Rehn - DAs doppelte Gesicht - @ atb

Der Krieg ist zu Ende, die Morde gehen weiter

München, August 1945. Die in München geborene Fotoreporterin Billa Löwenfeld emigrierte im Dezember 1938 mit ihrer Mutter nach New York und kehrt nun für eine amerikanische Zeitung zurück in ihre Heimatstadt. Diese ist schwer gezeichnet vom Krieg, die Zerstörung nahezu überall gegenwärtig. Doch ein erstes Interview führt sie nach Nymphenburg, ein vornehmer Villenvorort, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Hier stehen noch die mondänen Häuser weitgehend unversehrt, allein im Innern dürfte es überall karg aussehen. Wer konnte, hat die Stadt vor den Bombenangriffen verlassen und floh auf das Land.

Am Zielort ihrer ersten Befragung angekommen, entdeckt sie Viktor von Dietlitz ermordet in dessen Wohnzimmer. Ein Herzschuss aus nächster Nähe war die Todesursache und da der zuständige Ermittler vom Erkennungsdienst keinen Film für seinen Fotoapparat dabei hat, kann sich Billa gleich nützlich machen. So lernt sie den jungen und unerfahrenen Kommissaranwärter Emil Graf kennen, der erst seit sechs Wochen bei der Kripo arbeitet. Ein Empfang zur Amtseinführung des neuen Polizeipräsidenten hinderte die älteren Kollegen an der Arbeit.

Bereits am nächsten Tag geschieht ein zweiter Mord, kurz darauf ein dritter. Jeweils ein Herzschuss, die Opfer gerade zurück vom Kriegseinsatz und zudem mit dem adeligen Namenszusatz „von“ versehen. Ein Motiv lässt sich nicht erkennen, doch dann führt eine Spur ausgerechnet zu Billas Mutter, was Emil vermuten lässt, dass die hübsche junge Frau nicht mit offenen Karten spielt. Derweil versucht Billa verzweifelt Piotr, einem ehemaligen Zwangsarbeiter aus der Ukraine, zu helfen.

Interessante Zeitreise in die zerstörte „Hauptstadt der Bewegung“

Zeithistorische Romane, welche in der Nachkriegszeit spielen, haben hierzulande gerade Hochkonjunktur. Nach Berlin (Harald Gilbers), Dresden (Frank Goldammer), Hamburg (Cay Rademacher) und Köln (Beate Sauer) ist mit München nunmehr eine weitere Metropolstadt vertreten. Aufgrund des Epilogs darf vermutet werden, dass es sich hierbei um den ersten, keinesfalls aber um den letzten Fall von Emil Graf handeln dürfte.

Heidi Rehn zeigt die Folgen des Krieges deutlich auf, verarbeitet dabei gekonnt die Schuldfrage in etlichen Facetten. Wichtig dabei auch der oft wiederholte Blick der Deutschen auf das ihnen selbst durch die „Besatzer“ entstehende Unrecht in der Gegenwart. Der kritische Blick zurück auf die letzten zwölf Jahre und die damit einhergehende Frage, was man selbst in dieser Zeit gemacht oder unterlassen hat, wird gern verdrängt. Das Geschehen wechselt hauptsächlich zwischen den beiden Protagonisten, die ihrerseits ambivalent eingeführt werden. Hier die jüdische Journalistin, die womöglich gar nicht wissen möchte, wer ihr unbekannter Vater ist; zu sehr gab sich ihre Mutter vor ihrer unfreiwilligen Ausreise gern mit ranghohen Nazis ab. Dort der junge Polizist, der zu seinem amerikanischen Vorgesetzten Captain Joe Simon aufsieht und seinerseits nicht wissen will, was mit seinem Bruder Friedrich geschah, der angeblich an der Ostfront vermisst wird. Er machte im Dritten Reich als Staatsanwalt und SS-Mitglied Karriere, ein Umstand, der Emil die eigene Laufbahn kosten könnte.

„Warum schieben Sie es ständig auf, Ihre Mutter darauf anzusprechen? Fürchten Sie sich vor der Antwort?“
„Wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten?“
„Schweigen und Verschweigen und lieber nicht Nachfragen, das sind derzeit die Lieblingsbeschäftigungen von uns allen.“

Nicht zuletzt wird das Thema der Zwangsarbeit sowie der Displaced Persons am Beispiel von Piotr angerissen und die Arbeit der Polizei nach Kriegsende ansprechend dargestellt. Es mangelt nicht nur am Nötigsten in der Bevölkerung, auch bei der Polizei muss man sehen, wie man an Material herankommt. Beispielsweise an Papier für die einzig vorhandene Schreibmaschine im gesamten Kommissariat K1.

Wer sich für die Lage nach Kriegsende in Deutschland interessiert darf zugreifen. Bayrischen Dialekt sucht man allerdings vergebens und bei der Suche nach dem Täter hält sich die Auswahl in überschaubaren Grenzen. Gleichwohl ist der Gesamteindruck stimmig und positiv, weitere Fälle für Emil und Billa dürfen also gerne folgen.

Buchcover © atb Aufbau Verlag

Wertung: 11/15 dpt  

  • Autor: Heidi Rehn
  • Titel: Das doppelte Gesicht
  • Verlag: atb
  • Umfang: 350 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Dezember 2020
  • ISBN: 978-3-7466-3707-5

              

 


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