
Woher kommen unsere Ängste? Wie viel davon ist real? Mit seinem Roman „Meine Angst und unsere“ zieht Jochen Veit seine Leser:innen in eine sich schnell verdichtende, unheilvolle, phantastische Kulisse hinein, in der die Angst zum dominanten Mitspieler wird.
Michael wird gebeten auf Laura und Sven, die Kinder seines Bruders Marcus aufzupassen, solange dieser mit seiner Frau Lea auf einer Beerdigung weilt. So zieht Michael für ein Wochenende in das idyllische Familienhaus auf dem Land, während Marcus und Lea zu deren Eltern fahren, wo die Beisetzung von Leas Oma stattfindet.
Veit lässt uns die Story aus zwei Perspektiven erleben, mal ist es Michael, der im Mittelpunkt des Geschehens steht, mal ist es Lea. Es dauert nicht lange und aus den eigentlich unverfänglichen Ausgangssituationen entwickeln sich immer unbehaglicher werdende Szenarien. Das Haus, in dem Michael mit den Kindern auf die Rückkehr der Eltern wartet, wird zum Angriffsziel seltsamer unnatürlicher Phänomene. Auch Lea empfindet den Besuch bei ihrer Familie zunehmend als beunruhigend. Eltern und Bruder verhalten sich feindselig. Außerdem treibt sie die Sorge um, ihr Schwager Michael könne der Aufgabe nicht gewachsen sein. Denn – auch das erfahren wir – Michael hatte früher psychische Probleme.
Geschickt platziert Veit kleine Hinweise, um die Furcht seiner beiden Hauptakteure – Lea und Michael – anzuheizen, aber auch um bei seinem Lese-Publikum Spekulationen und Zweifel zu säen. Sehr detailiert schildert er die Bedrohungen, die auf sie einwirken. Und auch wenn die Ereignisse teilweise unrealistisch erscheinen, die Ängste, die sie auslösen, sind es nicht.
Doch wie zuverlässig sind die beiden in ihrer Wahrnehmung? Gibt es Grund zu der Annahme, dass sich da etwas verselbstständigt? Doch wieso sollte dies der Fall sein? Auch für diese Fragen erzeugt Veit einen gültigen Resonanzraum. Geschickt macht er die Spekulationsbereitschaft seiner Leser:innen zum Motor der Geschichte und er unternimmt alles, um diese anzufeuern.
Die räumliche Entfernung beider Handlungsorte hilft ihm dabei, zusätzliche Spannung zu erzeugen. Die wachsende Bedrohungslage an beiden Orten verbindet diese miteinander. Lea, die um die Sicherheit ihrer Kinder fürchtet, versucht nun um jeden Preis nach Hause zu kommen. Die Fahrt dorthin gerät zum unerwarteten Abenteuer…
Angst ist das zentrale Motiv. Angst, wie sie empfunden wird, Angst, wie sie erzeugt wird. Angst als Effekt bei der Lektüre. Veit spielt mit vertrauten Elementen, um die Leser:innen erzählerisch mitzureißen. Die Ängste, die er anstimmt, sind universell. Ihre Ursachen sind allgegenwärtig. So bleiben nach der Lektüre neben dem wohligen Schaudern durchaus eine gewisse Nachdenklichkeit und ein kritischer Blick auf aktuelles Zeitgeschehen zurück. Auch wenn es auf die Bewertung des Buches keinen Einfluss hat, Erwähnung finden soll es trotzdem: Das Cover, des im Karl Rauch Verlag erschienenen Romans, ist ein echter Blickfang und spiegelt das zentrale Thema künstlerisch perfekt.
- Autor: Jochen Veit
- Titel: Meine Angst und unsere
- Verlag: Karl Rauch Verlag
- Erschienen: Oktober 2025
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 200 Seiten
- ISBN: 978-3792002902

Wertung: 11/15 dpt







