Hans-Peter Siebenhaar – Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF (Buch)

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Hans-Peter Siebenhaar - Die Nimmersatten - Die Wahrheit über das System ARD und ZDF

Während die Privatsender hart um Einschaltquoten kämpfen müssen, weil ihnen sonst bares Geld durch die Lappen geht, sind die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – aus insgesamt zweiundzwanzig Fernseh- und siebenundsechzig Radiosendern bestehend – nicht darauf angewiesen, ob der Zuschauer wirklich ihre Produktionen sieht, denn den Anstalten sind die Einnahmen sicher. Im Jahr 2011 zum Beispiel hat man weit über sieben Milliarden Euro von den Bundesbürgern kassiert – da sind die paar GEZ-Verweigerer bestenfalls eine Briefmarke aus der Portokasse wert und können ARD und ZDF sowie dem Deutschlandfunk völlig gleichgültig sein.

Ab 2013 wird jeder der über vierzig Millionen Haushalte monatlich 17,98 Euro an die euphemistisch in „ARD ZDF Deutschlandfunk Beitragsservice“ umbenannte Gebührenzentrale entrichten müssen, ganz gleich, ob im Haushalt ein rundfunkfähiges Gerät vorhanden ist oder nicht. PC, Fernseher, Radio, Handy, Tablet, das spielt nun alles keine Rolle mehr, denn das öffentlich-rechtliche Fernseh-Deutschland ab 2013 ist endgültig zum „Pay-TV unter Zwang“ mutiert. Ob man es nutzt oder nicht, ist irrelevant, denn mit der garantierten Grundsicherung, die die Sendeanstalten nun erhalten können diese nach Belieben schalten und walten. Aus der Kirche kann man austreten, Verträge kann man kündigen, doch der Geldschluckzentrale kann nun absolut niemand mehr entkommen. „Wir“ sind böswillig und extremst umgangssprachlich gesagt die, die das „Hartz IV für die Nimmersatten“ in den großen Topf werfen.

Der 1962 geborene Hans-Peter Siebenhaar, seit 2000 als Medienexperte beim „Handelsblatt“ aktiv, hat in den letzten Jahrzehnten genug gesehen und gehört, mit zahlreichen Fernsehfunktionären quer durch die Hierarchieverästelungen gesprochen (von denen einige aus Angst vor Repressalien nachvollziehbarerweise nicht namentlich genannt werden möchten), legt den Finger in die Wunde, nimmt das weltweit teuerste und am wenigsten effiziente Rundfunksystem gnadenlos auseinander und wirft dabei mit Zahlen um sich, dass dem Leser beinahe schwindlig wird – nicht nur aufgrund der Vielzahl der Zahlen, sondern auch aufgrund der Beträge, die jährlich verprasst werden. Liest man erst einmal, wie viel des vom Gebührenzahler gezahlten Geldes in die Fußball-Bundesliga, die Fußball-Europameisterschaften und -Weltmeisterschaften, die olympischen Spiele und zahlreiche andere große Sportevents investiert wird, zu denen oftmals mehr Personal als deutsche Sportler geschickt werden, gerät der Kreislauf schnell in Schwung.

Und während die Einschaltquoten, die manche Sendungen in den Digitalsendern wie ZDFneo, ZDF Kultur, EinsFestival oder den Dritten holen, für so manchen kleinen Privatsender den finanziellen Tod bedeuten würden, leben die Öffentlich-Rechtlichen weiterhin in einer Welt aus Luxus und realitätsferner Megalomanie und verpulvern Geld für Produktionen und Shows, die nahezu von niemandem gesehen werden – oftmals von einer nur fünfstelligen Anzahl an Zuschauern oder gar noch weniger. Und warum? Weil sie es können. Weitere Schwarze Löcher, in denen das Geld der Gebührenzahler verschwindet: Sinnfreie neue Studios und Umbauten, Mehrfachsendungen auf sämtlichen Dritten verteilt, gerne auch noch auf den Digitalkanälen. Kriminelle Machenschaften. Skandale. Unsummen für die zahlreichen Pensionäre. Gigantische Beträge für namhafte Fernsehlieblinge, die zudem noch Anteile an millionenschweren, einflussreichen Produktionsfirmen besitzen oder gar selbst ihr Gründer sind.

Obendrein zeigt Siebenhaar die viel zu starken Verflechtungen von Politik und den Öffentlich-Rechtlichen ineinander auf: so sitzen in manchen Rundfunkräten mehr als ein Viertel Politiker – im Bayrischen Rundfunkrat sind es zum Beispiel dreizehn von siebenundvierzig. Und es hat durchaus seinen Grund, weswegen in den inflationär ausgestrahlten Kuschel-Talkshows stets dieselben Gesichter aus CDU und SPD zu sehen sind und kaum ernsthaft kritische oder unbequeme Fragen gestellt werden. Kritisiert wird auch die teilweise wahrlich absurde Vorgehensweise im Internet – Stichwort „tagesschau“-App -, die Unsinnigkeit mancher Filmstudios, die Quasi-Nichteinhaltung des Bildungsauftrags, der Mangel an Innovation (stattdessen maue Kopien der Privaten), das Fehlen von Hollywood-Produktionen und den verschlafenen Generationenwechsel.

Bedenklich hierbei: Der Altersdurchschnitt der ARD-Zuschauer lag zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches bei sechzig, beim ZDF gar bei einundsechzig Jahren, und manche dritten Programme können sogar mit einem vierundsechzigjährigen Durchshnittspublikum „glänzen“. Anstatt eine klare Verjüngung zu forcieren, fallen ein paar zaghafte Versuche im Abendprogramm oder versteckt in den Dritten und den Digitalsendern wie Wasser auf den berühmten heißen Stein und finden so beinahe unbemerkt statt.

All das und noch deutlich mehr wird – mit umfangreicher Angabe sämtlicher Recherchequellen – analysiert, offengelegt, unter die Lupe genommen – und erfreulicherweise weiß Siebenhaar nicht nur vorzüglich zu schimpfen, sondern ist anhand seiner Kenntnisse und Erfahrungen in der Lage, sinnvolle Verbesserungsvorschläge auf den Tisch zu legen. Doch es darf bezweifelt werden, dass das System von ARD, ZDF und Deutschlandfunk aus seinem Wachkoma erwachen wird. Viel zu phlegmatisch, viel zu weltfremd, viel zu eingefahren ist der Medienmammut in all den Jahrzehnten geworden, und so kann man wie der Autor nur selbst aktiv werden und hoffen, dass die Masse etwas bewegen kann. Doch ohne jetzt allzu pessimistisch sein zu wollen: Auch die Masse ist äußerst träge, wenn es um Veränderung geht.

Hat man die über zweihundert Seiten hinter sich, dürften sich zornige und erstaunte Gesichtsausdrücke, Schnappatmung, kopfkratzendes Stirnrunzeln, Gebrabbel á la „Wahnsinn…“, „Nicht zu fassen!“ oder „Das kann doch nicht wahr sein… wie viel????“ wohl mehr als einmal als logische Reaktionen ereignet haben. Siebenhaar hat allerlei Gründe, sich zu beschweren, und er nimmt seine Leser wie bei einer Werksbesichtigung mit zu den Anstalten, in die Büros und zum Giftschrank. Schonungslos, ohne Blatt vor dem Mund. Er sticht in ein Wespennest, und es hat nach der Veröffentlichung dieses Werkes bereits lebhaft gebrummt – so gab es im Dezember 2012 sogar einen kurzzeitigen Verkaufsstopp, weil Siebenhaar ein inhaltlicher Fehler unterlaufen ist, den „Wetten, dass…?“-Moderator Markus Lanz hat schwärzen lassen.

Doch nicht alles, was in diesem Buch glänzt, ist Gold. Hinsichtlich des Lektorats  wurde hier und dort wohl etwas hektisch gearbeitet, und auch an der Struktur des 220-Seiters (wenn man den reinen Text als Maßstab heranzieht) hätte man noch einmal schrauben können, denn einige Nennungen von Fakten werden in „Die Nimmersatten“ unnötig häufig wiederholt – manche mehr als drei Mal. Was allerdings stark auf Kosten der Lesbarkeit geht, ist das Dauerfeuer an Zahlen – wäre es hier nicht sinnvoller gewesen, einen Großteil derselben in Tabellen- oder Diagrammform darzustellen? Man kann die Intention des Buches sowie Siebenhaars aufwändige und kompetente Recherchearbeit nur in höchsten Tönen loben, deren Ausarbeitung hingegen hätte deutlich besser und leserfreundlicher gestaltet werden können.

Nach der Lektüre weiß man die unzähligen Werbepausen in den Privatsendern, mit denen das Programm zu einem Großteil finanziert wird, ganz anders zu schätzen, ebenso die zahlreichen Televoting- und Verlosungs-Aufrufe, denn die Werbung kann man sich ansehen – muss aber nicht. Man kann fünfzig Cent investieren und für irgend etwas per Anruf oder SMS seine Stimme abgeben und eventuell sogar etwas dabei gewinnen – wird aber nicht gezwungen, es zu tun. Bei den Privaten herrscht ein knallharter Kampf um Geld und Quote, es muss mit Kalkül gehandelt werden, es muss gegebenenfalls auch mal etwas riskiert werden. Ob dies den Privatsendern qualitativ derzeit allzu sehr gelingt, kann man selbstverständlich in Frage stellen, doch ebenso muss man fragen: Machen es ARD und ZDF besser? Oder ist das meiste, was dort als Innovation verkauft wird, nicht ein müder Abklatsch von Formaten der Privatsender – wie zuletzt etwa „Das Ernste“, ein missglückter, erschreckend dilettantischer Versuch einer Mixtur aus „Switch reloaded“ (ProSieben) und der „Wochenshow“ (einst auf Sat.1), deren zugegebenermaßen etwas niveauvollerer Abklatsch namens „heute-Show“ auf ZDF ausgestrahlt wird. Eigene Ideen? Fehlanzeige.

Sicherlich läuft auf den Privaten eine Menge Trash. Gerichtsshows, gescriptete Dokus und Reality-Soaps, teilweise unerträgliche Castingshows, miese Serien aus Eigenproduktion, noch miesere Vorabendkrimis sind den meisten Zuschauern ein Graus – doch ebenso traut man sich an Blockbuster, an interessante US-Serien, an andersartige Spielshows und das ein oder andere ungewöhnliche Format heran. Es ist zwar selbst bei den Sendern der RTL Group sowie ProSiebenSat.1 Media AG durchaus eine gewisse Mutlosigkeit zu verzeichnen, aber leider gelingt es den öffentlich-rechtlichen Anstalten absolut nicht, ernstzunehmende Alternativen zu bieten. Wann hat der geneigte booknerds.de-Leser zuletzt einen aktuellen Blockbuster oder eine aktuelle US-Serie auf ARD oder ZDF zu sehen bekommen? Oder ein neues Format? Oder eine außergewöhnliche Spielshow?

Cover © Eichborn/Lübbe

  • Autor: Hans-Peter Siebenhaar
  • Titel: Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF
  • Verlag: Eichborn/Lübbe
  • Erschienen: 11/2912
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3-8479-0518-9

Wertung: 10/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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