Hallie Rubenhold – The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden (Buch)

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London, Whitechapel, Ende 1888. Binnen weniger Wochen ermordete ein bis heute unbekannter Serienmörder fünf Frauen auf bestialische Weise. Sein “Name”: Jack the Ripper. Seine Opfer: Prostituierte. Seit rund hundertdreißig Jahren ist dies die offizielle Wahrnehmung des wohl bekanntesten Kriminalfalles aller Zeiten. Stimmt aber nicht, so die Historikerin Hallie Rubenhold, die sich auf die Sozial- und Frauengeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts spezialisiert hat. Nach eingehendem Studium der zugänglichen, aber auch bislang unveröffentlichten Unterlagen, kommt sie zu einem anderen Ergebnis. Bei mindestens drei der fünf Opfer ist es nicht nachweisbar, aufgrund damaliger Zeugenaussagen sogar sehr unwahrscheinlich, dass diese jemals als Prostituierte gearbeitet haben. Vielmehr schliefen (vom letzten Opfer abgesehen) die mittellosen Frauen in der Nacht ihrer Ermordung unter freien Himmel, da sie sich ein Bett für vier Pence nicht leisten konnten. Dies wurde ihnen zum Verhängnis.

Hallie Rubenhold setzt den “Kanonischen Fünf”, also jenen Frauen, deren Ermordung Jack the Ripper zugeschrieben wird, ein literarisches Denkmal und erzählt deren tragische Lebensläufe. So sollen die Vorurteile aus dem Victorianischen Zeitalter, die teilweise bis heute noch unsere Sichtweise in diesem Fall prägen, überwunden und vor allem nicht vergessen werden, denn letztlich waren sie vor allem eins: Menschen. Deren Namen sind Mary Ann “Polly” Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly.

Das Victorianische Zeitalter (1937-1901) ist maßgeblich durch die Jahre 1887/1888 in Erinnerung geblieben. 1887 kennt der Jubel keine Grenzen, das goldene Thronjubiläum von Königin Victoria gilt es zu feiern. Für hunderte Obdachlose, die unter freiem Himmel auf dem Trafalgar Square übernachten müssen, der blanke Hohn. Doch rund ein Jahr später wird Victoria aus dem Schlagzeilen jäh verdrängt. Am 31. August 1888 wird Polly Nichols ermordet, am 8. September Annie Chapman und am 30. September kommt es gar zu einem Doppelmord, die Opfer sind Elizabeth Stride und Catherine Eddowes. Für die Medien ein gefundenes Fressen, zumal der Mörder nie gefunden wird. Die Metropolitan Police, unterstützt von Scotland Yard und der City of London Police, führt rund 2.000 Befragungen durch, ermittelt gegen über 300 Verdächtige. Am Ende ist alles umsonst, der Mythos Jack the Ripper geboren. Dies zur Vorgeschichte, denn Jack the Ripper wird in dem vorliegenden Buch kein einziges Mal in Erscheinung treten.

Der Fall “Polly Nichols”: Der Vater ist Schmied, arbeitet später im Druckerviertel und kann seine Familie für einen Arbeiter recht gut ernähren. Polly, für Mädchen ihrer Herkunft unüblich, kann die Schule besuchen, lernt lesen und – sonst den Jungen vorbehalten – sogar schreiben. Als die Mutter stirbt ist Polly keine sieben Jahre alt und muss sich zusätzlich um den Haushalt kümmern. Mit achtzehn Jahren heiratet sie 1864 den drei Jahre älteren William Nichols, einen Lagerarbeiter; kein Jahr später folgt das erste Kind. Weitere Kinder folgen und die Familie hat Glück, erhält eine größere Sozialwohnung, gefördert von dem amerikanischen Investor George Peabody. 1880 verlässt Polly ihren Mann, da dieser ein Verhältnis mit der Nachbarin hat. Die Kinder bleiben beim Vater, da nur er für sie finanziell sorgen kann. Polly muss ins Armenhaus; eher ein Gefängnis, denn Unterstützung. Eine Scheidung kommt nicht in Betracht, denn einen Anwalt kann sich Polly nicht leisten. Sie hätte wohl auch keine Erfolgschancen, denn ein außereheliches Verhältnis des Mannes ist kein Scheidungsgrund. Eine Frau hingegen hat ihrem Mann den Haushalt zu führen, Kinder zu gebären und treu zu sein.

All diese Faktoren – Mangel an Informationen, Armut, der Anspruch, eine pflichtgetreue Ehefrau zu sein, Frömmigkeit – führen zu dem, was die Frauenrechtlerin Margaret Llewelyn Davies ein “Leben der exzessiven Geburten” nannte. Der Tribut, den das in körperlicher, emotionaler und auch materieller Hinsicht von Frauen wie Catherine forderte, war enorm. In großen Familien wie die der Eddowes´, wo es fast jährlich ein neues Kind zu ernähren gab, schrumpften die verfügbaren Mittel, und das bedeutete kargere Mahlzeiten für die gesamte Familie: verdünnte Suppe, eine Gabel voll Innereien, eine Scheibe Brot in Milch. Dabei wurde erwartet, dass die Mutter am meisten zugunsten ihrer Familie verzichtete.

Die Geschichte der Polly Nichols geht natürlich noch weiter, doch bereits an dieser Stelle zeigt sich die Doppelmoral der damaligen Zeit unter der ausschließlich die Frauen zu leiden hatten. Dies offen zu legen, ist eine der Intentionen der Autorin und wird sich in den anderen Fällen in ähnlicher Weise wiederholen. Frauen aus der Arbeiterschicht waren gleich mehrfach gestraft. Sie hatten das “falsche Geschlecht”, keine Aufstiegschancen in die Mittelschicht und waren auf männliche Beschützer angewiesen. Ohne einen Mann und dessen Einkommen drohte fast zwangsläufig der völlige Absturz, womit sich der Weg in eines der größten Elendsviertel der Stadt, Whitechapel, abzeichnete.

Sozialforscher, die hier mit den Bewohnern am Tisch gesessen hatten, waren entsetzt von den verrohten Manier und der brutalen Sprache, die dort gesprochen wurde, auch von Kindern. Aber besonders abschreckend fanden sie das gewalttätige Verhalten der Menschen, die allgemeine Verschmutzung und die verstopften Aborte, sowie die Nacktheit der Bewohner, ihre sexuelle Freizügigkeit und Trunkenheit sowie die Verwahrlosung der Kinder.

Nicht nur die frauenfeindlichen Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts werden seziert, auch die katastrophalen Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse werden umfassend aufgezeigt. Das Leben “der Verelendeten” ist nichts für schwache Nerven, nicht nur wegen dem Fehlen jeglicher Hygienestandards.

Wer sollte “The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden” lesen? Jene, die sich für das Thema Jack the Ripper interessieren, da dessen Geschichte ein stückweit umgeschrieben werden muss, aber vor allem jene, die sich für das Leben im Victorianischen Zeitalter, also im 19. Jahrhundert, oder allgemein für Frauengeschichte interessieren. Das Buch ist verständlich geschrieben, allein bei einigen Zeitsprüngen innerhalb der einzelnen Kapitel kann es schon mal kurzzeitig zu Irritationen kommen.

Cover © Nagel & Kimche

  • Autorin: Hallie Rubenhold
  • Titel: The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden
  • Originaltitel: The Five – The untold lives of the women killed by Jack the Ripper 
  • Übersetzer: Susanne Höbel
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Erschienen: 09/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 424
  • ISBN: 9784-3-312-01186-5
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Hallie Rubenhold – The Five – Das Leben …

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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