
Wie viel Trost liegt im Erinnern? Wie viel Kraft ziehen wir aus der Liebe, auch wenn der Tod ein Leben beendet?
In Manuela Fuelles Roman „Wir kommen nach“ wird die Trauer der Ich-Erzählerin auf dem Weg zur Beerdigung der geliebten Schwiegermutter zur berührenden Geschichte einer generationenübergreifenden Freundschaft.
Heide ist tot und die Ich-Erzählerin soll nun auf der Gedenkfeier ein paar Sätze sagen. Doch der Schmerz ist groß und das Ringen um die richtigen Worte wird zum Ausgangspunkt eines umfangreichen inneren Monologs.
In ruhigen Tönen lässt Fuelle ihre Ich-Erzählerin die Vergangenheit rekapitulieren und reflektieren, selbstkritisch, ehrlich, ungeschönt. Sie verklärt nicht, lässt auch Bitterkeit, Wut und Bedauern zu. Die einfühlsame Sprache der Autorin verleiht dem Monolog einen ganz besonderen, unverwechselbaren Klang, der die Ergriffenheit der Trauernden in manchmal abbrechenden Sätzen widerspiegelt.
„Wenn wir geahnt hätten, dass dies irgendwann die
glücklichste Zeit unseres Lebens genannt werden würde, und zwar Jahre später
von uns selbst, dann hätten wir den ganzen Tag über gelächelt und uns geküsst
und umarmt. Aber hat ja niemand. Niemand von uns weiß in den glücklichsten
Stunden seines Lebens, dass er glücklich ist. Zeitgleich ist es nicht fassbar.
Insofern sind sich Glück und Unglück sehr ähnlich.“
Seite 67/68
Zwei Frauenleben werden vorgestellt. Die Leben der beiden Protagonistinnen sind geprägt durch ihre Gegensätze, wie z.B. dem Leben in der hektischen Großstadt Berlin mit Berufstätigkeit und Kind im Falle der Jüngeren und einem Hausfrauendasein nach unfreiwilliger Frühpensionierung in einer ruhigeren Umgebung im Falle der Älteren, aber auch durch den starken Zusammenhalt über diese Unterschiede hinweg.
Fuelle präsentiert uns zwei Lebensläufe, die auf dem ersten Blick sehr unterschiedlich sind, sich trotzdem immer wieder kreuzen, zwei Biografien, die geprägt sind durch voneinander abweichende Rollenbilder zweier Generationen, durch unterschiedliches Selbstverständnis und durch die Beziehungen zu ihren Männern: zu den Vätern, Lebenspartnern und Söhnen. Im Rückblick, der einen langen Zeitraum umfasst, wird die Autorin auch dem Werdegang der beiden Figuren gerecht, den verschiedenen Stationen ihrer Leben und ihrer persönlicher Entwicklungen.
Nachdenkliche Einschübe der Erzählstimme untermalen den Blick auf die Vergangenheit. Immer wieder kommt dabei die tiefe Zuneigung zum Vorschein, die die jüngere Zurückbleibende für die Verstorbene fühlt und die ihr von der älteren Mutter-Freundin geschenkt wurde.
Der Roman entfaltet sich still und besticht durch seine Tiefe, in der auch die Religiosität der Ich-Erzählerin einen Platz findet, jedoch niemals aufdringlich, sondern ausschließlich, um Trost anzubieten.
- Autorin: Manuela Fuelle
- Titel: Wir kommen nach
- Verlag: Stifter Verlag
- Erschienen: September 2025
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 268 Seiten
- ISBN: 978-3910227033

Wertung: 13/15 dpt








Hallo Frau Röder, vielen Dank für die Empfehlung. Eine Bitte und Korrektur habe ich: Die ältere Protagonistin mit dem Namen Heide ist im Buch Lehrerin, lebt in einer Stadt, war im Roman immer berufstätig und wird mit Ende 50 vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Den Rollenunterschied, berufstätige Frau versus Hausfrau, gibt es in diesem Roman eher nicht.
Hallo Frau Schwerin, das ist ein wichtiger Hinweis. Heide hat tatsächlich diesen biografischen Hintergrund und wird erst nach ihrer frühen Pensionierung zu dieser „Hausfrau“. Ihr Wohnort erschien mir im Vergleich zu Berlin als eher abgeschieden. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob es sich um eine Kleinstadt oder ein Dorf handelt. Aber ich habe Heides Umgebung als eher ländlich gelesen. Die Schwiegertochter erinnert besonders der fürsorglichen Heide, die für alle – und besonders für sie – da war. Ich werde diesen Punkt entsprechend anpassen. Vielen Dank für die wichtige Ergänzung.