Warmherziger Heilungsroman der bekannten japanischen Autorin

Banana Yoshimoto - Lebensgeister (Cover © Yoshinori Mizutani, Yusurika, IMA Gallery)
Covermotiv © Yoshinori Mizutani, Yusurika, IMA Gallery

Sayoko wird von einem auf den anderen Moment gewaltsam aus ihrem bisherigen Leben gerissen, als ihr Geliebter Yôichi bei einem Autounfall stirbt. Sie selbst wird dabei schwer verletzt, überlebt aber. Als sie im Koma liegt, erscheint es ihr, als befinde sie sich in der Zwischenwelt von Diesseits und Jenseits. Ihr bereits verstorbener Großvater taucht auf und gibt ihr Ratschläge, wie sie mit ihrer Trauer umgehen kann, wenn sie wieder erwacht.
Nach ihrer Nahtoderfahrung kann Sayoko Geister sehen. Dadurch lernt sie auch Ataru und Shingaki kennen, die beide ebenfalls schwerwiegende Verluste erlitten haben, die sie noch immer schmerzen. Shingaki klärt sie über den ‚Nabel‘ auf, ihre Seele, die sie am Unfallsort zurückgelassen hat.
Mit ihren neuen Freundschaften versucht Sayoko in ihrem veränderten Leben wieder Fuß zu fassen und ihren Nabel wiederzufinden.

Am Ende blieb mir noch nicht einmal Groll oder Verbitterung – wem hätte ich einen Vorwurf machen sollen? Es war niemand mehr da. Sogar für Wut war es zu spät. Verdutzt blieb ich alleine zurück, in weißer Leere. 

Sanft führt Banana Yoshimoto 1 ihre Protagonistin und die Lesenden durch den Trauer- und letztendlich auch durch den Heilungsprozess von Sayoko. Vollgepackt mit Melancholie und Tiefsinnigkeit, ist Lebensgeister ein kurzer und auch kurzweiliger Roman, der trotz seiner Gemächlichkeit nicht langweilig wird. Im Gegenteil: das Werk strahlt eine Leichtigkeit aus, welche bei einem derart schwermütigen Thema nicht zu erwarten war.
Trotz der Ich-Perspektive wird eine gewisse Distanz zu Sayoko und der Welt gewahrt. So als würde man beim Lesen durch ihre Augen schauen, miterleben was sie fühlt und wie sie handelt, und zugleich abgekoppelt von ihr sein. Diese Distanziertheit wirkt besonders stark in einschneidenden Situationen, die kühl und abgeklärt beschrieben werden und dadurch fast schon surreal wirken. Trotzdem ist das Werk durchzogen von Positivität und Sanftmütigkeit, neigt jedoch niemals zum kitschigen oder gefühlsdusseligen.

Und nicht zuletzt hatte ich neue Freundschaften geknüpft – bisher zwar nur drei, und eine mit einem Geist! Während ich das alles Revue passieren ließ, dachte ich: ist doch gar nicht so übel, und mir wurde warm ums Herz.

Yoshimoto schrieb diesen feinfühligen Roman, um die Dreifachkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 2 zu verarbeiten und anderen Menschen Trost zu spenden. Diese Information und persönliche Note wurden jedoch nur im japanischen Original erwähnt, in der deutschen Ausgabe wurde sie leider nicht berücksichtigt.

Lebensgeister gilt somit nicht umsonst als Heilungsroman. Menschen, die selbst jemanden verloren haben, oder deren Existenz erschüttert wurde, können in diesem Buch vielleicht Trost finden und zusammen mit Sayoko ihren Nabel wiederfinden.


Wertung: 12/15 dpt

  • Autorin: Banana Yoshimoto
  • Titel: Lebensgeister
  • Originaltitel: Sweet Hereafter
  • Übersetzer: Thomas Eggenberg
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 160
  • ISBN: 978-3-257-30042-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Verwendete Fußnoten im Text:
  1. mit bürgerlichem Namen Mahoko Yoshimoto()
  2. Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe führten zu einem Super-GAU, welcher mit Tschernobyl gleichgesetzt wird()
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