Hannah Lühmann – Heimat (Buch)

Jana ist mit Noah und ihren beiden kleinen Kindern Louis und Ella aufs Land gezogen. Neubausiedlung mit KI-gesteuerter Straßenbeleuchtung, Spielplätzen, Kita, Supermarkt, Parkplätzen. Alles picobello, alles gut durchgeplant. Allerdings: „Was vielversprechend geklungen hatte, stellte sich mehr und mehr als ein Albtraum der Spießigkeit und Langeweile heraus.“ Die 39-Jährige, die mit ihrem dritten Kind eher ungeplant schwanger ist, hat ihren Job gekündigt, als man dort auf die Schwangerschaft nicht begeistert reagierte. Noah arbeitet als Lehrer in der Stadt, pendelt und bringt sich nicht immer so in die Familie ein, wie Jana sich geteilte Care-Arbeit vorstellt. Jetzt sitzt sie schwanger im Neubaugebiet, zwar mit mehr Zeit für sich, weil die Kinder in die Kita gehen, aber ohne Freund:innen und Beschäftigung. Damit ist sie mehr als empfänglich für Karolin, die sie im Café anspricht und in ihren Freundinnenkreis einführt.

Was nicht auf Anhieb erkennbar ist: Karolin ist eine „Tradwife“ („Traditional Wife“), eine Ehefrau, die sich konservativen Werten verschrieben hat, die in ihrer Ehe mit ganz klaren Rollenverteilungen lebt und die sich ausschließlich als Mutter und Ehefrau selbstverwirklicht. Auf das Phänomen der „Tradwives“ für ihren Roman „Heimat“ ist Autorin Hannah Lühmann über die Sozialen Medien gestoßen. Dort führen die Tradwives Kanäle, auf denen sie ihren Lebensstil romantisieren, in Perfektion darstellen und für dieses Weltbild werben. Ihr gesamter Lebensinhalt dreht sich scheinbar ausschließlich um den Haushalt, das Bestreben, dem Ehemann zu gefallen, und der Versorgung meist vieler Kinder. Dass das natürlich nur funktioniert, wenn genügend Geld da ist, und diese Frauen oft sehr erfolgreich im Online-Business agieren, wird bei all der ästhetisch anmutenden Vermittlung schnell übersehen.

In Karos Welt gab es überhaupt nichts, das sich nicht durch einen Aufenthalt im Wald oder eine Apfeltarte klären ließ. Jana spürte eine große Sehnsucht in sich.S. 96

Schon bald freut sich Jana über die Vorteile, die die Freundschaft mit Karolin bringen: Sie wird integriert, die Frauen helfen sich loyal untereinander, die Kinder können miteinander spielen. Gerade Karolin wird von ihr regelrecht verehrt, weil diese ihr Leben – im Gegensatz zu Jana – so mühelos im Griff hat und auf Instagram ein wunderschönes Leben zeigt. Die etwas seltsamen Verhaltensweisen, Botschaften und Werte der neuen Freundinnen irritieren Jana zwar, doch vieles ignoriert sie einfach, um die gewonnenen Freundschaften nicht zu verlieren. Kinder sollten nicht in die Kita, in der sie angeblich von den Eltern entfremdet werden, einen Beruf muss eine Frau nicht haben, um sich zu verwirklichen, der Mann ist das Oberhaupt und entscheidet – das alles schafft eine sich immer wieder selbst bestätigende Bubble. Auch Jana lässt sich von dieser Bubble einlullen.

Jana war froh, dass sie nicht mehr in die Stadt fahren musste, diese Art des Umgangs wollte sie nicht in ihrem Leben haben. Sie versuchte, die Nachrichten, soweit es ging, zu ignorieren.S. 148

Jana und auch der Roman bleiben über lange Strecken ambivalent: Einiges an dieser konservativen Lebensweise ist ja durchaus positiv – Karolins Kinder haben viele Freiheiten beim Spielen in der Natur und wirken viel ausgeglichener. Die Frauen bilden eine Gemeinschaft, in der gegenseitige Hilfe selbstverständlich ist. Die Nähe der Freundinnen zur AfD und der Einsatz gegen eine Asylantenunterkunft tauchen hingegen nur am Rande auf und werden von Jana fast komplett ausgeblendet und nicht angesprochen. Unperfektheiten scheint es aber auch bei Karolin und ihrem Mann Clemens zu geben, denn Jana befürchtet zwischendurch, dass es zu Gewalt in der Beziehung kommt. Karolins Sohn aus einer Beziehung vor Clemens scheint sich in seiner eigenen Familie auch nicht so richtig wohlzufühlen.

Vieles bleibt sehr unklar und wird nicht ausformuliert. Die Gedanken und Motive der anderen Protagonisten finden im Roman keinen Platz. Warum taucht Karolin mehrere Tage ab und ist nicht mehr erreichbar? Wo verbringt Noah eigentlich seine Zeit, wenn er nach der Schule nicht direkt nach Hause kommt? Wie steht zum Beispiel Becci, die immer mal wieder widersprüchliche Meinungen zu den traditionellen Dogmen äußert, zu Karolin? Manchmal deuten die Frauen gegenüber Jana auch etwas über Karolin an, was diese aber gar nicht zuordnen kann. Das mag einem als Lesendem manchmal oberflächlich und lückenhaft vorkommen, aber die Autorin bleibt einfach konsequent bei ihrer Hauptfigur Jana und deren Wahrnehmung. So bleibt manches Rätselhafte einfach unaufgelöst. Selbst das Ende des Romans kommt etwas überraschend und lässt einen mit Fragen zurück.

Fazit:

Hannah Lühmann hat sich für „Heimat“ ein sehr spannendes und aktuelles Thema gesucht und recherchiert. Die „Tradwives“, die Rolle der Frau und auch die stille und harmlos wirkende Annäherung an die AfD – bis zu welcher Grenze sind Werte und Einstellungen noch vertretbar und akzeptabel, wo ist der Punkt, an dem man aufwachen sollte, und wo liegt die Verführung und die Manipulation durch sehr traditionelle und kompromisslose Werte? Das Buch hätte gerne noch 50 bis 100 Seiten mehr haben können, um mehr in die Tiefe zu gehen. Allerdings wirft auch diese luftige und manchmal ambivalente Erzählweise gerade wichtige Fragen auf, die jeder mal selbst durchdenken sollte.

Wertung: 12/15 dpt

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