Porträt einer verlorenen Generation

Cover: Aus unseren Feuern (c) Kanon Verlag

Heiko arbeitet in einem Bestattungsunternehmen. Sein Chef ist ein ausbeuterisches Arschloch, die Arbeit ein mies bezahlter Knochenjob. Als Heiko zu einer Unfallstelle gerufen wird, um dort einen Toten abzuholen, und er in diesem seinen Jugendfreund Thomas wiedererkennt, beginnt er sich zu erinnern… So beginnt der Debütroman “Aus unseren Feuern” des Leipziger Autors Domenico Müllensiefen.

Müllensiefen verwebt Gegenwart und Rückblick zu einer Story, in der es keine Gewinner gibt. Heiko, Thomas und Karsten wachsen in den Jahren nach der Wende auf. Sie sind jung und wild. Und ohne Perspektive. Die Wiedervereinigung wird als eine Geschichte fortwährender Desillusionierung erzählt. Ein unaufhaltsamer Niedergang, gegen den sich die Protagonisten vergeblich stemmen.

Ihre jugendlichen Träume zerschellen an der Realität. Heiko strandet nach einer ungeliebten Ausbildung in einem Job als Bestatter, Karsten wandert aus und Thomas, der die Pleite des Familienbetriebs nicht verkraftet, radikalisiert sich zum Bomben legenden Reichsbürger.

Müllensiefen inszeniert seinen Debütroman wie eine Tragikomödie. Ein Plot, der nur darauf wartet verfilmt zu werden. Das liegt vor allem an den Dialogen. Temporeich, voller Sprachwitz und schwarzem Humor. Die Protagonisten sind schonungslos direkt. Man meint, der Autor habe deren Gespräche einfach nur mitgeschnitten. So lebensnah kommen sie rüber.

Auf dem ersten Blick mag das Setting skurril wirken, vor allem wenn der Autor Heikos Arbeit als Bestatter in aller Ausführlichkeit beschreibt, aber das ist es mitnichten. Denn der Autor, der selbst als Bestatter arbeitete, schildert dokumentarisch präzise die pure Realität. Er übertreibt nichts. Nie zieht er seine Protagonisten ins Lächerliche. Dort wo Figuren wie Heiko und seine Altersgenossen an anderer Stelle gerne zu Witzfiguren degradiert werden, hebt er sie auf Augenhöhe mit den Leser*innen empor. Sein Roman ist das Porträt einer verlorenen Generation, deren Würde er zum Thema macht. Die Bitterkeit ihrer Einzelschicksale wird nicht nur sichtbar sondern auch nachfühlbar.

Müllensiefen scheut sich nicht, Hässliches hässlich zu zeigen: Rassismus, unreflektierte Bewunderung für das Dritte Reich durch versäumte Geschichtsaufklärung, tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Organen  – all diese Merkmale sind in Heikos Umgebung ständiger Alltag und verdeutlichen schmerzhaft woher besonders im Osten der Republik AFD und andere rechtsradikale Bewegungen ihre Wurzeln haben. Das alles zeigt Müllensiefen ohne erhobenen Zeigefinger oder moralisierenden Unterton aber mit klarer Darstellung der Zusammenhänge.

Die Gräben zwischen Ost und West, das zeigt er ungeschönt, sind tief. Vielleicht sogar tiefer denn je.

Es tut gut, einen Roman wie diesen zu lesen, der die deutsche Wirklichkeit abbildet wie sie ist. Denn nur aus dem Verstehen heraus kann das Verständnis erwachsen, das dringend notwendig ist, um Brücken über diese Gräben zu bauen. Große Leseempfehlung!

  • Autor: Domenico Müllensiefen
  • Titel: Aus unseren Feuern
  • Verlag: Verlagsname Kanon Verlag
  • Erschienen: Februar 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 336 Seiten
  • ISBN: 978-3985680153


Wertung: 14/15 dpt


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