Die Artus-Sage diente schon für viele große Fantasywerke als Inspiration, mit „The Bright Sword“ hat Grossman sich jedoch nicht nur inspirieren lassen, sondern die komplette Sage neu interpretiert. Und das, laut der Blurbs von anderen Bestseller-Autor*innen wie George R. R. Martin und Rebecca Yarros, so gut, dass sie deutlich hervorsticht.

Bevor ich hier meine Meinung dazu mitteile, muss ich sagen, dass ich keine der verschiedenen Artus-Sagen gelesen und auch keinen der Filme gesehen habe, beim Lesen von „The Bright Sword“ aber immer wieder das Gefühl hatte, dass mir etwas entgeht. Ich bin dazu übergegangen die Figuren, sobald sie eingeführt wurden, zu googeln, aber ich fürchte, Grossman hat ein Buch geschrieben, das zumindest ein wenig Vorwissen voraussetzt, um es wirklich wertschätzen zu können.
Die Haupthandlung des Buches setzt nach König Artus Tod an. Callum von den Hinterinseln weiß noch nicht, dass sein großes Idol nicht mehr unter den Lebenden weilt und macht sich auf nach Camelot, mit dem verwegenen Ziel, in die berühmte Tafelrunde aufgenommen zu werden. Als er dort ankommt, ist von dieser jedoch nicht mehr viel übrig – die Helden sind alle gefallen, übrig geblieben sind nur noch die Underdogs, die, die in den Sagen oft eher als Begleitwerk dienen. Und da Artus keinen Erben hinterlassen hat, liegt es nun an dieser bunt gemischten Truppe, Camelot und Britannien wieder aufzubauen.
„Wo willst du hin?“
„Mein Glück suchen.“„Was für Glück?“
„Naja, das weiß ich doch erst, wenn ich es gefunden habe. Vielleicht werde ich ein Ritter.“
Der Aufbau der Geschichte ist ungewöhnlich. Anstatt die unterschiedlichen Charaktere im Rahmen der Haupthandlung einzuführen, widmet er jedem von ihnen ein eigenes Kapitel (manchmal auch zwei oder drei) und erzählt, wie diese zur Tafelrunde stießen. Innerhalb dieser Kapitel geschieht auch die hauptsächliche Neuinterpretation, denn Grossman stellt Camelot auf den Kopf und diversifiziert es. Die Protagonist*innen dieses Buches sind nicht nur königstreu, sondern schwul und heimlich in Artus verliebt; sie sind depressiv; erfahren Rassismus; fangen an zu stottern, wenn sie vor Menschen sprechen müssen; sie sind transsexuell; wehren sich gegen patriarchale Strukturen und Übergriffe und hadern mit ihrem Gottesglauben. Andersherum sind die uns bekannten Helden eigentlich doch keine, sondern vergewaltigen, morden und intrigieren – echte Antagonisten also, ohne moralische Grauzonen, während die eigentlichen Antagonist*innen Seiten zeigen, durch die man ihr Handeln deutlich besser nachvollziehen kann.
„Eines Tages wirst du erkennen, dass es ein Fehler ist, ein Imperium zu lieben oder einen Thron oder eine Krone, weil diese Dinge keine Liebe geben können. Sie können nur sterben.“
Die Neuinterpretation an sich gefällt mir sehr gut. Was mir aber leider gar nicht zugesagt hat, war die Umsetzung. Die Artussage basiert viel auf göttlichen Wundern. Diese haben es oft an sich, dass die Lösung eines Problems sich nicht logisch (innerhalb der Grenzen des Worldbuilduings) herleiten lässt, sondern dass plötzlich und ohne Erklärung etwas passiert – einfach weil Gott es so wollte. Auf mich wirken Erzählungen dieser Art immer, als befände ich mich in einem Fiebertraum à la Alice im Wunderland, und genau diesen Effekt hatte vieles was Collum und seinen neuen Gefährt*innen widerfährt, auf mich. Auch im Nachhinein fällt es mir leider schwer zuzuordnen welches wundersame Ereignis welchen Sinn für die Handlung ergeben sollte. Dazu kam, dass die Geschehnisse immer wieder durch die sehr langen Kapitel unterbrochen wurden, in denen wir einen Ausflug in die Vergangenheit der jeweiligen Charaktere machten, und dass sich einige an sich spannenden (Kampf-)Szenen sehr zogen und eher langweilig wurden.
Der Schreibstil des Autors ist trocken und stellenweise auch lakonisch, was so einige witzige Textstellen mit sich bringt, gleichzeitig aber auch Distanz zu den Charakteren herstellt und die Emotionen der Lesenden wenig anspricht. Charakter xy stirbt? War mir leider relativ egal. Und um zu sagen, dass es sich um eine Persiflage oder humorvolle Fantasy handelt war es dann leider nicht witzig und verschroben genug.
Das Buch hat ganz sicher viele sehr wichtige Metathemen, die zum Nachdenken anregen und sich auf’s heutige Weltgeschehen übertragen lassen. Abgesehen der Charakterisierungen der Protagonist*innen, geht es z.B. darum, dass die Völkerwanderung damals (und noch viel früher begann), dass Religion häufig mehr Probleme schafft als sie zu lösen und dass Monarchie noch nie eine kluge Regierungsform war. Diese Aspekte gingen für mich aber leider dadurch verloren, dass die Rahmenhandlung sich sehr zog und allgemein sehr dünn war – das Buch hätte, wenn es nur die Hälfte so dick gewesen wäre, vermutlich mehr Eindruck bei mir hinterlassen. Überrascht hat mich die Menge an Tippfehlern bei einem Verlagsbuch.
Für echte Kenner und Fans der Artussage könnte es aber dennoch ein Schmankerl sein.

Wertung: 6/15 dpt
- Autor: Lev Grossman
- Titel: The Bright Sword
- Originaltitel: The Bright Sword
- Übersetzer: Heide Franck und Alexandra Jordan
- Verlag: Fischer Tor
- Erschienen: 23.04.2025
- Einband: Hardcover
- Seiten: 720
- ISBN: 978-3-596-71181-9
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