Spektakulärer Entführungsfall auf Norderney

Nordseedunkel
© Heyne

Im letzten Jahr führte Tobias Velten, Kriminalhauptkommissar beim BKA in der Abteilung Polizeilicher Staatsschutz und Gefahrenabwehr, ein geplantes Attentat auf den Bundespräsidenten auf die Insel Juist. Der Fall endete nicht ganz planmäßig und so entschied sich Velten eine einjährige Auszeit zu nehmen, die ihm überraschend genehmigt wurde. Noch zweieinhalb Monate sind es bis zum erneuten Dienstbeginn und diese Zeit nutzt Velten, um auf Norderney Seevögel zu beobachten und zu fotografieren. Doch damit ist urplötzlich Schluss als ihm Mara Johansson, „Frau für alles“ in der Familie Toben, ein kaum auszuschlagendes Angebot macht; zumal seine finanziellen Reserven weitgehend aufgebraucht sind.

Felicitas „Fee“ Toben, neunzehnjährige Tochter von Alea und Richard, wurde entführt. Ein Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Euro soll in drei Tagen übergeben werden. Velten soll zuvor Felicitas finden; drei Tage Arbeit, 2.000 Euro pro Tag als Vergütung. Obwohl Alea Tobens Auftreten von großer Überheblichkeit geprägt ist, willigt Velten ein und merkt sehr schnell, dass hier einige Dinge so gar nicht zusammenpassen. Felicitas lebte in ihrem eigenen Haus, welches nahezu komplett videoüberwacht ist. Alle Fenster sind aus Panzerglas und selbst Felicitas wurde ständig überwacht. Die Angst vor einer Entführung war offenbar allgegenwärtig und groß. Dennoch drehte die junge Frau ihre Joggingrunde, ließ anschließend die Terrassentür offen und wurde entführt, just zu dem Zeitpunkt als sie unter die Dusche gehen wollte; der einzige Moment, in dem sie nicht kontrolliert wurde.

Sie sagen damit, dass nicht nur in Felicitas‘ Uhr Überwachungsfunktionen enthalten waren, sondern auch in ihrer Kleidung. Eigentlich haben Sie sie total überwacht, oder?

Es gibt nur wenige Verdächtige. Ein alter Freund von Alea, der Ex von Mara und eine Kurzzeitaffäre von Felicitas selbst. Alles längst Vergangenheit. Dennoch wird Velten klar, dass der oder die Entführer aus dem unmittelbaren Umfeld der Familie stammen müssen. Woher hätten sie sonst den einzig perfekten Zeitpunkt für die Entführung und die nahezu unvorstellbaren Sicherheitsvorkehrungen kennen können? Immer mehr rückt Mara in die Rolle der Verdächtigen, was die Ermittlungen zusätzlich belastet. Der Zeitdruck wächst und Velten merkt, dass der Schlüssel zur Lösung in der Familie Toben selbst zu finden ist. Diese hütet ein Geheimnis, dass seine Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellt und in Gefahr bringt.

Nach der Dämmerung folgt die Dunkelheit

Mit „Nordseedämmerung“ erschien im Mai 2020 der Debütroman von Christian Kuhn, der, wie eingangs erwähnt, auf der Insel Juist spielt. Teil zwei der Tobias-Velten-Reihe spielt einige Monate später auf Norderney und es darf als nicht ganz ausgeschlossen gelten, dass es im Falle eines dritten Bandes womöglich doch nicht zurück nach Berlin, sondern auf die nächste Nordseeinsel geht. Die bisherigen Buchtitel mit dem Wort „Nordsee“ in Fettdruck legen zumindest die Vermutung nahe und – dies darf man vorwegnehmen – es wäre wirklich schade, wenn schon nach zwei Bänden Schluss wäre. Und Krimis, die in Berlin spielen, gibt es ja nun ohnehin reichlich.

Mit Tobias Velten hat Christian Kuhn einen ambivalenten Ermittler geschaffen. Was weiß man von ihm? So gut wie gar nichts. Vor Jahren hat er sich von seinem Elternhaus entzweit und gilt beim BKA als Einzelgänger, der sich nicht immer an die geltenden Spielregeln hält. Wie schon beim Debüt ist der Plot angenehm unkonventionell. Kein Mord, den es aufzuklären gilt, sondern ein Entführungsfall, der es in sich hat. Die Verdächtigen haben einen Bezug zur Familie Toben, ein jeweils unschönes Ereignis in der Vergangenheit. Hier liegt auch jenes Familiengeheimnis, welches erst spät aufgelöst wird und dadurch lange Zeit die Ermittlungen Veltens nicht richtig voranbringt. Alle haben ihre Geheimnisse, niemand spielt mit offenen Karten. Folglich kann Velten nicht einschätzen, wem er trauen kann und darf.

Er kam sich vor wie James Bond, der sich gerade von Waffenmeister Q die neueste Ausrüstung erklären lässt. Mara verließ den Raum und kam mit zwei in dunkle Folien eingeschweißten Beuteln wieder, die sie vor ihm aufriss. Den Inhalt des ersten Beutels gab sie Velten: „Beschusshemmende Westen, neueste Generation. Schutzklasse drei bei nur geringer Einschränkung der Beweglichkeit.“ Q hätte jetzt ein Zwinkern angedeutet.

Geschickt werden immer wieder Andeutungen eingeflochten, so dass sich der Plot zu einem Pageturner entwickelt, obwohl de facto wenig passiert. Die wenigen vorhandenen Spuren werden verfolgt, Personen befragt, die eingehenden Videos der Entführer ausgewertet. Dennoch gelingt es Christian Kuhn, wie schon beim Debut, eine große Sogkraft zu entwickeln, so dass man die gut dreihundert Seiten auch problemlos an einem Tag verschlingen kann. Erneut bildet dabei eine ausführlich vorgestellte Nordseeinsel weit mehr als nur eine reine Ferienidylle.

  • Autor: Christian Kuhn
  • Titel: Nordseedunkel
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 319 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Mai 2021
  • ISBN:  978-3-453-44117-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 11/15 dpt


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