte, damit aber kläglich scheitert. Sie ahnen, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt, hinter seiner freundlichen, unbekümmerten Fassade. Doch was genau, vermuten sie nicht im Entferntesten. Oder möchten es nicht.

Genau davon handelt der Film: Kein Aufschrei über etwas, dass man nicht geahnt hat, sondern eine intensive Beschäftigung mit Fassaden. Die 70er werden abgebildet, nicht rekonstruiert. Das ist mitunter wie eine bewegte Fototapete, Carlos fein geschnittenes Gesicht verrät nicht, was dahinter vorgeht, es ist gezeichnet von Neugier und freundlicher Überheblichkeit, egal ob Carlos seine Umgebung oder Sexualität erkundet oder mit zwei Pistolen gleichzeitig auf schlafende Menschen schießt. Da sind nur Leere und eine Sehnsucht, die die Welt aufsaugen will, koste es was es wolle. Konsequenzen interessieren weder Carlos noch seinen Regisseur. Der Film endet tänzelnd wie er begann, was Carlos dabei empfindet, im Gefängnis zu verrotten, mittlerweile ein halbes Jahrhundert lang, bleibt außen vor. Man spürt kein Mitleid, aber auch keinen Hass mit diesem Bengel, der das Pippi-Langstrumpf-Prinzip von „Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt“ in ein amoralisches Killerspiel verwandelt.

„Der schwarze Engel“ ist eine hervorragend fotografierte, fast schon statische Gangsterballade, aber mehr noch ein Film über Oberflächen. Die Hauptfigur genießt das Leben, indem er diese Oberflächen zerstört. Da steckt kein Protest hinter, keine verquere Sinnfindung. Es ist alles egal, getan wird, was Spaß macht. Hier gibt es nur die tiefere Erkenntnis zu gewinnen, dass es keine tieferen Erkenntnisse gibt. Leere hinter den schön angestrichenen Schauflächen. Das macht den Film so schmerzhaft traurig. Und schwer zu schlucken. Weil letztlich nichts passiert. Außer Raub, Mord und Verlöschen.

Lost in a Roman wilderness of pain
And all the children are insane
All the children are insane
Waiting for the summer rain

THE DOORS, „The End“

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Der schwarze Engel
  • Originaltitel: El Angel
  • Produktionsland und -jahr: Spanien, Argentinien
  • Genre: Serienkiller-Film, Psychothriller, Drama, Arthouse
  • Erschienen: 27.06.2019
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 113 Minuten auf DVD 
    ca. 118
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: 
    Lorenzo Ferro
    Chino Darín
    Cecilia Roth
    Luis Gnecco
    Mercedes Morán
    Daniel Fanego
    Peter Lanzani
  • Regie:
    Luis Ortega
  • Drehbuch:
    Luis Ortega

    Rodolfo Palacios
    Sergio Olguín
  • Kamera:
    Julián Apezteguia
  • Musik:
    Guille Gatti
  • Extras:
    Making Of, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1.85:1  (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Spanisch, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : Deutsch, Spanisch, DTS HD-Master Audio 2.0
    Untertitel: 
    Deutsch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-RayErwerbsmöglichkeiten
    Wertung: 11/15 Killpoints

Über den Autor

Jochen König

Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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