Chaos rund um den Kapp-Putsch behindert die Ermittlungen

Kieler Courage
© Gmeiner

11. März 1920. Kriminalkommissar Josef Rosenbaum und Kriminalassistent Klaus Gerlach werden zum Kleinen Kiel gerufen, wo die Leiche einer jungen Frau gefunden wurde. Würgemale am Hals und weitere Kampfspuren deuten auf einen Mordfall hin. Bei dem Opfer handelt es sich um Katharina von Lettow-Vorbeck, deren Vater Paul ein berühmter Generalmajor ist; der „Löwe von Afrika“. Katharina besucht das Oberlyzeum, wo sie sich ein Zimmer mit Mona Fährbach teilt, mit der sie sich am gleichen Tag heftig gestritten hat. Doch Mona hat ein Alibi, denn im fraglichen Zeitraum war sie mit ihrem Freund Valentin Mohr zusammen.

Am nächsten Tag ist Katharinas Leichnam verschwunden. Auf Anordnung der Reichswehr-Brigade 9, deren Kommandant gleichzeitig auch der Militärgouverneur von Mecklenburg und Holstein und vor allem Katharinas Vater ist, wurde der Leichnam aus der Gerichtsmedizin abgeholt und nach Schwerin transportiert. Gerlach fährt nach Schwerin und verlangt die Herausgabe des Leichnams, doch der Generalmajor verweigert dies. Immerhin veranlasst er eine Obduktion in Schwerin. Gerlach muss unverrichteter Dinge wieder heimkehren und dies so schnell wie möglich. Gerüchte von einem Putsch machen die Runde, die Gewerkschaften drohen bereits im Gegenzug mit einem Generalstreik. Am 13. März zieht dann tatsächlich die Brigade Ehrhardt gegen Berlin. Es kommt zum sog. Kapp-Putsch, in dessen Folge der vorherige Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler wird. Während Rosenbaum und Gerlach von den Ereignissen überrollt werden, präsentiert ausgerechnet Iago Schulz, Rosenbaums Intimfeind von der Politischen Polizei, ein Phantombild des mutmaßlichen Mörders.

Der bislang beste Josef-Rosenbaum-Krimi

In der noch jungen Weimarer Republik ist die Ermittlungsarbeit der Polizei alles andere als einfach. Die Sozialdemokraten haben großen Aufwind, stellen in Kiel mit Friedrich Klemp den neuen Polizeidirektor. Aber auch Leute wie Schulz, die völkisch denken und dem Kaiser nachtrauern, haben Macht und Einfluss. Demokraten gegen Kaisertreue, durch den Kapp-Putsch steht ein erneutes Kräftemessen an. Militär gegen Zivilisten, General Walther von Lüttwitz und Gefolge gegen vor allem linke Kräfte. Doch die Linke ist tief zerstritten. Gewerkschaften, SPD, USPD und die neue KPD mischen kräftig mit. Vor allem in Kiel, wo 1918 der Matrosenaufstand stattfand, welcher als Auftakt der Novemberrevolution zur Gründung der Weimarer Republik führte. Seitdem ist einiges passiert; das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, ebenso die 48-Stunden-Woche.

„Jawohl“-Rufe und „Es lebe Karl Liebknecht!“, auch die Namen Rosa Luxemburg und Kurt Eisner waren zu hören. Allesamt seit über einem Jahr tot. Die Führer der radikalen Linken, alle für ihre Sache gestorben, in radikalen Köpfen spukten sie weiter. Und wenn ihre Namen ausgesprochen wurden, ging es immer auch gegen den Reichspräsidenten und seinen Reichswehrminister, um Friedrich Ebert und Gustav Noske, und mit ihnen gegen die gesamte Mehrheits-SPD, die man für den Tod der linken Führer verantwortlich machte und die es wohl auch waren. Denn sie hatten die Freikorps errichtet, die sie ermordet hatten.

In seinem fünften und bisher eindringlichsten Band aus der Josef-Rosenbaum-Reihe bietet Kay Jacobs ein umfassendes Bild über die Ereignisse in Kiel rund um den Kapp-Putsch. Die Arbeit und Diskussionen in den politischen Lagern, die Auseinandersetzungen zwischen Militär und Zivilbevölkerung und die Folgen des Generalstreiks (unter anderem sind keine Ferngespräche mehr möglich, was die Arbeit für Rosenbaum und Gerlach massiv erschwert) werden umfassend dargestellt. Dabei verliert der Autor den Krimiplot keinen Moment aus den Augen, er tritt nur gelegentlich in den Hintergrund. Der Mord an Katharina wird unübersichtlich, denn der von Iago Schulz ins Spiel gebrachte Täter erweist sich als Finte. Dafür gerät Valentin ins Visier der Ermittler und später auch Sergeant Mahjub bin Hashim, ein Askari aus Ruanda, der einst unter von Lettow-Vorbeck in der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika diente.

Schultze schlug vor, zumindest die Abordnung der Stadt vorzulassen und die Haltung des Stationskommandos zu erläutern. Doch auch das gefiel Levetzow nicht. Er wollte heute keine Leute mehr empfangen. Der Schlussakkord war verklungen, jetzt durften nur noch Ovationen folgen. „Es sind doch nicht irgendwelche Leute, sondern eine Abordnung des Magistrats“, empörte sich Schultze. „Es sind Zivilisten“, erwiderte Levetzow.

Und wie sieht es privat aus? Das Privatleben von Gerlach bleibt völlig im Dunkeln, das von Rosenbaum existiert kaum, sieht man von der platonischen Beziehung zu seiner Assistentin Hedi Kuhfuß ab. Diese ist vom Dienst freigestellt, da sie sich um ihren Sohn David kümmern muss, für dessen Vater alle Rosenbaum halten.

„Kieler Courage“ ist ein spannender Krimi und eine mindestens ebenso interessante Geschichtsstunde. Wer sich für Jura interessiert, sollte unbedingt zugreifen, denn auch Professor Gustav Radbruch und dessen Rechtsphilosophie werden umfangreich vorgestellt.

  • Autor: Kay Jacobs
  • Titel: Kieler Courage
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 378 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2021
  • ISBN: 978-3-8392-2835-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 

Wertung:  13/15 dpt 


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