Susanne Konrad – Camilles Schatten (Buch)


Als ihre Affäre mit einem verheirateten Kollegen endet, gerät die Klinikärztin Birgit Schindler in eine schwere persönliche Krise. Der private Verlust löst bei der jungen Frau eine Psychose aus, die sie von einem Tag auf den anderen aus ihrer „Normalität“ herauskatapultiert.

Autorin Susanne Konrad lässt ihre Leserschaft die Psychose aus Sicht der Betroffenen erleben. Konrad nutzt dafür die Ich-Perspektive. Das Erleben Birgits wird so zu einem Bericht aus erster Hand. Ebenso einfühlsam wie eindringlich inszeniert Konrad den Realitätsverlust ihrer Figur. Sie zeigt, wie sich Birgits gefühlte Realität von der Außenwelt abtrennt, wie sie verzweifelt versucht, neue Strukturen zu schaffen, um Halt zu finden, und dabei scheitert.

Ich muss hier weg. Im
Schlafzimmer reiße ich Schränke und Kommoden auf. Nur das Nötigste brauche ich
für meine Flucht, schweres Gepäck ist hinderlich. Eine Unterhose, einen BH, ein
Hemd (…) Das blaue Kleid zeigt an, dass ich von der Beziehung mit Olaf noch
ummantelt bin. Die Schlüssel darf ich nicht vergessen, mein Geld und meine
Papiere. Sie sind die Sicherheitsausstattung meiner Identität.
Es schneit noch immer. Aber der Asphalt bleibt schwarz. Ich muss mich auf meine
Intuition verlassen, wohin mein Weg mich führt. (…) Die Farben der Autos sind
mein Wegweiser. In dunklen Autos wohnt das Böse. Sie sind das Nein. Die hellen
Autos sind die positive Orientierung. (…) Ich verlasse mein Viertel, auf dem
ein Bann liegt, dessen Zentrum das Haus ist, in dem ich wohne. Aber ich darf
auch nicht vom Rand meines persönlichen Universums herunterfalllen. Zum Glück
tut sich eine weitere Orientierungshilfe auf. Im Scheinwerferlicht … kann ich
die Nummernschilder der Autos dechiffrieren. Ein Kennzeichen meiner Heimatstadt
ist positiv. Wenn ich der Leitlinie der Nummernschilder folge, bleibe ich in
der Atmosphäre des Gangbaren.

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Birgit wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, in der sie sich nur schwer zu Recht findet. Hier wird sie mit der Unmenschlichkeit eines Systems konfrontiert, das Menschen auf ihr Patientendasein reduziert. Trost findet Birgit in einem Buch über das Leben Camille Claudels, in deren Lebenslauf sie Parallelen zu ihrer eigenen persönlichen Situation entdeckt. Begleitet wird ihre Lektüre dieser Biografie von Halluzinationen, in deren Verlauf sie immer wieder Gespräche mit der berühmten Bildhauerin führt.

Konrad spiegelt die Geschichte ihrer Protagonistin mit der Biografie der berühmten Französin. In athmosphärisch dichten Bildern rekapituliert sie das tragische Leben der französischen Künstlerin, die an den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit litt und ebenfalls mit einer psychiatrischen Erkrankung reagierte.

Erst durch die Begegnung mit Emma, einer anderen Patientin, erlebt Birgit Akzeptanz auf Augenhöhe. Emma zeigt ihr, wie sie mit ihrer Krankheit umgehen kann, um den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden.

In ihrem Roman vermittelt Konrad mehrere Erkenntnisse: Eine psychische Erkrankung kann jeden und jede treffen. Daher ist es wichtig das Thema zu enttabuisieren. Das Stigma, das einer solchen Erkrankung anhaftet, verhindert meist allerdings den gleichberechtigten Umgang mit betroffenen Personen.

Sie wirbt darum, die Symptome der Erkrankung in die Behandlung miteinzubeziehen, die veränderte Wahrnehmung, mit der eine Psychose einhergeht, genauer zu betrachten. Denn ein Verstehen von innen heraus ebnet den Blick auf die Auslöser der Erkrankung, die es ebenfalls zu berücksichtigen gilt.

Susanne Konrad dokumentiert auf literarischem Weg den Verlauf einer Psychose, ohne diese zu romantisieren. Vielmehr geht es ihr darum, gängige Klischees aufzubrechen.

So wird Camille Claudel in vielen Darstellungen oft auf das Bild der liebeskranken, der vom Mann schmählich im Stich gelassenen Frau, reduziert. Konrad zeichnet mit dem Porträt der Künstlerin ein sehr viel komplexeres und vor allem gesellschaftskritisches Bild. Camille Claudels Leben und Leiden lässt sich eben nicht nur mit der gescheiterten Romanze zwischen der talentierten Schülerin und ihrem Lehrer erklären. Camilles Biografie ist vor allem definiert durch die gesellschaftlichen Zwänge, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts herrschten und denen man als Frau unterworfen war.

Auch Birgit, die moderne Protagonistin im Roman, hat mit zahlreichen Belastungen zu kämpfen. Ihre Loslösung vom romantischen „Liebes-Ideal“ geschieht nur zögernd doch unaufhaltsam.

Trotz des überschaubaren Umfangs von nur 148 Seiten gewährt Konrads Roman einen intensiven Blick auf ein komplexes Thema ohne durch Details zu überfordern. Ein wertvoller Beitrag, der einlädt, vorurteilsfrei nicht nur über das Thema psychische Erkrankungen zu sprechen sondern den Dialog mit den Betroffenen zu suchen.

  • Autorin: Susanne Konrad
  • Titel: Camilles Schatten
  • Verlag: DWG
  • Erschienen: Juni 2023 (2. Aufl.)
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 152 Seiten
  • ISBN: 978-3986500108

Wertung: 11/15 dpt


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