Jean-Claude Izzo – Solea (Buch)

Mafia, Niedergang und grenzenloser Fatalismus

Solea
© Unionsverlag

Babette, engagierte Journalistin und einstige Geliebte von Fabio Montale, ist auf der Flucht, nachdem ihr Mann und zwei Freunde von der Mafia in Italien ermordet wurden. Derweil versucht Montale sein Leben – nun ja – zu genießen, was plötzlich sehr leicht zu sein scheint, als er eines Abends in einer Bar Bekanntschaft mit der gutaussehenden Sonia macht. Die Stimmung zwischen beiden ist sofort elektrisch aufgeladen, man endet daheim bei Montale, doch dieser kann sich dummerweise am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern, da er zu betrunken war. Immerhin möchte ihn Sonia an nächsten Abend wiedersehen, reagiert jedoch nicht auf seine Anrufe. Stattdessen erreicht Montale ein anonymer Anruf, der nur von der Mafia sein kann. Er solle Babette ausfindig machen und deren Aufenthaltsort verraten, andernfalls würden ihm nahestehende Menschen das Zeitliche segnen.

Montale begibt sich zu Sonias Wohnung, wo er bereits die Polizei vorfindet. Sonia wurde noch unter der Dusche die Kehle durchgeschnitten. Der Ernst der Lage ist Montale klar, doch wäre er nicht er selbst, wenn er nicht zu Alleingängen neigen würde, zumal er, der ehemalige Ermittler, den Glauben an die Polizei längst verloren hat. Kommissarin Hélène Pessayre scheint, wie einst Kommissar Loubet, eine Ausnahme zu sein, der man vertrauen kann, zumal sich Montale zu der attraktiven Frau, wie sollte es auch anders sein, hingezogen fühlt. Die Zeit drängt jedoch, denn schon bald stirbt ein weiterer Mensch aus Montales engstem Bekanntenkreis.

Das große Finale der Marseille-Trilogie

Keine Frage, die Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo, im Original zwischen 1995 und 1998 veröffentlicht, gehört in jede gute Krimibibliothek. Allerdings muss man ebenfalls festhalten, dass, bezogen auf den dritten Teil, ein hoher Spannungsbogen eher nicht der Grund hierfür ist. In „Solea“ ist der Ablauf recht vorhersehbar, allein die Frage, wer bereits vor dem letalen Finale ermordet wird, sorgt für leichte Spannung. Ansonsten treibt der Plot schnurgerade auf Montales letzten Kampf hinaus.

Ich hatte kein Vertrauen mehr in die Polizei. Die Rassisten und von der Mafia Bestochenen. Und die anderen, deren Moral einzig der Karriere diente. Loubet war eine Ausnahme. Polizisten wie ihn konnte man in jeder Stadt an einer Hand abzählen. Die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Unsere Polizei war genauso wie die gesamte Gesellschaft.

Bis dahin verfällt Izzo in seinen bekannten Erzählstil, was durchweg positiv zu verstehen ist. Die Stadt Marseille, seine geliebte Heimat, befindet sich unaufhaltsam im Niedergang. Doch dieses Mal spielt das Elend nicht in den nördlichen Vierteln, in denen die Ausländer („die Araber“), jeglicher Perspektive beraubt, leben, sondern geradezu mit europäischer Tragweite ab. Babette hat die letzten Jahre akribisch gegen die Mafia recherchiert und kann belegen, wie diese sich krakenhaft in Europa ausweitet. Izzo sah dies damals schon sehr klar voraus, was ihn von den meisten Politikern angenehm unterscheidet.

Neben den Geschäften und Einflüssen der Mafia gibt es natürlich Rückblicke auf die beiden ersten Teile, also auf das Leben seines ambivalenten Protagonisten, der erneut arg mit sich selbst beschäftigt ist. Schon in den beiden Vorgängern mussten zahlreiche enge Freunde die Bühne verlassen, da sie ermordet wurden. Viele sind nicht mehr übrig, was bleibt sind Unmengen an Alkohol und Zigaretten. Und dass es mit den Frauen im Leben von Montale nicht mehr klappen wird, bedarf auch keiner Erwähnung mehr.

Die Anthologie der Aktivitäten der Mafia auf dem neuesten Stand. Genug, um von Marseille bis Nizza alles hochgehen zu lassen.“
„So weit.“
„So weit, dass es Ihnen schwer fallen wird, wenn Sie sie gelesen haben, sich danach im Polizeihauptquartier in den Fluren aufzuhalten. Sie werden sich fragen, wer Ihnen in den Rücken schießen wird.

Schwermütig und deprimiert wie ein angeschlagener Boxer zieht Montale in das letzte Gefecht. Marseille ist nicht mehr zu retten, vielleicht aber er selber noch. Gleichwohl; Fatalismus wohin man sieht. „Solea“ ist ein Musikstück von Miles Davis und gleichzeitig eine schwermütige Volksweise aus Andalusien. Der Titel passt somit und neben gutem Essen, dafür muss immer Zeit sein, nimmt natürlich die Musik –neben der Literatur – einen ordentlichen Raum ein.

Kurzum: Gelungener Abschluss der legendären Marseille-Trilogie. Hut ab!

Es sei noch der Hinweis erlaubt – Achtung Schleichwerbung -, dass der Unionsverlag eine Gesamtausgabe herausgegeben hat, die alle drei Titel zu einem fairen Preis enthält. Im Anhang findet man auf fünf Seiten auch zusammengefasst, welche Musik Fabio Montale in den drei Geschichten hörte. Eine anregende Auswahl.

Die Marseille-Trilogie rezensiert: Total Cheops und Chourmo.

  • Autor: Jean-Claude Izzo
  • Titel: Solea
  • Originaltitel: Solea. Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Voullié
  • Verlag: Unionsverlag
  • Umfang: 224 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: 1998 in der Originalausgabe
  • ISBN: 978-3-293-20611-3
  • Produktseite


Wertung: 13/15 dpt

 


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