Benjamin Wood – Der Krabbenfischer (Buch)

Thomas Flett ist Krabbenfischer in den 60er Jahren, an der englischen Küste. Kein moderner, der mit Motorschleppern die Krabben einsammelt. Thomas arbeitet mit Muskelkraft und einem Pferd, das stoisch sein Arbeitsleben absolviert und abends in den Unterstand gestellt wird. „Das Pferd draußen scheint ganz zufrieden in seinem Unterschlupf, hat aber keine Wahl – das Tier und er gleichen sich mehr, als es den Anschein hat.“ In seinem Innersten träumt Thomas davon, mit seiner Gitarre im Pub aufzutreten und zu singen. Und davon, die Schwester seines besten Freundes nicht nur aus der Ferne anzuschwärmen. Selbst diese kleinen Träume scheinen unerfüllbar in seinem Leben, das von den Niedrigwassern und der Armut strukturiert wird. Bis eines Tages ein quirliger, selbstsicherer Amerikaner in dem kleinen Häuschen von Thomas und seiner Mutter auftaucht und den 20-Jährigen als Unterstützung für einen Filmdreh buchen will. 

Den aussterbenden Beruf des Krabbenfischers hat Thomas von seinem Großvater übernommen, der ihn nach einem Schlaganfall als Hilfe benötigte und den 14-Jährigen aus der Schule nahm. Der Vater – verstorben, sagt Thomas‘ Mutter, die als junges Mädchen von dem älteren Lehrer schwanger wurde. Hübsch ist sie, wenn auch schon verbraucht mit gerade erst mal 36 Jahren und bei den Nachbarn nicht gut angesehen. Die Chancen, aus dieser Arbeiterklasse jemals herauszukommen, stehen bei Null. Das weiß auch Thomas und so gestattet er sich auch nur sehr kleine Träume, umgeben von der tristen Realität. Benjamin Wood erzählt die Geschichte so ruhig und bedächtig, dass man beim schnellen Lesen verpassen könnte, wie schön und wie tiefsinnig erzählt wird. Und wie in fast jedem Satz so viel Stimmung mitschwingt, für die andere Autoren gleich mehrere Sätze bräuchten.

Es ist keine Unausweichlichkeit, die ihn an das Dasein als Krabbenfischer bindet, ein stetes Einkommen könnte er auch anderweitig erwerben, und er lebt es auch nicht als sentimentale Geste dem Mann gegenüber, der ihn großgezogen hat. Nein, da ist etwas viel Grundsätzlicheres, Einfacheres, aber er kann es nicht klar genug benennen, um es zu verstehen. Es gibt eine Art Schwerkraft, die ihn hier hält, eindeutig, obwohl er auch sich an den meisten Tagen danach sehnt, frei von ihr zu sein.S. 124

Ständig ist es nass, die Kleidung wird schon gar nicht mehr trocken, die eingewachsenen Zehennägel schmerzen, selbst die Küchenuhr tickt wie ein tropfender Wasserhahn. Und das Wetter – schon beim Lesen wird einem kalt und klamm, wenn sich Thomas wieder für die nächste Schicht am Wasser bereit macht. Nebel schleicht sich aus dem Nichts heran, Böen mit erbsengroßen Hagelkörnern wehen, der Himmel ist düster, als zöge ein Gewitter heran, wenn der Nieselregen aufhört, dann nur, um einem dichten Regenschleier zu weichen. Das Wetter und die Landschaft sind nicht nur dramatischer Hintergrund, sondern spielen gleichberechtigt mit. Der Regisseur Edgar Acheson ist fast schon wie ein Lichtstrahl, der in Thomas‘ düstere und statische Welt scheint.

Mr. Acheson ist kaum mehr als ein Fremder, doch er hofft bereits, dass sich da eine Freundschaft entwickelt.S. 79

Schon am selben Abend will der Regisseur mit Thomas an den Strand von Longferry, um nach den richtigen Drehorten zu suchen. Alleine diese Szenen, in denen die beiden mit Pferd und Karren im Nebel unterwegs sind, das Meer wie ein unsichtbares, gefährliches Tier im Nebel lauert und die Senklöcher im Sand, die schon ganze Pferde im Treibsand langsam haben versinken lassen, eine unsichtbare Gefahr sind – diese Szenen sind so mythisch und schaurig, dass der ruhig und bedächtig erzählte Roman zum Pageturner wird. Wohin die Geschichte geht? Das lässt sich einfach nicht vorausahnen. Werden die beiden an der Küste umkommen? Oder werden die Dreharbeiten die Fletts aus der Armut befreien? Kann Thomas sich aus seinem einengenden Leben befreien? Irgendwie wünscht man Thomas endlich etwas mehr Glück in seinem Leben, denn verdient hätte er es.

„Der Krabbenfischer“ stand auch auf der Longlist für den englischen Booker Prize – als „fesselndes Porträt eines jungen Mannes, der durch seine Klasse und die Geister der Vergangenheit seiner Familie eingeschränkt ist und von künstlerischer Erfüllung träumt“. Gewonnen hat ein anderer den Preis, aber das so ein stiller Roman für die Longlist ausgewählt wurde, ist eine Bestätigung dafür, wie fein und intensiv die gerade einmal 224 Seiten lange Geschichte ist.

Fazit:

Benjamin Woods „Der Krabbenfischer“ ist eine emotionale Gratwanderung zwischen Resignation und Hoffnung im Zeitraum von anderthalb Tagen und kein Buch, in dem das äußere Geschehen im Mittelpunkt steht. Der Roman ist vielmehr ein echter „Slowburner“, der poetisch und intensiv ist und die Lesenden in Thomas Fletts Welt zieht. So nah, dass man fast schon mit Thomas in denselben klammen Klamotten steckt und hofft, einmal im Pub ein eigenes Lied zu singen.

Wertung: 14/15 dpt

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