Tolles Duo: Ein Totengräber und ein Piefke

Wien. Oktober 1893. Eigentlich will sich Leopold von Herzfeldt an einem Sonntagabend nur schon mal seinen neuen Arbeitsplatz in der Polizeidirektion am Schottenring einrichten, da erfährt er von einem Mordfall am Prater. Mit seinem privaten Fotoapparat eilt er den neuen, noch unbekannten Kollegen zur Hilfe und macht sich gleich einmal mit seiner Besserwisserei unbeliebt. Das Opfer ist eine junge Frau, der Kleidung nach ein Dienstmädchen, in deren Vagina ein dreißig Zentimeter langer Holzpfahl steckt, den die Kollegen Paul Leinkirchner und Erich Loibl wohl übersehen hätten. Vor allem Leinkirchner macht Leo Probleme, denn dieser hält nichts von modernen Methoden. Außerdem hat Leo jüdische Vorfahren, was es dem „Judenfresser“ Leinkirchner, ein Antisemit, einfach macht, den neuen Kollegen fortan zu schneiden.
Der Friedhof platzte wirklich aus allen Nähten, ebenso wie die Stadt Wien selbst – und ebenso wie in Wien waren die Reichen und die Armen hier auf dem Friedhof fein säuberlich getrennt.
Bereits am nächsten Tag verurteilt Polizeipräsident Leos vorschnelles Eingreifen und wirft ihm zudem unkollegiales Verhalten vor. Er wird vom Fall des Pfahlmörders abgezogen und soll stattdessen den Selbstmord durch Erhängen von Bernhard Strauss, einem Halbbruder des Walzerkönigs, untersuchen. Doch was gibt es da zu untersuchen? Auf dem Zentralfriedhof lernt Leo den skurril wirkenden Totengräber Augustin Rothmayer kennen, der sich mit Leichen bestens auskennt und gerade einen „Almanach für Totengräber“ schreibt. Er weist Leo darauf hin, dass der tote Strauss unter seinen Fingernägeln Holzsplitter hat, die vom eigenen Sarg stammen.
„Zum Glück ist noch nicht Sommer. Im Sommer riechen sie mehr, da muss man schnell sein.“
„Wie viele Beerdigungen gibt es denn hier so am Tag?“
„So um die siebzig, mal mehr, mal weniger.“
„Siebzig Tote jeden Tag?“
„Das hier ist der größte Friedhof Europas, Herr Inspektor. Sie stiefeln auf den Gebeinen von über einer halben Millionen Toten.“
Wenig später überschlagen sich die Ereignisse dramatisch. Der Pfahlmörder hat sein zweites Opfer, erneut im Prater, gefunden und in der Gerichtsmedizin stellt Professor Hofmann fest, dass Strauss mit Morphium vergiftet wurde. Leo soll mit Leinkirchner zusammenarbeiten und den Frauenmörder finden, doch dann verschwinden Leos erste Beweismittel und die Leiche von Strauss verliert buchstäblich ihren Kopf. Lange tappt Leo im Dunkeln, erhält immer wieder Hinweise von Augustin und später auf einen ominösen Schwarzen Walzer, der in die Abgründe der höchsten Kreise führt.
Auftakt der Leopold-von-Herzfeldt-Reihe
Dank der „Henkerstochter-Saga“ dürfte Oliver Pötzsch zahlreichen Leserinnen und Lesern bekannt sein und startete mit dem vorliegenden Buch seine „Totengräber“-Reihe, deren inzwischen vierter Band „Der Totengräber und die Pratermorde“ im Juni 2025 erschienen ist. Die Serie lebt vor allem von dem ungleichen Duo namens Leo und Augustin.
„Das klingt ziemlich, nun ja … pessimistisch, finden Sie nicht?“
„Totengräber sind nicht für ihren Optimismus bekannt. Wenn Sie jubeln oder feiern wollen, gehen S‘ zu einer Hebamme.“
Hier der hochdeutsch sprechende Piefke aus Graz, der sich im Gegensatz zu seinen neuen Kollegen mit modernsten Polizeimethoden auskennt, dort der kauzige Totengräber, der mehr als ein Geheimnis trägt. Leo stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, musste seine Heimatstadt jedoch aufgrund eines grässlichen Vorfalls verlassen. Von Augustins erfährt man immerhin, dass er sich mit den Toten bestens auskennt und dass er hervorragend Geige spielt. Als Augustin auf dem Friedhof die traumatisierte zwölfjährige Anna einsam an einem Grab vorfindet, nimmt er sich ihrer an, derweil Leo der hübschen Julia Wolf, eine Telefonistin bei der Polizei, zu nahekommt, weswegen beide ihre Arbeit verlieren. Zu dritt decken Leo, Augustin und Julia einen Skandal auf, in dem es – passend zu Wien – um Walzer geht, allerdings um „Schwarze Walzer“, welche sich als widerwärtige Sexorgien entpuppen.
Der Tod von Bernhard Strauss, der aus der Beziehung von Johann Strauss (Vater) und der Modistin Emilie Trampusch hervorgegangen sein soll, birgt ebenfalls Überraschungen auf. Die vorgenannte, kinderreiche Beziehung gab es bekanntlich, allerdings keinen daraus resultierenden Sohn namens Bernhard. Dennoch drängt sich der Bezug zur Walzermusik natürlich auf, wobei Oliver Pötzsch ohnehin viel Wert auf die Kulisse legt. Die Stadt Wien im ausgehenden 19. Jahrhundert wird bildreich und lebendig beschrieben, ebenso damalige Fortschritte wie beispielsweise das Aufkommen von Fahrrädern oder „modernen“ polizeilichen Ermittlungsmethoden wie die Tatortfotografie.
„Kriminalistik, ha! Als könnte Wissenschaft jemals die Erfahrung langjähriger Polizeiarbeit wettmachen!“
Der Krimiplot ist durchgehend spannend und birgt am Ende mit einigen Überraschungen auf. Nicht zuletzt sorgen zudem die Auszüge aus Augustins „Almanach für Totengräber“ für morbide Unterhaltung. Aber ob es am Ende tatsächlich Vampire oder Wiedergänger gibt, denen der Pfahlmörder den Kampf angesagt hat?
Autor: Oliver Pötzsch
Titel: Das Buch des Totengräbers
Verlag: Ullstein
Umfang: 448 Seiten
Einband: Taschenbuch
Erschienen: Mai 2021
ISBN: 978-3-86493-166-6

Wertung: 12/15 dpt







