Jürgen Heimbach – Die Rote Hand (Buch)

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Als der Algerienkrieg nach Deutschland kam

Rückblick: In den 1950er Jahren verstand Frankreich Algerien als integralen Bestandteil der Französischen Republik, folglich waren die Mitglieder der Befreiungsbewegung FLN (Front de Libération Nationale) sowie deren militärischer Ausleger ALN aus deren Sicht Terroristen, die mit allen Mitteln bekämpft wurden. Die FLN sah die Franzosen wiederum als Besatzer und sah sich im Krieg; der Algerienkrieg dauerte von 1954 bis 1962 und griff auch auf Deutschland über, wo ein militanter Arm des französischen Geheimdienstes, genannt „Die Rote Hand“, Ende der 1950er Jahre Attentate auf deutsche Waffenhändler verübte.

Arnolt Streich war bei Wehrmacht, danach in Gefangenschaft, wo er sich als Fremdenlegionär anwerben lies, um dem Hunger zu entgehen. Unter anderem kämpfte er in Algerien bevor er 1958 nach Frankfurt zurückkehrte. Seitdem hat der heruntergekommene Ex-Soldat ein schlichtes Leben, wohnt in einer ebensolchen Wohnung auf einem vormaligen Garagenhof. Gegen eine bescheidene Aufwandsentschädigung soll er für Ordnung sorgen, was vor allem bedeutet, ab und an ein paar Jugendliche zu vertreiben, die die vierzehnjährige Lidia bedrängen, die sie als Schlesierschlampe bezeichnen. Ansonsten spielt sich das soziale Leben von Streich in einem eng begrenzten Umfeld ab. Da wäre der Boxclub seines alten Waffengefährten Franz Jung, das Wasserhäuschen des einarmigen Ali, wo er Zigaretten kauft und die meisten seiner Biere trinkt, der mittwöchliche Besuch bei Gilla, einer Prostituierten, und gelegentlich eine Stippvisite auf der Pferderennbahn. Ansonsten läuft in Endlosschleife seine einzige Schallplatte: „Mon Legionnaire“, gesungen von Edith Piaf.

Eines Tages erhält Streich ungewünschten Besuch von zwei Franzosen, die ihn an seine Vergangenheit erinnern. Sie wollen wissen, in welchem Teil des Garagenhofes der Wagen von Rolf Mühlbauer steht. Streich weigert sich, doch mit ein bisschen Geld sieht die Sache schon anders aus, zumal Streich stattliche Wettschulden hat. Kurze Zeit später wird Streich aus dem Schlaf gerissen, eine Explosion zerfetzt den Wagen Mühlbauers, der bei dem Anschlag stirbt. Ebenso wie Lidias Mutter und da Lidia den Tathergang beobachtet hat, melden sich die Franzosen erneut bei Streich. Er soll ihnen das Mädchen bringen und eine Mappe mit wichtigen Unterlagen. Streich erkennt, dass die Männer der „Roten Hand“ angehören und dass es ein Spiel auf Leben und Tod wird, doch wie kann er gegen die übermächtig erscheinenden Gegner das Leben des Mädchens – und nicht zuletzt sein eigenes – retten?

„Die Rote Hand“ vermischt sehr gekonnt zeitgeschichtliche Realität mit einem packenden Krimiplot. Wie schon in seiner beeindruckenden Trilogie „Unter Trümmern“, „Alte Feinde“, „Offene Wunden“ beweist Jürgen Heimbach, dass er sein schriftstellerisches Handwerk versteht. Nicht nur der eingangs angerissene politische Hintergrund wird gut aufgezeigt, bei dem schnell klar ist, dass die Polizei mit „angezogener Handbremse“ ermittelt. Auf politischen Druck von oben, denn nach zwei Weltkriegen will man auf keinen Fall die gerade anlaufenden deutsch-französischen Beziehungen gefährden. Anschläge des französischen Geheimdienstes in Deutschland passen da nicht ins Bild, selbst die Presse berichtet zurückhaltend. Auf der anderen Seite ist das soziale Umfeld sowie die Lebenssituation des Protagonisten ein Leseerlebnis. Abgebrannt und schlicht am Ende, will Streich nur noch seine Ruhe haben. Dabei muss er immer wieder erleben, dass ihn seine Kriegserlebnisse nicht in loslassen. Immer wieder kehren Erinnerungen zurück, vermischen sich situativ mit seinem jetzigen Leben. Allein die bereits erwähnten Stationen bei Jung, Ali und Gilla scheinen ihm Halt zu geben.

„Die Rote Hand“ ist eine überzeugende Mischung aus Zeitgeschichte und Krimi, die das Leben des Protagonisten und den damaligen Zeitgeist in den Vordergrund schieben. Obwohl Streich in seinem aussichtlos wirkenden Kampf für Lidia gewiss Sympathiepunkte gewinnen kann, bleibt die Figur aufgrund ihrer Vorgeschichte ambivalent. Konsequent, dass der Söldner keinem Streit aus dem Weg geht und schnell mit Faust oder Waffe zur Hand ist. Nebenbei wird noch der in Vergessenheit geratenen Jazz-Legende Inge Brandenburg eine wichtige Nebenrolle zugedacht. Zu erwähnen ist abschließend das ebenso lesenswerte wie informative Nachwort.
Ein Noir, der aus der Masse deutlich sichtbar herausragt.

Cover © weissbooks.w

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Jürgen Heimbach – Die Rote Hand (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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