Cover: Freudenberg (c) Edition Azur

Tragödie um Schuld und Selbstbestimmung

Elze erzählt die Geschichte des 17-jährigen Maik, genannt Freudenberg, der mit seinen Eltern in den Urlaub an die polnische Ostseeküste gefahren ist. Die Familie checkt im Hotel ein und der Junge unternimmt einen Spaziergang am Strand. Dort findet er den Leichnam eines anderen in etwa gleichaltrigen Jungen, der ihm auffallend ähnelt. Kurzentschlossen taucht Freudenberg die Kleidung mit dem Toten und versteckt sich. Soweit die Ausgangssituation.

Der Identitätswechsel bedeutet für Freudenberg eine Flucht aus einem Leben, das durch die Eltern, und vor allem durch den Vater Gerd, völlig fremdbestimmt ist.

 

„Gerd regelte die Dinge am liebsten allein und für alle. Als Freudenberg kurz vorm Hauptschulabschluss noch immer nicht hatte sagen können, wie es weitergehen sollte mit ihm und seinem Leben, war es Gerd endgültig zu bunt geworden. (…) Schließlich hatte Gerd alle Dinge von einem Tag auf den anderen geregelt. Metallverarbeitung war dabei herausgekommen. Freudenberg war so erstaunt gewesen, dass er nichts zu antworten gewusst hatte (…) Später beim Abendbrot hatte er auch der Mutter verkündet, dass der Junge Metaller werde (…)“Seite 9

Doch Freudenberg ist den Komplikationen seiner Flucht nicht gewachsen. Am Tag seiner Beerdigung kehrt er ins Elternhaus zurück, die Vereinnahmung durch Vater und Mutter beginnt von neuem…

Auf den ersten Blick ist Elzes Roman eine dieser klassischen Geschichten, bei denen ein jugendlicher Außenseiter dem elterlichen Druck entkommen will. Doch dieser Eindruck täuscht. Durch seinen einzigartigen Erzählstil beschert der Autor seinen Leser*innen ein ungewöhnliches Leseerlebnis.

Bereits nach wenigen Seiten beschleicht einen der Verdacht, dass mit der Wahrnehmung der Hauptfigur „etwas nicht stimmt“. Anfangs sind es nur kleine Dissonanzen, doch diese weiten sich rasch aus. Immer wieder blitzten Bilder auf, die Freudenbergs Realität durchbrechen. Sequenzen, die der Logik des Erzählten zuwiderlaufen. Bilder, bei denen nicht klar ist, an welchem Punkt der Chronologie sie zu verorten sind. Es scheint als ob Freudenbergs Realität immer durchlässiger, immer rissiger, wird und eine andere Realität an die Oberfläche drängt.

So werden auch Freudenbergs Ansätze, das Erlebte in Einklang mit einer nachvollziehbaren Logik zu bringen, um diese andere Realität, die sich ihm drohend nähert, zurückzudrängen, immer verzweifelter.

Die innere Not Freudenbergs wird zunehmend raumgreifender und überdeckt alle anderen Eindrücke. Das wahre Ausmaß der Tragödie wird sukzessive sichtbar.

Die von Elze erzeugten Bilder sind von betörender Poesie. Mit der Explosivität seiner Assoziationen legt er den großen Schmerz und das Leiden seiner Hauptfigur frei.

„Er musste atmen, riss seinen Mund auf und schrie. Schrie wie ein Wahnsinniger. Sein Schrei drang nicht nur in Wellen nach außen, sondern fiel auch nach innen, in ihn zurück. Er spürte, wie sich der Schrei im ganzen Körper ausbreitete. Wie eine Betäubung. Er konnte seine Beine nicht mehr spüren, er konnte sein Becken, seinen Bauch und seine Brust nicht mehr spüren. Der Schrei war ihm bis in die Stirn hochgeschossen, ihm ins Gehirn gefahren wie eine rote Kugel.“Seite 95-96

Dem Realitätsgehalt der Bilder ist nicht zu trauen. Elze produziert mit ihnen Teile eines großen Puzzles. Fragmente, die er erst ganz am Ende des Romans zu einem Gesamtbild zusammenfügt, um das Rätsel hinter seinem Erzählen aufzulösen.

„Freudenberg“ ist das Romandebüt des Leipziger Autors Carl-Christian Elze und bei edition Azur, einem Imprint des Verlags Voland & Quist erschienen. Als Lyriker hat sich Elze bereits einen Namen gemacht. Mit seiner virtuos konzipierten Prosa löst er die hohe Erwartungshaltung seiner Leserschaft garantiert ein.

  • Autor: Carl-Christian Elze
  • Titel: Freudenberg
  • Verlag: Edition Azur
  • Erschienen: 14. Februar 2022
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 176 Seiten
  • ISBN: 978-3942375542


Wertung: 13/15 dpt


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