Mary Aiken – Der Cyber-Effekt (Buch)

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Als hätte sie die dramatische Achse wie in einem Roman geplant, nimmt Mary Aiken exakt in der Mitte des Buches den entscheidenden Vergleich vor, um aufzuzeigen, dass die Gesellschaft die Gefahren des titelgebenden Cyber-Effekts ernster nehmen sollte. Sie erinnert an die Olympischen Spiele 1972 in München. Die Veranstalter ließen damals vom Psychologen Georg Sieber ganze 26 Worst-Case-Szenarien entwickeln, was während des fröhlichen Sportfestes alles passieren könnte. Als er sie vorlegte, bezogen sie jedoch kein einziges davon in ihre Sicherheitsplanungen mit ein. Zu unwahrscheinlich und schwarzmalerisch erschienen ihnen die Modelle. Das 21. Szenario – der Anschlag auf das israelische Team durch palästinensische Aktivisten – traf allerdings ein und schrieb erschreckende Geschichte.

Mary Aiken betätigt sich in dieser populärwissenschaftlich verfassten, leicht zu lesenden Warnschrift auf 555 Seiten als ein Georg Sieber des Internets. Die Kriminologin, aus deren Berufserfahrungen sich die TV-Serie „CSI:Cyber“ (2015-2016) speiste, teilt etwas mit dem deutschen Star der Internet-Kritik, dem Psychiater Manfred Spitzer: Weit mehr als eine Wissenschaftlerin, ist sie eine Aktivistin. „Die Zeit ist mein größter Feind“, schreibt sie, „denn meine Arbeit befindet sich im ständigen Wettlauf mit der technischen Entwicklung.“ Daher könne man bezüglich der Wirkung des Internets auf die menschliche Psyche sowie die Gesellschaft nicht das Ergebnis von Langzeitstudien abwarten; deren Dauer entspräche auf der technisch-medialen Ebene „mehreren Generationen“. Was in der Zwischenzeit geschieht, wird von ihr anschaulich beschrieben. Die Mechanismen des Netzes fördern Suchtverhalten aller Art, lassen den Extremismus seine Blüten in Echokammern treiben und normalisieren Fetische, die ohne die Allverfügbarkeit aller Bilder und Videos sowie das leichte Auffinden Gleichgesinnter, womöglich gar nicht erst gewachsen wären. Schon die längst im Mainstream angekommenen SM-Spielchen irritieren Aiken sehr. Das „Cranking“ – sexuelle Erregung durch das Aufheulen lassen von Motoren – dürfte hingegen auch den meisten Leserinnen und Lesern neu sein. Eher harmlosen und von Aiken teils zu streng pathologisierten Skurrilitäten wie diesen steht der Horror der Kinderpornografie entgegen sowie die furchtbare Arbeit jener Menschen, die für YouTube, Facebook und Co. alle Uploads vorsichten müssen und dabei Traumatisierendes zu Gesicht bekommen.

Journalistisch steht das Buch auf grundsoliden Füßen, und auch rhetorisch bedient sich Aiken kaum manipulativer Tricks. Dennoch entfachen ihre Worte mit jeder Seite stärker die Wut auf Politiker und Eltern, welche die Gefahren der Digitalisierung offenbar genauso wenig sehen wollen wie die Olympia-Veranstalter von 1972 Siebers Worst-Case-Szenarien. Stattdessen unterwerfen sie sich selber mehrheitlich „Apparate(n)“, die „grundlegende menschliche Instinkte außer Kraft setzen.“ Während die moderne Gesellschaft „Nährwerte von Muttermilch und deren Nutzen sowie das richtige Alter und die beste Methode zum Trockenwerden leidenschaftlich debattiert“, ignoriere sie, dass der ständige Blick der Eltern auf das Smartphone statt auf das Kind sowie die viel zu frühe Digitalisierung des Spielens nicht weniger als kommende Psychopathen erzeuge. „Die Behörden reglementieren das Design von Kindersitzen“, man könne „kaum eine Murmel oder ein Lego-Teil aufheben, ohne darauf einen Warnhinweis zu finden“, aber über den Entzug menschlicher Hinwendung ans Kleinkind mache sich keiner ernsthafte Sorgen. Was Aiken gerne auf den Bildschirmen von Smartphones oder Tablets sähe, wäre der Hinweis: „Achtung! Wenn Sie Ihr Baby nicht anschauen, kann das zu ernsten Entwicklungsstörungen führen.“ 

Das beste Bild dafür, wie perfide der „Cyber-Effekt“ wirkt, findet sich auf Seite 244: „Nun stellen Sie sich vor, Sie schauten aus dem Fenster und entdeckten Ihren zehnjährigen Sohn beim Ballspiel mit zwei, drei oder vier erwachsenen Männern, die Ihnen noch nie begegnet sind. Wären Sie dann nicht auch ein wenig besorgt? Würden Sie nicht hinausgehen, um herauszufinden, was dort vor sich geht – oder würden Sie Ihren Sohn nicht gleich ins Haus rufen?“ Genau solche, auch gezielte, Einkreisungen, geschähen tagtäglich im Internet, etwa in Online-Multiplayer-Abenteuern. „Nicht nur treffen Ihre Kinder im Internet auf Unbekannte – sie ertappen sich aufgrund des Online-Enthemmungseffekts auch dabei, wie sie Dinge tun, die sie im realen Leben nie tun würden.“ 

Richtig schwach wird das Buch nur an wenigen Stellen, die von Aikens gemeinsamem Außeneinsatz mit der Polizei berichten. Hier weht ein Hauch von Dokusoap durch die ansonsten bemerkenswerte Schrift. Ein einseitiges Pamphlet, durchaus, aber ein bedenkenswertes.

  • Autor: Mary Aiken
  • Titel: Der Cyber-Effekt
  • Originaltitel: The Cyber-Effect
  • Übersetzer: Laura Su Bischoff
  • Verlag: Fischer Tb.
  • Erschienen: 07/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560
  • ISBN: 978-3-596-03293-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Erwerbsmöglichkeiten

    Wertung: 14/15 dpt

    Mary Aiken – Der Cyber-Effekt (Cover @ Fischerverlage)


Über den Autor

Oliver Uschmann

Oliver Uschmann wurde geboren, als seine Eltern es für angebracht hielten und wuchs in Wesel am Niederrhein auf. In Bochum studierte er Literatur und in Berlin das Leben. Mit seiner Frau Sylvia Witt veröffentlicht er Jugendromane, Erwachsenenromane sowie lustige und ernste Sachbücher. Ihre bekannte Romanserie „Hartmut und ich“ haben die beiden als „Hui-Welt“ im Internet sowie in einer drei Monate bewohnbaren Ausstellung namens „Ab ins Buch!“ aufgebaut.

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Mary Aiken – Der Cyber-Effekt (Buch)

von Oliver Uschmann Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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