Titane (Film, DVD/BluRay)


Titane – Film

Die junge Alexia ist mit ihrem Vater im Auto unterwegs. Der Mann am Steuer schweigt, Alexia langweilt sich und heischt um Aufmerksamkeit. Sie tritt gegen den Vordersitz, löst den Gurt – und wird vom Vater, schimpfend, beachtet. Derart abgelenkt kommt es zu einem Unfall, den Alexia nur schwerverletzt überlebt. Sie bekommt ein Titanplatte in den Schädel eingesetzt, eine dicke Narbe bleibt zurück und das Mädchen hat fortan ein erotisches Verhältnis zu Kraftfahrzeugen. Die Assimilation geht am Ende so weit, dass Alexia von einem metallenen Liebespartner schwanger wird.

Jahre später arbeitet die androgyne junge Frau als Gogo-Tänzerin. In einer Mischung aus Fabrikhalle und Großraumdiskothek schlängelt sie sich lasziv auf einem Cadillac mit Flammenmuster. Durch ihre aufreizende Art hat Alexia eine Menge vernarrter Fans.

Einer davon verfolgt sie bis auf den Parkplatz und gesteht ihr seine Liebe. Die folgende intensive Kussszene endet mit einer von Alexias Haarnadeln im Gehörgang des Stalkers. Der erste einer Reihe von Morden, die Alexia, einer Gottesanbeterin gleich, an Liebhaber*innen und potenziellen Zeugen begeht. Ihre Eltern lässt sie daheim mitsamt Hab und Gut verbrennen.

Fortan ist Alexia auf der Flucht vor der Polizei. Sie verkriecht sich, nach einer gewaltvollen Umwandlung, bei dem testosterongeschwängerten Feuerwehrhauptmann Vincent, gibt sich als sein lang vermisster Sohn aus. Vincent möchte die offensichtliche Lüge unbedingt glauben und adoptiert Alexia quasi. Kritische Nachfragen seiner Männer unterbindet Vincent kategorisch. In einer Art somnambulem Tanz taumeln die Beteiligten zwischen Feuer, Sex und Tod der Entbindung entgegen. Am Ende, nach schmerzvollem Kampf, erblickt ein Hybrid zwischen Mensch und Maschine das Licht der Welt.

Ob als kommender Messias oder Terminator bleibt offen. Von ferne grüßt “Eraserhead”.
Es verwundert nicht, dass im Zusammenhang mit “Titane” als erster Verweis gerne David Cronenbergs Verfilmung von James Graham Ballards Roman “Crash” erwähnt wird. Hier wie dort wird die Fetischisierung der Maschinenwelt explizit dargestellt. Doch waren bei Cronenberg Kraftfahrzeuge Mittel zum Zweck, obsessive Gelüste zwischen Körpermodifikation und Todessehnsucht auszuleben, gewinnt “Titane” der Mechanisierung einen mythischen Aspekt ab, der ein Lieblingsgefährt gar zum leiblichen Erzeuger eines Kindes mutieren lässt. Der menschliche Körper ist nur ein Behältnis, das die eigenen Begierden und Sehnsüchte umfängt und in gewünschte Areale überträgt.

Geschlechteridentität spielt kaum eine Rolle mehr, Alexia verwandelt sich in einem kurzen, aber schmerzvollen Prozess in einen jungen Mann. Androgyn, mit Mut zu Deformation überzeugend dargestellt von der nichtbinären Newcomerin Agathe Rousselle. Das Auge der Betrachter legt die gewählte Rolle fest. Der mit Steroiden vollgepumpte, todessehnsüchtige Kommandant Vincent (Schauspiel-Veteran Vincent Lindon in einer packenden Tour de Force), der seine Feuerwache gottgleich leitet (nicht umsonst wird Alexia heimlich als schwuler Jesus diskreditiert), bestimmt, was seine Untergebenen zu sehen und empfinden haben. Kritiker werden ausgemerzt. Der Rest tanzt ekstatisch auf einer ganz eigenen Messe, die nicht von ungefähr an den Massenbeschwörungs-Videoclip der niederländischen Band De Staat zu ihrem Song “Witch Doctor” erinnert.

“Titane” handelt auch von der Entfremdung aufgrund nicht vorhandener Kommunikation. Der frühe Autounfall passiert wegen Alexias provokativer Reaktion auf die schweigende Ignoranz ihres Vaters, später als Tänzerin auf dem Flammenwagen ist Alexia verbunden mit ihrem stählernen Tanzpartner, während begehrliche Blicke auf sie gerichtet sind. Wird diese Beziehung durch Annäherung aufgebrochen, kommt Gewalt ins Spiel. Die sich später verselbstständigt, bis sich die junge Frau als scheinbarer Angehöriger in die Obhut des traumatisierten Vincent begibt, der ebenfalls keine Kommunikation unter gleichwertigen Partnern mehr kennt.

War “Raw” sperrig und von spröder, graphischer Direktheit, steigert der körperbetonte, Sex, Body-Horror und Erotik nie voyeuristisch ausschlachtende, “Titane” dies sogar noch. Unbequem, stellenweise anstrengend und schmerzhaft ist “Titane” für viele Deutungen offen, selbst für negative, die das Werk als hohlen, ziellosen Oberflächenreiz interpretieren. Diese Vielschichtigkeit macht einen großen Reiz des Films aus.

Visuell ist Julia Ducournaus Film ein brillant fotografierter Neo-Noir, der seine Vorgänger vor allem im angloamerikanischen und französischen Kino der Achtziger und Neunziger besitzt. In Filmen wie William Friedkins “To Live And Die In L.A.” (“Leben und sterben in L.A.), Michael Manns “Thief” (“Der Einzelgänger”), “Poussière D’Ange” (“Engel aus Staub”) von Édouard Niermans, Jean Jacques Beineix‘ “Diva” oder “Street Of No Return” (“Straße ohne Wiederkehr”) von Samuel Fuller. Eine bestechende Nacht und Neon-Farbgestaltung statt monochromer Ödnis.

Passend dazu hat Jim Williams einen hervorragenden Soundtrack geschaffen, der den Cannes-Gewinner mit sakralen, elektronischen Klängen adäquat begleitet und in den Tanzszenen mit hämmernden Beats sowie im Abspann mit Future Islands auch songtechnisch brilliert. Deshalb ist zum Kauf des erweiterten Steelbooks dringend zu raten, da dies die Filmmusik auf CD beinhaltet.

Cover, Fotos © Koch-Media

  • Titel: Titane
  • Originaltitel: Titane
  • Produktionsland und -jahr: Frankreich, 2021
  • Genre: Drama, Arthouse, Body Horror, Thriller, Noir
  • Erschienen: 03.02.22
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    103 Minuten auf 1 DVD
    108 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller: Agathe Rousselle
    Vincent Lindon
    Garance Marillier
    Bertrand Bonello
  • Regie: Julia Ducournau
  • Drehbuch: Julia Ducournau
    Writing Consultants:
    Jacques Akchoti
    Simonetta Greggio
    Jean-Christophe Bouzy
  • Kamera: Ruben Impens
  • Schnitt: Jean-Christophe Bouzy
  • Musik: Jim Williams
  • Extras: Interview mit der Regisseurin & Interview mit Regisseurin und Hauptdarstellern, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9, 2,40:1
    Sprachen/Ton:
    D, F
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9, 2,40:1
    Sprachen/Ton: D, F
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeit


    Wertung: 11/15 dpt


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