Ein Krimi, der keiner ist,
mit einem Helden, den man ins Herz schließt

Coverbild: Kalmann (c) Diogenes

Kalmann ist der selbsternannte Sherif von Räförhöfn. Er ist Haifischjäger, der letzte seiner Art in dem kleinen Nest hoch im Norden Islands, wo immer weniger los ist, weil mit dem Fischfang immer weniger los ist. Und Kalmann ist etwas anders als alle anderen. Weil er etwas langsamer ist, etwas einfältiger und – das wird dem Leser schnell klar – eine herzensgute Seele.

Auf der Jagd findet er eine Blutlache, dann verschwindet auch noch der Hotelbesitzer Robert McKenzie und schon steckt Kalmann  mitten in einem Kriminalfall.

Schmidt wählt die Perspektive seiner Hauptfigur, die er zum Ich-Erzähler macht. Und Kalmann erzählt, unbefangen und ehrlich. Wie ein sicherer Kompass leitet ihn sein gutes Herz durch die Geschichte. Unbeirrbar tut er das, was er für richtig hält und tut damit genau das Richtige.

Der Trick den Narren in den Mittelpunkt zu stellen und die Geschichte aus dessen naiver Perspektive erzählen zu lassen, geht auch hier wunderbar auf. Kalmann ist kein besonders zuverlässiger Erzähler. Manchmal lässt ihn seine Erinnerung im Stich oder er versteht einfach nicht alles. Aber gerade die Fragen, die er sich stellt, gewähren den Leser*innen wichtige Einsichten.

Island erscheint hier nicht als Postkartenidylle. Die großen globalen Themen machen auch vor dem kleinen abgelegenen Land nicht halt: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Überfischung der Meere, all das wirkt sich unmittelbar auf die Menschen aus, deren Arbeitsplätze durch den zurückgehenden Fischfang verloren gehen. Fremdenfeindlichkeit und wachsende Kriminalität sind die hässlichen Folgen.

Schmidt gelingt es diese schweren Themen in seiner Geschichte zu integrieren, ohne dass sie die Handlung dominieren oder erdrücken. Auch der Kriminalfall, der dem Plot seinen roten Faden verleiht, drängt sich nie in den Vordergrund.

„Kalmann“ ist vor allem ein Außenseiterroman. Die Geschichte eines Menschen, der um seine Selbstbestimmung kämpft und sie sich auch verdient. Er kennt seine Grenzen, innerhalb derer er hervorragend zurechtkommt. An Kalmanns Beispiel zeigt Schmidt, dass es keine allgemeingültigen Fähigkeiten gibt, die einem Menschen seinen Platz in der Gemeinschaft einräumen. Dass es absolut Sinn macht die individuellen Talente einer Person zu betrachten.

„[E]s war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehen geblieben sei. (…) Oder dass ich den IQ eines Schafes habe. (..) und früher wusste ich nicht mal, was ein IQ ist. Großvater wusste es zwar , aber er sagte, das sei nichts als eine Zahl, um Menschen in Schwarz oder Weiß einzuteilen, eine Messmethode wie Zeit oder Geld, eine Erfindung der Kapitalisten, dabei seien wir alle gleich (…) und Großvater erklärte mir, dass nur das Heute zähle, das Hier, das Jetzt, das Ich hier mit ihm. Fertig. Das verstand ich.“
(Seite 11/12)

„Kalmann“ gehört zu den Büchern, bei denen man überhaupt nicht möchte, dass sie enden. Und dass obwohl Schmidt sich auf seinen fast 350 Seiten sehr viel Zeit beim Erzählen lässt. Vielleicht ging es ihm beim Schreiben ja ähnlich und er wollte Kalmann einfach nicht loslassen.

Fazit: Ein Roman, der dank seiner liebenswerten Hauptfigur viel Herzenswärme transportiert. Ein Buch, das einen trotz des ungenügenden Zustands der Welt zufrieden zurücklässt.

  • Autor:  Joachim B. Schmidt
  • Titel: Kalmann
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: April 2022
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten:  352 Seiten
  • ISBN: 978-3257246445


Wertung: 14/15 dpt


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