Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen (Spielfilm, DVD)

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Der Polyp - Die BEstie mit den Todesarmen - Cover © Koch MediaSchon Ed Wood wusste, dass man für wirksamen Tentakelgrusel im Grunde nur ein paar Gummischläuche und einige überzeugt zappelnde Darsteller*innen benötigt. »Gesagt, getan.« dachte sich auch Ovidio Assonitis, als er 1977 auf die Tierhorror-Welle – zwei Jahre zuvor ausgelöst von Spielbergs „Der weiße Hai“ – aufsprang und „Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen“ drehte.
Dass es sich bei der gefürchteten Kreatur nicht um einen Knorpelfisch handelt, verrät schon der Titel. Die „Tentacoli“ (so der griffige Originaltitel) gehören zu einem Monstrum, das alles ablutscht und aussaugt, was ihm an den schönen Stränden Kaliforniens vor die flinken Ärmchen kommt (wie es diese höchst imposante Technik der Nahrungsaufnahme bewerkstelligt, verrät der Film bis zum Schluss nicht, aber schließlich sind wir auch nicht bei „Wissen macht Ah“).

Wie der chronisch klamme Ed Wood setzte auch Assonitis auf namhafte Darsteller*innen, um seinem Werk die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Vermutlich rätselten Henry Fonda und John Huston bis ans Ende ihrer Tage, wie sie es von oscargekrönten Filmen in dieses Machwerk geschafft hatten (immerhin befanden sie sich in der Gesellschaft des großen Béla Lugosi, den Ed Wood seinerzeit für “Plan 9 from outer Space” verpflichtete).
Die schauspielerische Leistung der beiden Herren ist tadellos: Huston ist in der Rolle eines Lokaljournalisten zu sehen, der eher in der Manier klassischer Detektive die Puzzleteile zusammenfügt und sowohl mit der Polizei als auch mit dem führenden Meeresbiologen Gleason (Bo Hopkins, in der soliden aber nicht übermäßig bemerkenswerten Entsprechung von Roy Scheider) arbeitet. Fonda spielt den Leiter eben jener Bohrfirma, die das Tentakelmonstrum vermutlich aufgestört hat (Voilà, da haben wir auch das Umweltthema verarbeitet), routiniert und mit wenig Tiefgang, aber differenziert und ohne das übliche Schwarz-Weiß-Klischee des geldgierigen Unternehmers.
Überhaupt vermeidet „Der Polyp“ recht viele Stereotypen: Es gibt keinen Bürgermeister, der den Strand um keinen Preis sperren möchte; keine testosteronstrotzenden Dummköpfe, die das Monster auf eigene Faust jagen und auch Sätze wie »Geh da nicht hin, da ist es nicht sicher!« hört man nicht.

Was in anderen Fällen zu einer lobenden Erwähnung gereichte, ist in der Kategorie Trash allerdings kein Kompliment, und auch sonst hält der Film wenig bereit, was die Ankündigung des Verleihs rechtfertigt.
Abgesehen von einem menschenfressenden Tintenfisch (der ist dem Tierhorror immanent und zählt darum leider nicht) fehlt es der Handlung fast gänzlich an den nötigen Absurditäten. Vielleicht kann die seltsame Geschwister-WG des Journalisten mit seiner offenbar alkoholabhängigen Schwester (auf ihre Art wirklich unterhaltsam, Shelley Winters) und deren Sohn zählen, aber nicht einmal “Trainspotting” hat es geschafft, ein solches Setting wirklich witzig zu gestalten.

Insgesamt fehlt es dem Film – Handlung und Dialogen – gänzlich an gewolltem wie ungewolltem Humor. Schlechte und zudem seltene Tentakeltricks sowie ein geflutetes Modellböötchen sorgen allenfalls für müde Lacher. Einzig das Ende des Kraken ist ein wenig trashig, aber um es zu sehen, haben die Zuschauer*innen schon 80 Minuten mittelmäßige Unterhaltung hinter sich und die Wertschätzung für Meeressäuger hält sich dann sehr in Grenzen.

„Der Polyp“ ist kein (guter) Trashfilm: Spaß, Witz und selbst blutiger Humor gehen ihm völlig ab. Leider ist er ein ernst gemeinter und nur sehr bedingt spannend umgesetzter Tierhorrorfilm, der nicht einmal mit den längsten Armen auch nur die Welle erreicht, auf der „Der weiße Hai“ unterwegs war; genau genommen ist es nicht einmal derselbe Ozean. Da müsste schon Oliver Kalkofe mit seinen SchleFaZ-Kommentaren höchst selbst ran, um aus diesem Film einen vergnüglichen Abend zu machen.

Cover © Koch Media

  • Titel: Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen
  • Originaltitel: Tentacoli
  • Produktionsland und -jahr: Italien/USA, 1977
  • Genre: Tierhorror, Trash
  • Erschienen: 17.03.1977 (Deutschland)
  • Label: Koch Films GmbH
  • Spielzeit:
    97 Minuten (DVD)
  • Darsteller*innen:
    John Huston
    Henry Fonda
    Shelley Winters
    Bo Hopkins
  • Regie: Ovidio Assonitis
  • Drehbuch:
    Jerome Max
    Tito Capri
  • Musik: Selvio Cipriani
  • Technische Details
    Video:
    16:9
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen: 
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 6/15 Drinks, die man mindestens Trinken muss, damit der Film lustig wird.


Über den Autor

Henri Vogel


Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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