Anne Stern – Die weiße Nacht (Buch)

Auftakt der Lou-und-König-Reihe

Es ist Mitte Dezember 1946 in Berlin. Weihnachten steht vor der Tür, dabei wären die meisten Menschen schon froh, wenn sie etwas zu essen hätten. Oder ein anständiges Dach über dem Kopf. Es fehlt an allem, selbst an Uniformen für die Polizei, von Dienstfahrzeugen gar nicht erst zu reden. Im neuen Polizeipräsidium Elsässer Straße in Mitte, zuvor war es ein Krankenhaus, arbeitet Kriminalkommissar Alfred König im russischen Sektor für die Mordkommission. Die Arbeitsbedingungen sind gut anderthalb Jahre nach Kriegsende verheerend, genauso wie der Zustand der gesamten Stadt. Gemeinsam mit Inspektor Trautwein wird König zu einem neuen Einsatz gerufen, denn in der Nähe des Blücherparks in Kreuzfeld, die Kriminalpolizei arbeitet sektorenübergreifend, wurde eine Frauenleiche gefunden.

Marielouise „Lou“ Faber versucht sich als Fotografin über Wasser zu halten und fotografiert zudem gerne die Ruinen zerstörter Häuser. In einer solchen fand sie jene Frauenleiche, die sie fotografierte bevor die Polizei eintraf. König sieht die Kamera, doch Lou gibt ihm nur einen leeren Film, was natürlich nicht unentdeckt bleibt, zumal die späteren Bilder des Polizeifotografen wegen falscher Belichtung unbrauchbar sind. Es dauert eine gewisse Zeit bis sich herausstellt, dass die erwürgte und zuvor betäubte Frau, deren Leichnam mit gefalteten Händen inszeniert wurde, identifiziert ist. Es handelt sich um eine Kellnerin namens Marianne Melzer, die auch Kontakt zu ausländischen Männern suchte.

Wenig später meldet sich die Kriminalinspektion E, zuständig für Einbruch und Raub, bei König, denn dessen Bericht machte einen Kollegen stutzig. Am 28. November wurde die Leiche der einundzwanzigjährigen Sängerin Judith Zielinski gefunden, deren Fall als Raubmord eingestuft und von dem damals zuständigen und inzwischen nicht mehr im Dienst befindlichen Beamten nicht weiterverfolgt wurde. Zielinskis Hände waren ebenfalls auf ihrem Bauch gefaltet und die junge Frau suchte Männerbekanntschaft. König und Trautwein vermuten zunächst, der Mörder könnte ein Heiratsschwindler sein. Doch warum Mord und warum werden die Leichen so abgelegt, dass sie schnell gefunden werden? Die Zeit drängt, denn König vermutet, dass der Mörder spätestens an Heiligabend erneut zuschlagen wird.

Was hast Du während des Krieges getan?

Anne Stern ist durch ihre „Fräulein-Gold-Saga“ einem breiten Publikum bekannt und startet mit dem vorliegenden Roman „Die weiße Nacht“ eine neue Serie, in deren Fokus zwei sehr unterschiedliche Protagonisten stehen, die gleichwohl eines gemein haben. König wiedersetzte sich einem Einsatzbefehl, was ihn 1943 bis Kriegsende in das Zuchthaus Görden führte, wo er sein linkes Auge verlor. Lou verteilte Flugblätter gegen Hitler, was einige ihrer Freunde das Leben kostete. Was aus ihrem Mann Emil wurde, weiß sie bis heute nicht. Immerhin, beide haben nicht bis zuletzt mitgemacht, um dann, wie die meisten, kurz nach Kriegsende die Seiten zu wechseln als wäre nie etwas geschehen. Auch davon erzählt der Roman, denn die Frage, was man eigentlich im Dritten Reich getan oder vielmehr verbrochen hat, ist durchaus prägend für den weiteren Verlauf. So führt, wenig überraschend, die letztlich entscheidende Spur nicht zu einem Heiratsschwindler, sondern einem großen und bis dato wenig beachteten Verbrechen während der Nazizeit.

„Die weiße Nacht“ wird in sehr ruhigem Tonfall erzählt, der Autorin sind Realismus und Atmosphäre wichtiger als jedwede Action. Selbst die Ermittlung verläuft äußerst verhalten, es fehlen ja nicht nur die polizeilich notwendigen Arbeitsmittel, sondern vor allem konkrete Hinweise und Spuren. Die katastrophale Situation nach Kriegsende wurde schon in etlichen Kriminalromanen thematisiert, gleichwohl bietet Anne Sterns Roman eine fundierte Grundlage, sich dieses Sujets erneut anzunehmen. Die Kälte und die Not im Hungerwinter 1946 sind fast körperlich spürbar und bedrückend, während die Spannung bezüglich der Täterfrage in gewohnten Bahnen verläuft. Schnell hat man sich auf einen vermeintlichen Mörder festgelegt, bevor es dann, wenig überraschend, anders kommt. Wobei, Entschuldigung für das kleine Wortspiel, überraschend ist die Überraschung dann doch, denn die Autorin hat sich hier einen selten gesehenen Clou einfallen lassen.

Lou und König laufen sich während des Falls mehrmals über den Weg und Lou, die verständlicherweise kein gutes Bild von der Polizei hat, erkennt, dass es zwischen ihnen etwas Verbindendes gibt. Während viele befragte Personen lieber nicht antworten, denn die Polizisten seien ja jene wie früher, man sieht es doch in Nürnberg, wo ranghohe Nazis freigesprochen wurden, findet Lou langsam Zutrauen in den Ermittler mit der Augenklappe. Beste Voraussetzungen also für eine Fortsetzung, die es geben „muss“, denn gleich mehrere Fragen bleiben offen. Was wurde aus Emil? Was hat es mit den beiden Jugendlichen Justus und Gerti auf sich, die auf dem Schwarzmarkt ihr Glück versuchen und wer, bitte schön, ist Gregor? Gregor sitzt gefangen in einem russischen Lager, weil er von einem Freund verraten wurde. Immerhin, so viel erfährt man. Lassen wir uns überraschen, wie es weitergeht. Der Start ist äußerst vielversprechend.

  • Autorin: Anne Stern
  • Titel: Die weiße Nacht
  • Verlag: Piper
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Januar 2026
  • ISBN: 978-3-492-07461-2
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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