Colin Dexter – Der Wolvercote-Dorn (Buch)

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Colin Dexter erlebt eine verdiente Wiederentdeckung

Eine amerikanische Seniorenreisegruppe widmet sich auf ihrer Rundreise historischen Städten, so dass sie ihre Reise auch nach Oxford führt. Laura Stratton ist jedoch nicht nur wegen der Sehenswürdigkeiten hier, sie möchte ein historisch unbezahlbares Kleinod, den Wolvercote-Dorn, dem Ashmolean Museum übergeben. Doch bei ihrer Ankunft im Fünf-Sterne-Hotel schmerzen ihre Füße, sie zieht sich umgehend auf ihr Zimmer zurück, um ein Bad zu nehmen; lässt dabei jedoch die Zimmertür einen Spalt offen für ihren Mann Eddie, der ihr bald folgen will. Nur wenig später ist es passiert: Die Handtasche mit dem wertvollem Dorn ist verschwunden, Laura selbst liegt tot in ihrem Zimmer. Ein Herzinfarkt.

Chief Inspector Morse und Sergeant Lewis übernehmen den Fall, der eigentlich gar nicht in ihre Zuständigkeit fällt. Hinzu kommt, dass Morse, natürlich nicht an Zufälle glaubt. Der Diebstahl des Schmuckstücks und gleichzeitig ein Herzanfall der Besitzerin? Aber auch eine genauere Untersuchung des Leichnams liefert kein neues Ergebnis. Während Morse mit dem Infarkt als Todesursache hadert, erkennen er und Lewis, dass es sich um eine recht illustre Reisegruppe mit noch recht umtriebigen Rentnern handelt. Deren weitere Aktivitäten führen Morse zu einigen falschen Rückschlüssen, nicht alle Alibis haben dauerhaft Bestand. Aber auch der Reiseleiter John Ashenden, der für die Mittelalterabteilung im Museum zuständige Theodore Kemp (ein stadtbekannter Schürzenjäger) und die geschiedene, dem Alkohol zusprechende Assistentin Sheila Williamson haben ihre Geheimnisse. Hinzu kommt Morse berüchtigte Intuition, die die Ermittler mehr als einmal in die Irre führt.

Ist Colin Dexter (1930-2017), dessen Inspector-Morse-Reihe aus dreizehn Romanen und einem Erzählband besteht, eine Wiederentdeckung; womöglich gar eine Neuentdeckung? Durch die Fernsehserie “Inspektor Morse, Mordkommission Oxford”, vor allem aber durch die späteren Serien “Lewis – der Oxford-Krimi” und “Der junge Inspektor Morse” ist die Figur des kauzigen Ermittlers längst kein Unbekannter mehr. Der Bekanntheitsgrad seines Erfinders dürfte hierzulande aber noch steigerungsfähig sein, zumindest außerhalb der eingefleischten Krimifans. Jedenfalls ist es eine große Freude, dass seit Mitte 2018 alle Bände sukzessive im Unionsverlag neu übersetzt veröffentlicht werden.

“Der Wolvercote-Dorn” bietet alles, was Fans der Serie lesen möchten. Einen schnoddrigen Ermittler, der zum besseren Funktionieren seines Denkapparates zwingend Alkohol benötigt, sowie einen Partner, der meist gedanklich etwas hinterhinkt, mitunter aber den entscheidenden Zwischenruf einwirft. Morse trinkt für seine Verhältnisse eher wenig, treibt aber mit seinen Vermutungen sich, Lewis und damit alle Leser in die Irre. So bleiben zahlreiche Wendungen nicht aus, die durch eingestreute Kommentare des Autors, der durch einen teils augenzwinkernd-humorvollen Erzählstil zu gefallen weis, zusätzlich verschärft werden. Eine wahre Achterbahnfahrt mit diversen Überschlägen.

Die von Morse ausgebrüteten Ideen waren häufig so ausgefallen und so unwahrscheinlich, dass sie sich sehr bald von selbst erledigten. Heute aber war er ausgesprochen gut in Form: Drei der vier von ihm entwickelten Gedankengänge sollten sich letztlich als durchaus zutreffend erweisen.

Morse, ein intellektueller Polizist, benötigt Bier und Whisky, Bruckner und Kreuzworträtsel und ist – in der Regel platonischen – Gedanken an das andere Geschlecht nicht abgeneigt. Daneben gilt es einen verwirrenden Fall zu lösen, der zunehmend komplexer wird. Nicht nur das erwähnte Verhalten von Mitgliedern der Reisegruppe, auch die Reiseleitung und die Mitarbeiter des Museums tragen ihren Anteil bei. Zudem bleibt es nicht bei einem Diebstahl und einem Herzinfarkt ohne Fremdeinwirkung. Es geschehen im weiteren Verlauf ein richtiger Mord sowie ein weiterer Todesfall. Man mag als Krimikenner eine Vorahnung entwickeln, wie die Dinge zusammenhängen. Gewiss ist dies aber keineswegs. Kurzweilige und spannende Krimilektüre.

Cover © Unionsverlag

  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Der Wolvercote-Dorn
  • Übersetzer: Ute Tanner
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 1992 unter dem Titel “Tod für Don Juan” (Rowohlt) – Neuausgabe 08/20
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 279
  • ISBN: 978-3-293-20840-4
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Colin Dexter – Der Wolvercote-Dorn (Buch)…

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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