Gregor Müller – Völkerschau (Buch)

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Gelungenes Debüt mit Potenzial

September 1898. Die Völkerschau gastiert in Leipzig. „Die Ewe-Neger aus dem Schutzgebiet Togo“ sind die Attraktion im Zoologischen Garten. Nach einigen Tagen entschwindet jedoch ein Afrikaner namens Mawuwe und wird von Kriminalcommissar Joseph Kreiser zur Fahndung ausgeschrieben. Allein aufgrund seiner Hautfarbe, sollte Mawuwe schnell zu finden sein. Doch die Aufmerksamkeit des Commissars wird auf einen anderen Fall gelenkt. In dem Vergnügungspark Charlottenhof, der sich im Arbeiterviertel Lindenau befindet, gilt der Teich mit seiner kleinen Insel als die Anziehungskraft und ausgerechnet dort wurde nun die Leiche eines Mannes gefunden. Laut dem Pathologen Professor Klocek ging ein Faustkampf seinem Lebensende voraus, bevor der Mann letztlich erwürgt wurde. Kreiser übernimmt seinen ersten Mordfall und ist froh, den Staatsanwalt Gustav Möbius an seiner Seite zu wissen. Schnell ist klar, dass es sich bei dem Toten um Carl August Georgi handelt, ein einflussreicher Fabrikant und einer der reichsten Männer der Stadt.

Ein Verdächtiger scheint früh ausgemacht, denn erst vor wenigen Tagen explodierte in Georgis Fabrik ein Heizkessel, bei dem der Heizer Otto Fuhrmann schwer verletzt wurde. In einem anschließenden Wortgefecht mit Georgi drohte er diesem den Tod an. Doch diese und andere Spuren verlaufen im Sand bis sich herausstellt, dass es zwischen den beiden Fällen Mawuwe und Georgi eine Verbindung gibt …

Kurzweiliger Plot mit Einblicken in das auslaufende Jahrhundert

Gregor Müller siedelt seinen Debütroman „Völkerschau“ in der Wende zum 20. Jahrhundert an, was immer wieder durchschimmert. Dabei wird die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt. Zumeist setzt sich Commissar Kreiser abends mit seiner Vermieterin, der blinden aber noch rüstigen Hannah Faber, zum Schwätzchen zusammen, um ihr von seiner Arbeit zu berichten. Dies ist Kreiser seiner früheren Lehrerin schuldig, zumal die Untermiete sehr gering ist. Dieser Teil der Geschichte wird in der dritten Person erzählt, während Kreisers anschließende Ausführungen über den Fortgang der Geschichte aus der Ich-Erzähler-Perspektive geschildert werden.

Der Plot bietet einige Verdächtige, die nach klassischem Muster meist ebenso schnell die Bühne betreten wie sie diese anschließend wieder verlassen. Am Ende folgt die überraschende Auflösung. Ein typischer whodunnit also, dessen Figuren teilweise etwas blass bleiben. So ist vor allem der Protagonist Kreiser kaum greifbar. Man erfährt wenig über sein Privatleben, so er denn überhaupt eines hat; auch eine mögliche Familie bleibt unbekannt. Äußerlich vorstellen kann man sich die Figur ebenfalls kaum und so bleibt es schwierig, mit dem vermeintlichen Helden, der hier unerwartet in seine erste Mordermittlung stolpert, zu sympathisieren. Bei den Ermittlungen kann er sich auf Staatsanwalt Möbius verlassen, der ihm einige Male bei den Befragungen aus der Klemme hilft. Überhaupt ist es oft Möbius, der die Ermittlung an sich zieht und so ist es weder Zufall noch ein Spoiler, dass ausgerechnet Hannah Faber letztlich die Lösung des Falls ermöglicht beziehungsweise die vorliegenden Erkenntnisse richtig einzuordnen vermag.

„Wenn ich mich recht erinnere, waren Sie Kapitulant, richtig?“
„Ja, allerdings. Zwölf Jahre sind tatsächlich mehr als genug Zeit, um bleibende Erinnerungen zu formen.“
„Was für ein Irrsinn. Nur weil Sie nicht von adeliger Geburt sind, mussten Sie zwölf Jahre strammstehen, um eine Chance auf einen ordentlichen Beruf zu bekommen.“

Als Ausflug in die Kaiserzeit gibt der Roman einige Erkenntnisse, wobei natürlich auch die Stadt Leipzig passabel vorgestellt wird. Die titelgebende Völkerschau bietet dem Autor die Gelegenheit, dass aktuelle Thema Rassismus einzuflechten, denn der Macher der Ausstellung spricht durchgängig abfällig über die Neger, die doch eher Tiere denn Menschen seien. Hannah Faber erfreut sich derweil über ein Wiedersehen mit einer alten Kollegin respektive Freundin, die Kontakte zur Frauenbewegung hat. Ganz verwegene träumen vom Wahlrecht, dabei bedauert Hannah vor allem, dass sie als Lehrerin ins Zölibat einwilligen musste. Hätte sie nicht geerbt, würde sie mangels Ehemann im Armenhaus leben müssen. So bilden Rassismus und Frauenrechte zwei nach wie vor topaktuelle Themen die Begleitung zu einem durchaus lesenswerten Fall. Wenn die weiteren Fälle den technischen Fortschritt, die Hochindustrialisierung, das Alltagsleben der Arbeiter oder die politische Lage (Aufrüstung zu Wasser und in der Luft) sowie vor allem das Privatleben des Commissars Kreiser ein bisschen mehr darstellen würden, hat die angekündigte Serie spürbares Potential nach oben.

Cover © Gmeiner

  • Autor: Gregor Müller
  • Titel: Völkerschau
  • Verlag: Gmeiner
  • Erschienen: 02/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 250 Seiten
  • ISBN: 978-3-8392-2649-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Gregor Müller – Völkerschau (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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