Jake Hinkson – Die Tochter des Predigers (Buch)

Warum verschwand Peter Cutchin?

Lily Stevens ist Mitglied der Oneness-Kirche, Pfingstkirchler, die einem strengen Glauben leben und alles davon Abweichende grundheraus ablehnen. Man lebt in Conway, Arkansas und Lilys Vater David ist der Prediger der Gemeinde. Dies könnte sich jedoch in wenigen Tagen ändern, denn Schwester Brenda fordert hierüber eine Abstimmung, da es ja nicht sein könne, dass der Vater einer schwangeren, unverheirateten Frau weiterhin der Prediger sei.

Tatsächlich wollte die im fünften Monat schwangere Lily ihren Freund Peter Cutchin letzte Woche heiraten, aber zwei Tage vor der Hochzeit verschwand dieser spurlos. Seitdem hat ihn niemand mehr gehört oder gesehen, so dass sich Lily auf die Suche nach ihm macht. Während die Gemeinde sicher ist, er habe sie für ein anderes Mädchen sitzengelassen, ist Lily überzeugt, dass Peter sie liebt und außerdem möchte Lily nicht, dass der Vater ihretwegen seinen Job verliert. Die Familie ist so schon arm genug.

Da Schwester Brenda bei einer Versammlung noch eine mysteriöse Andeutung über ihre Mutter Peggy machte, stellen die achtzehnjährige Lily und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Adam diese zur Rede und erfahren, dass sie beide einen Onkel haben. Das Ergebnis einer Affäre von Peggys Vater vor über vierzig Jahren heißt Allen Woodson, wird von der Familie und Gemeinde nicht anerkannt, und arbeitet in einem Hotel namens Corinthian Inn, wo Peter bis zu seinem Verschwinden ebenfalls tätig war.

„Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben.“

„Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas. Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“

Lily bittet Allen um Hilfe und merkt schnell, dass etwas grundlegend falsch gelaufen sein muss. Der bekannte Kleinkriminelle Chance Berryman und der wesentlich gefährlichere Eli Buck sind nämlich ebenfalls auf der Suche nach Peter und greifen dabei auch zu gewalttägigen Methoden. Allen versucht Lily von den Beiden fernzuhalten, doch gleichzeitig erkennt er, dass er nicht mehr länger wegsehen darf. Im Corinthian Inn gibt es nämlich einen Anbau, in dem minderjährige Mädchen für den Zuhälter Eli arbeiten. Lily ist zu allem bereit, um endlich Klarheit zu haben und begibt sich in größte Gefahr.

Altes Thema in modernem Gewand

In seinem Nachwort verweist der Journalist Peter Henning auf den Roman „Die kleine Schwester“ von Raymond Chandler, dem wohl bekanntesten Beispiel für jene Kriminalromane, in denen zu oder vor Beginn ein Mensch plötzlich aus nicht bekannten Gründen verschwindet. In den frühen Hardboiled-Werken war dies ein bekanntes und wiederkehrendes Motiv. Der Ermittler, nicht selten ein Privatdetektiv wie Philip Marlowe, macht sich auf die Suche, stößt auf üble Gesellen und steckt mächtig Prügel ein, bevor er arg mitgenommen am Ende mehr oder weniger als Sieger vom Platz geht. Diese altbekannte Variante greift Jake Hinkson in „Die Tochter des Predigers“ auf und verpackt sie in ein modernes Gewand.

Peter verschwindet, niemand weiß warum, aber bald ist klar, er muss vor etwas Schlimmen auf der Flucht sein. Genaugenommen vor Eli Buck, der von Menschenhandel und Zwangsprostitution lebt und sinnbildlich für den berüchtigten White Trash steht (wenig Hirn, viele Waffen), der hier auf bigotte Sektenmitglieder trifft. Es ist dabei erstaunlich, wie aus der streng gläubigen Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden darf, eine derart mutige Frau wird, dass sie sich von niemand aufhalten lässt und dabei in eine Welt eintaucht, die ihre Gemeinde, den eigenen religiösen Wahn ignorierend, als die Hölle schlechthin ansieht. Selbst ihre Familie wird nicht eingeweiht, währenddessen Lily allein das heruntergekommene Bordell von Eli und dessen Partnerin aufsucht. Peter Henning nennt sie Donna Quichotte.

Scheiß drauf. Er kann Kerle nicht ausstehen, die Frauen schlagen. Ein Mann, der eine Frau schlägt, ist die mieseste Sorte von Mann. Bis vielleicht auf die Sorte Mann, die in einem Büro rumsitzt und nichts dagegen unternimmt.

Lily selber zweifelt an ihrem Glauben zunehmend, denn wenn nicht in ihrer verzweifelten Lage, wann dann, soll Gott sich ihr zeigen? Dumpfe Gewalt liegt oft in der Luft, wird aber meist nicht im Detail vorgeführt. Soll der Leser sich seine erschreckenden Bilder hierzu selber denken, ein bekannter Kniff des Horrorfilms. Hinkson erzählt ruhig und präzise, wechselt die Perspektiven zwischen den Protagonisten und lässt die eigentlich zuständigen Behörden wie State Police und FBI (letztere erstmals auf Seite 283 präsent) weitgehend außen vor. Sie könnten ja ein Teil des Problems sein, womit wir im aktuellen Amerika wären.

  • Autor: Jake Hinkson
  • Titel: Die Tochter des Predigers
  • Originaltitel: Find Him. Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger. Mit einem Nachwort von Peter Henning
  • Verlag: Polar
  • Umfang: 352 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktober 2025
  • ISBN: 978-3-910918-32-0
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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